Verbotene Spende

Redaktion Von Redaktion

Schwule sind in Deutschland generell und dauerhaft vom Blutspenden ausgeschlossen. Egal, ob der letzte HIV-Test negativ ausgefallen ist oder sie seit 25 Jahren monogamen Safer Sex haben. Geht Sicherheit tatsächlich vor Diskriminierungsschutz?

Schwule sind in Deutschland generell und dauerhaft vom Blutspenden ausgeschlossen. Egal, ob der letzte HIV-Test negativ ausgefallen ist oder sie seit 25 Jahren monogamen Safer Sex haben. Geht Sicherheit tatsächlich vor Diskriminierungsschutz?

Blutspenden ist eine gute Sache: Ich kann ohne großen Aufwand und persönliches Opfer anderen Menschen effektiv helfen. Für die Spende bekomme ich ein kleines Vesper, bei manchen Stellen sogar ein bisschen Geld. Also fasse ich mir ein Herz und mache ich mich in Richtung Blutspendestelle auf. Dort wird mir vor dem eigentlichen Spenden ein Fragebogen vorgelegt, mit der Bitte ihn gewissenhaft auszufüllen. "Hatten Sie schon einmal oder haben Sie gleichgeschlechtlichen Geschlechtsverkehr?" oder so ähnlich heißt es da. Wahrheitsgemäß kreuze ich "Ja" an.

Ich gebe den Fragebogen ab und warte. Nach einiger Zeit taucht eine Ärztin auf; sie bittet mich in ein kleines Nebenzimmer. Dort teilt sie mir nach kurzem, einleitenden Blabla diskret aber bestimmt mit, dass ich zur Zeit leider kein Blutspenden dürfe, da ich homosexuell sei. Ich gehöre einer Personengruppen an, die gesetzlich von der Blutspende ausgeschlossen sei. Ich denke mir "Aha" und frage vorsichtig, ob ich denn vielleicht in ein paar Jahren wieder spenden dürfe. Die Antwort fällt deutlich aus: "Nach momentaner Rechtslage dürfen sie Ihr ganzes Leben lang nicht spenden."

Traurig mache ich mich auf den Heimweg. Irgendwie kommt in mir ein Gefühl von Wut und Ohnmacht auf. Nur weil ich schwul bin, darf ich nicht Blut spenden und damit anderen Menschen helfen? Gibt es sie doch noch, die staatlich organisierte Diskriminierung? Kann denn schwules Blut wirklich kein Leben retten?

Tatsächlich schließen die "Richtlinien zur Gewinnung von Blut und Blutbestandteilen und zur Anwendung von Blutprodukten" bestimmte Personengruppen auf Dauer von der Blutspende aus. Dazu zählen Personen mit bestimmten (chronischen) Erkrankungen, ständigen Arzneimittelbehandlungen sowie Menschen, die zu einer Gruppe gehören, die statistisch häufiger von HIV und Hepatitis betroffen ist. Dazu zählen unter anderen Alkoholiker, Drogenabhängige, Menschen mit häufig wechselnden Sexualpartnern, Sextouristen, Prostituierte, Häftlinge und eben schwule und bisexuelle Männer.
Neben der normalen Blut- und Plasmaspende ist es Schwulen auch nicht erlaubt, sich für die Deutsche Knochenmarksspenderdatei (DKMS) registrieren zu lassen (geschweige denn natürlich, Knochenmark zu spenden).

Diese Richtlinien wurden vom wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer unter Beteiligung verschiedener anderer Organisationen (u.a. des Paul-Ehrlich-Instituts und des Robert-Koch-Instituts) festgelegt und zuletzt im Dezember 2003 aktualisiert. Durch die Veröffentlichung im Bundesgesundheitsblatt sind diese Richtlinien rechtsbindend. Die Richtlinien können in vollem Wortlaut als pdf-Datei heruntergeladen werden:
http://www.bundesaerztekammer.de/30/Richtlinien/Richtidx/Blutprodukte
Die entscheidende Passage findet sich in Abschnitt 2.2.1.

Die Ausschlusskriterien sollen selbst allerkleinste Risiken ausschließen und die in den 90er-Jahren in Verruf geratene Sicherheit von Bluttransfusionen erhöhen. Begründet wird der generelle Ausschluss von schwulen Spendern damit, dass Personen, die gleichgeschlechtlichen Verkehr pflegen, ein gegenüber der Allgemeinbevölkerung deutlich erhöhtes Risiko für eine HBV-, HCV- oder HIV-Infektion haben. Nach dem HIV/AIDS-Bericht 2003 des Robert-Koch-Instituts stellen Männer, die Sex mit Männern haben, unter den im Jahr 2003 neu an AIDS Erkrankten mit 45 Prozent die größte Gruppe dar. Auch unter den 1.700 im selben Zeitraum neu diagnostizierten HIV-Infektionen ist der Anteil dieser Gruppe mit 41 Prozent der größte. Die Anzahl der gemeldeten neu diagnostizierten HIV-Infektionen bei Männern mit gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten nimmt in den letzten Jahren sogar leicht zu. Insbesondere in den Großstädten Berlin, Hamburg, München, Köln und Frankfurt lässt sich ein Anstieg feststellen. Zurückzuführen ist dies nach Untersuchungen auf einen allmählichen Rückgang des Kondomgebrauchs und eine Zunahme von sexuellen Risikokontakten seit Mitte der 90er Jahre.

Ein häufiges Argument der Schwulen gegen die Pauschalregelung ist, dass das Spenderblut nach der Spende sowieso routinemäßig auf Hepatitis-C-Viren und HIV-Antikörper getestet wird. Allerdings ist das Problem bei einer frühen Infektionsphase die untere Nachweisgrenze für Erreger bzw. das diagnostische Fenster. Zu deutsch: In bestimmten Phasen nach der Ansteckung lassen sich die Erreger nicht zweifelsfrei nachweisen.

Nachvollziehbar ist, dass viele Schwule sich dadurch diskriminiert fühlen. Der Fragebogen, den ich vor der ersten Spende ausfüllen muss, fragt nicht nach meinem individuellen Risikoverhalten ("Wie oft hatten Sie in den letzten 24 Monaten ungeschützten Verkehr? Mit wie vielen verschiedenen Partnern?"). Es werden dagegen Menschen allein wegen ihrer sexuellen Orientierung ausgeschlossen. Von den Schwulenverbänden wird kritisiert, dass sich dadurch eine ganze Bevölkerungsgruppe unabhängig vom konkreten Verhalten unter "Generalverdacht" gestellt fühlt.

Rein rechtlich wird eine Klage gegen die Diskriminierung kaum Aussichten auf Erfolg haben. Denn die Einschränkung, die man durch das Blutspendeverbot erleidet, wiegt kaum schwerer als die erhöhte Gefahr eines Patienten, sich mit dem HIV zu infizieren. Und wer möchte schon das Risiko auf sich nehmen und sich Blutkonserven von einer für HIV "prädestinierten" Person verabreichen lassen?

Sicher sind die Fälle, von denen der Lesben und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) berichtet, diskriminierend und ausgrenzend. Fälle, in denen Schwule sich sicher sind, dass bei ihnen keinerlei HIV-riskantes Verhalten vorliegt. Schwule, die in einer langjährigen monogamen Partnerschaft leben, und argumentieren, dass damit bei ihnen die Gefahr einer HIV-Infektion ebenso gering sei wie bei Heterosexuellen in gleicher Lebenssituation.
Dennoch können die Richtlinien aufgrund ihres allgemeingültigen Charakters nicht auf persönliche Lebensumstände und Lebensweisen jedes Einzelnen eingehen bzw. sich auf diese beziehen. Je mehr Spielraum der einzelnen Spendestelle eingeräumt werden würde, desto größer und unkalkulierbarer würde das Risiko werden.

Auf einer Anfrage des LSVD gab die Bundesärztekammer im Dezember 2001 ganz unverhohlen zu, dass "eine Streichung des [...] Ausschlusskriteriums in Erwägung gezogen werden wird, sobald die Datenlage des Robert-Koch-lnstituts dies zulässt." Sobald die AIDS-Rate bei männlichen Homosexuellen also nicht mehr überdurchschnittlich sein sollte, überdenkt man bei der Bundesärztekammer die bestehenden Regelungen.
Wir Schwulen haben es also letztendlich selbst in der Hand. Sobald die hohe AIDS-Rate unter männlichen Homosexuellen gefallen ist, dürfen wir also wieder Blut spenden. Es bleibt also das alte, immerfort währende Lied: "Gib AIDS keine Chance"...

Für alle, die sich bei der gemeinsamen Spende im Verein oder Bekanntenkreis einem unfreiwilligen Coming-Out gegenüber sehen, sei zum Schluss noch erwähnt, dass es den "freiwilligen Selbstausschluss" gibt. Der Spender kann dabei aus Gründen, die er nicht angeben muss, den Spendedienst bitten, sein Blut nicht zu verwenden. Der Spender kann zwar in der Gruppe mit zur Spende gehen, gleichzeitig aber sein Blut nicht zur Verwendung freigeben. Dies wird ebenfalls auf dem Fragebogen vermerkt und (wie alle anderen Angaben auch) vertraulich behandelt.

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Weitere Quellen: Bundesärztekammer