30 Jahre schwuler Notruf

Redaktion Von Redaktion

An wen kann man sich wenden, wenn man als Schwuler nicht mehr weiter weiß? In Deutschland gibt es die Rosa Hilfen. Aber wie gut sind diese wirklich? dbna hat die Rosa Hilfe in Würzburg unter die Lupe genommen.

Der Gedanke quält einen schon lange. Aber keiner der Freunde und Bekannten eignet sich, um mit ihm oder ihr darüber zu sprechen. Man traut sich nicht, man hat Angst. Je länger man das Problem vor sich herschiebt, desto drängender wird es. An wen kann ich mich wenden?

Als Homosexueller hat man für seine ganz persönlichen Probleme eine eigene Notfall-Nummer: 19446. In jeder Großstadt gibt es heutzutage eine Rosa Hilfe, einen ehrenamtlichen Beratungsdienst von Homosexuellen für Homosexuelle. Egal, ob es um das innere oder äußere Coming-out geht, um Probleme in der Beziehung, ob man Informationen über homosexuelles Leben in der Region haben will oder etwas über Geschlechtsverkehr, Verhütung oder HIV/AIDS wissen möchte, dort erhält man die nötige, anonyme und unkomplizierte Unterstützung.

Seit dreißig Jahren gibt es die Würzburger Rosa Hilfe. Der erste schriftliche Beleg geht auf das Jahr 1978 zurück. Ein Flugblatt teilt mit: "Donnerstag, 26.10., 18-20h ROSA-Telefon, Beratung und Information", dazu die Nummer eines Privatanschlusses, etwas, was sich seither geändert hat. Heute gibt es auch für die Würzburger die bundesweite Nummer 19446, die an die örtlichen Rosa Hilfen direkt weiterleitet. Heimstatt der Rosa Hilfe Würzburg ist inzwischen das Würzburger Schwullesbischen Zentrums WuF e.V.

In den letzten Jahren hat die Rosa Hilfe ihr Beratungsangebot ausgebaut. Sie ist nicht mehr nur telefonisch, per Brief, Fax oder E-Mail erreichbar, sondern inzwischen auch über Chat. Letzteres ist für die ehrenamtlichen Helfer bereits ein "unverzichtbares Medium für niedrigschwellige Beratungsangebote" (das ist Hilfe unter Anonymität am Telefon und im Chat) geworden wie sie selbst sagen. Dabei hält die Rosa Hilfe Würzburg sich selbstverständlich an die Grundsätze der Chatberatung, die von den Aidshilfen entwickelt wurden wie: Wertungsfreiheit, Klientenanonymität, Erkennbarkeit als Beratungsinstitution, Zurückhaltung gegenüber anderen User und keine Nutzung des eigenen, privaten Profils auf der Plattform. Zudem ist man während der Beratungszeiten mittwochs von 20 bis 22 Uhr immer zu zweit präsent: zur Wissensbündelung, die eine hochwertigere Beratung ermöglicht, aber auch zur sofortigen Nachbesprechung und Reflexion der Gespräche.

Markus (26) hilft nun schon seit vier Jahren bei der Würzburger Rosa Hilfe. "Ich wollte das, was ich ohnehin schon immer gemacht habe, etwas professionalisieren", begründet der Unterfranke seine Motivation. Auch komme der soziale Aspekt für ihn hinzu, da er mit 24 einfach aus der Jugendgruppe herausgewachsen sei, sich aber weiter engagieren wolle. Schmunzelnd meint er auch: "Die Mitarbeit bei der Rosa Hilfe ist für mich ein Stück weit ein Ausgleich, da es greifbarer ist und am Ende auch ein Ergebnis vorliegt das macht es erfüllender als meine Arbeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni."

Da sich die Mitwirkenden der Rosa Hilfe Würzburg ständig fortbilden, konnte Markus sich auch wirklich professionalisieren im Vergleich zu seiner Jugendarbeit, die nie so intensive Betreuungszüge annahm. Man will soweit das ehrenamtlich möglich ist professionell beraten, um so effektiv helfen zu können. Dazu besuchen die Rosa Helfer andere Beratungsstellen wie den Krisendienst oder die Aidsberatungsstelle, lassen sich in Sachen Gesprächsführung trainieren, veranstalten jährlich ein gemeinsames Wochenende mit der Rosa Hilfe Nürnberg. Seit 2007 hat das Würzburger Team eine regelmäßige Supervision, das heißt eine Begleitung bei der Reflexion und Verbesserung der Beratung durch eine Sozialpädagogin.

Aber die Fortbildung und Qualität der Beratung will auch finanziert werden. Daher wird von der Rosa Hilfe Würzburg seit 5 Jahren die sogenannte Rosa-Hilfe-Gala organisiert, ein bunter Abend mit Künstlern aus der Region, die auf ihre Gagen verzichten. Die Veranstaltung wird rege besucht und findet auch bei den Repräsentanten der Stadt Anerkennung und Unterstützung.

"Wichtig ist aber, dass wir keine Therapiestelle sind", stellt Markus klar. Sie könnten nur begrenzt helfen, Rat geben. Wenn sie merken, dass das Thema zu heikel sei, weil jemand professionelle Hilfe brauche, dann habe man die entsprechenden Kontakte zu ausgebildeten spezialisierten Beratungs- und Therapiediensten, im extremsten Fall zu psychiatrischen Krankenhäusern. Markus meint dazu: "Wir kennen unsere eigenen Grenzen, respektieren und beachten diese. Das bedeutet für uns als semi-professionelle, ehrenamtliche Berater Qualitätssicherung." Die Mitarbeiter greifen nicht selbst ein, sie nehmen sich zurück, das heißt der Klient muss sich selbst helfen und soll mit Hilfe der Beratung, die nachfragt und zurückspiegelt, die Lösung selbst finden. Dabei steht die Person im Vordergrund und nicht die Betrachtung eines "Hilfsbedürftigen" oder gar "Kranken".

Das zumindest sind die Ansprüche, die die Würzburger an sich selbst haben. Aber wie sieht es in der Wirklichkeit aus? Ein persönlicher Telefontest hat es ergeben. In Würzburg wurde der Rosa Hilfe auf den Zahn gefühlt. Nachdem der Einstieg in das Gespräch aufgrund der eigenen Unsicherheit - das Problem war durchaus real - eher schleppend verlief, fühlte der Autor sich von Nils, so der Name des Würzburger Mitarbeiters, der abnahm, als Person angenommen und vor allem ernstgenommen. Nils half beim langsamen Vortasten zum eigentlichen Thema. War der entsprechende Schritt getan, sprudelten auch schon die Worte. Nils fragte nach, griff vorher angesprochene Probleme auf. So gelangte gemeinsam selbst am Ende zu einer Lösung, so dass es auf jeden Fall weitergeholfen hat. Doch handeln muss man letztendlich immer selbst. Insgesamt kann man die Beratung als gut bis sehr gut beschreiben, wurden doch die selbstauferlegten Regeln bis ins letzte Detail eingehalten.

Aber wie sieht daneben die Rosa Hilfe Würzburg ihre Zukunft? Trotz aller Verbesserungen in den letzten Jahrzehnten Abschaffung des StGB-Paragrafen 175, schwulenfreundliche Kneipen in jeder Stadt, Homo-Ehe, TV-Soaps, die Homosexuelle einbauen etc. bräuchten immer noch schwule Jugendliche und Erwachsene Hilfe. Denn noch immer kämen diese wegen Coming-Out-Problemen, Fragen und Problemen mit sexuell übertragbaren Krankheiten wie HIV/AIDS, Beziehungsproblemen oder einfach nur mit dem Bedürfnis, als einziger Schwuler unter vielen Heterosexuellen Kontakt zu anderen Schwulen zu bekommen, auf die Rosa Hilfe Würzburg zu. Sie sehen sich als die Experten bei diesen und anderen größeren und kleinen Problemen.

"Vielleicht werden wir ja eines Tages doch überflüssig ich hoffe es ja aber", sagt Markus, "das ist in absehbarer Zeit nicht der Fall." Es brauche speziell auf schwule Männer zugeschnittene Beratungsangebote. Und wer könne diese besser anbieten als schwule Männer, die viele schwulenspezifische Problemsituationen und die "Szene" mit ihren Eigenheiten kennen und sich für die Beratungtätigkeit regelmäßig aus- und fortbilden lassen?

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Weitere Quellen: photocase.com