Syphilis - Die unbekannte Gefahr

Redaktion Von Redaktion

Vor 35 Jahren erschütterte ein Medizinskandal in den USA die Medien. Afroamerikaner wurden unter ärztlicher Aufsicht missbraucht, um den Verlauf der Syphilis zu dokumentierten. Heute ist die Krankheit untergegangen, aber immer noch gefährlich.

Sie waren arm und schwarz, sie hatten ihr Land in den USA und dann sagte man ihnen, dass sie "bad blood" hätten, schlechtes Blut. Aber, nein, sie bräuchten sich keine Sorgen zu machen, sie würden behandelt, kostenlos, und sie würden zur Klinik gefahren, auch kostenlos. Das klang gut. Und es gab noch mehr, eine warme Mahlzeit täglich, garantiert, und, sollte die Behandlung nicht anschlagen, bekämen die Angehörigen noch 50 Dollar Unterstützung für die Beerdigung.

Die 400 Schwarzen aus Tuskegee, Alabama, USA, waren "sharecroppers", eine Art Landpächter, und das, was ihnen die Wissenschaftler versprachen, war außergewöhnlich, denn warmes Essen und kostenlose Behandlung, was kann dann an der Studie schon falsch sein, was könnte ihnen schon geschehen? Sie konnten nicht lesen und schreiben, im Jahre 1932, aber sie hatten ihre Hoffnung, die, dass man ihnen helfen konnte und aus bad blood wieder good blood wird.
Dass sie Syphilis hatten, sagte ihnen niemand. Man untersuchte sie darauf, wie die Syphilis in ihrem Körper unter natürlichen Bedingungen fortschritt, aber auch das verschwieg man ihnen. "Good blood", das hörten sie, das ist das Ziel der Studie, denn ja, sie hatten ungeschützten Geschlechtsverkehr, und nun, ja, als Folge haben sie "bad blood".

Lähmungen, Wahnanfälle, nässende Wunden

Und so hatten die Schwarzen drei Wochen nach dem ungeschützten Sex nur kleine, schmerzlose Geschwüre bekommen, die sogenannten harten Schanker. Fünf Wochen bis zwei Jahre später dann Hautausschläge, die sich zu nässenden Knötchen ausbildeten, aus denen hochinfektiöse Flüssigkeit austrat. Fünf Jahre vergingen, nun waren die Knötchen gummiartig und auch an den inneren Organen zu finden, besonders im Herz-Kreislaufsystem. Und nach weiteren 10 bis 30 Jahren schließlich war auch das Gehirn befallen und das Nervensystem, die Folge waren Wahnanfälle und Lähmungen. Doch da hatten sie die Syphilis längst an ihre Frauen weitergegeben, die tote Kinder gebaren und unter den gleichen Symptomen litten.

Die US-Gesundheitsbehörde vertrat damals die Ansicht, dass Schwarze unzivilisiert waren und man die Syphilis allein deshalb schon nicht in den Griff bekommen würde. Nun würde die Krankheit das beenden, was der Mensch nicht geschafft hatte, "das Negerproblem lösen." Sagte schon 1912 Thomas W. Murell. Kein Problem also, das Tuskegee-Experiments in Alabama, auch nicht für den schwarzen Leiter des Instituts. Denn er ging davon aus, dass die Krankheit bei Weißen anders verlaufe als bei Schwarzen, bei Weißen würden die Geschlechtsorgane geschädigt, bei Schwarzen "nur" die Herzgefäße, weil das Gehirn der Schwarzen den Weißen gegenüber um 1000 Jahre zurück war.

Schwarz, sexuell hyperaktiv und verdorben

Syphilis, eine Schwarzenseuche also, das dachte man damals. Heute ist das anders. Man hat verschiedene Theorien entwickelt, woher der Erreger kommen könnte. Erstmals erwähnt ist die Syphilis 1530 in einem Gedicht, dort ist die Rede von Syphilis, sive morbus gallicus, Syphillis oder die gallische / französische Krankheit. In dem Gedicht geht es um einen Schafhirten namens Syphilius, es ist die erste Beschreibung eines erkrankten Menschen.

Also muss es die Krankheit schon 1530 gegeben haben. Bald datierte man das Erstauftreten zurück auf 1495. Damals hatte es eine ganze Epidemie in Europa gegeben. Dann dachte man, dass Kolumbus bei seinen Schiffsreisen den Erreger eingeschleppt hatte, aber auch das wurde bald widerlegt. Man fand Knochen in England, man fand Zähne in Süditalien und letztere ließen sich auf das 6. Jahrhundert v.Chr. zurückdatieren. Die Zähne, die man fand, wiesen kleine Furchen auf, wie sie nur bei der Syphilis auftreten können. Heute vermutet man übrigens, dass durch die aufkommende Hygiene der Erreger immer gefährlicher wurde.

Syphilis also ist keine Schwarzenseuche. Aber man brauchte einen Schuldigen. Und wer passte da mehr als die Schwarzen, die als sexuell hyperaktiv galten und dazu unzivilisiert? Die USA litten damals unter der Großen Depression, als die Studie 1932 begann, 15 Millionen Menschen waren arbeitslos. Die Industrieproduktion war seit 1929 um fast die Hälfte gesunken und auch die Landwirtschaft nagte an der Existenz. Und obwohl die Sklaverei seit fast siebzig Jahren abgeschafft war, wurden Schwarze immer noch ausgebeutet. Sie pachteten Land, bebauten es mit Baumwolle und mussten den Ertrag an die Landbesitzer abgeben. Und wenn sie nicht auf die Leibeigenen hörten, dann wurden sie verprügelt, sie wurden gejagt, eingesperrt, aufgeknüpft am Baum, ohne Konsequenzen. So war auch fast kein Schwarzer dort jemals medizinisch versorgt worden, denn ohne Geld gab es keine Behandlung.

Deswegen meldeten sich die Schwarzen, sie sahen die Vorteile und sie sahen auch das Geld, denn 50 Dollar, davon konnte man sich eine halbwegs anständige Beerdigung leisten, 50 Dollar, kostenlose Logis, das war Luxus, das war fast elitär. Und so ließen sie sich Schmerzmittel geben und den Rücken punktieren.

Vom Quecksilber über Arsen zum Penicilin

Dass es 1932 längst gute Medikamente gab, verschwieg man ihnen. Schon die Indianer in Südamerika hatten ein wirkungsvolles Mittel. Sie kochten das Holz des Guajakbaumes ab und tranken das gewonnene Guajak bei einem Hitzebad der Genitalien. Das verhinderte zwar nur bedingt den weiteren Fortschritt der Krankheit, aber es half vorübergehend. Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckte man dann Quecksilber als Medikament. Die Patienten wurden damit von oben bis unten eingerieben, bald aber litten sie unter Haarausfall und Zahnlücken, die Körperfunktionen nahmen rapide ab.
1909 schließlich verabreichte man eine Arsenverbindung, das sogenannte Salvarsan, erstmals war eine gezielte Behandlung möglich. Elf Jahre später wurde das Penicilin entwickelt, es wird bis heute eingesetzt, weil das spiralförmige Bakterium Treponema pallidum, dass die Syphilis auslöst, bisher keine Resistenz zeigt.

Treponema pallidum, auch das wusste man damals bereits, war einzig beim Menschen so gefährlich. Es überlebt außerhalb des Körpers nur bedingt und benötigt die menschlichen Nährstoffe als Umgebung. Deswegen ist es bis heute nicht möglich, es rein im Labor nachzuzüchten. Ein ungefährlicher Ableger des Bakteriums befindet sich sogar weit verbreitet im menschlichen Körper, im Mundraum und an den Geschlechtsorganen.

Nachdem man das Penicilin erfand, gingen die Krankheitszahlen rapide zurück. Man erkannte, dass Syphilis nur in ganz seltenen Fällen nicht sexuell übertragen wird, also beispielsweise durch infizierte Nadeln, nur die nässenden Knötchen sind hochinfektiös. Aber je länger die Krankheit im Körper wütet, desto weniger infektiös ist dieses Knötchen.

40 000 Dollar für die Überlebenden

Die Studie an den Schwarzen lief bis zum 25. Juli 1972, fast 40 Jahre später also, als endlich die Presse darüber berichtete, erst eine Washingtoner Lokaljournallie und dann die ganze Medienlandschaft. Und man schließlich die Geschädigten, die 40 Jahre überlebt hatten, mit 40 000 Dollar entschädigte und die Angehörigen von Verstorbenen mit 15 000 Dollar.

In einer Zeremonie entschuldigte sich dann 1997 Bill Clinton vor den Angehörigen und Überlebenden. Da war das Tuskegee-Institut längt geschlossen. Heute ist es wieder geöffnet, als National Center of Bioethics in Research and Health.

Die Krankheitszahlen stiegen derweil wieder. Vor allem homosexuelle Männer waren nun betroffen und sind es heute noch, 73 Prozent. Im Jahre 1999 gab es insgesamt zwölf Millionen Neuinfektionen, fast neunzig Prozent davon in den Entwicklungsländern und fast zehn in den Ländern des ehemaligen Ostblocks. Im Jahre 2004 gab es in Deutschland einen traurigen Höhepunkt mit 3352 Fällen nicht selten als Ko-Infektion mit HIV. Und stecken sich im Durchschnitt 4 Menschen pro 100 000 Einwohnern an, sind es in Berlin erschreckende 14, dann Hamburg mit 7,5. Überhaupt sind vor allem Großstädter betroffen. Es ist der anonyme Sex, der ungeschützte und der Gedanke, dass bestimmte Praktiken ein geringeres HIV-Risiko bergen, wie beispielsweise der Oralsex. An Syphilis denkt niemand.

Die Verantwortlichen für den größten Medizinskandal in der Geschichte der USA blieben übrigens unbestraft. Sie rechtfertigten sich damit, dass sie ja durchaus wichtige Erkenntnisse errungen haben. Zum Beispiel, dass Syphilis bei Schwarzen und Weißen gleich verlaufe.

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Weitere Quellen: Tagesspiegel, Wikipedia, Brockhaus Enzyklopädie, EncartaBilder: photocase.com