365 Tage, 365 Männer

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
365 Tage, 365 Männer
Andrea Linss

Der Künstler Mischa Badasyan hat am 1. September sein Kunstprojekt "save the date" gestartet. Er will jeden Tag Sex mit einem anderen Mann haben. Im dbna-Interview spricht er über Einsamkeit und was ist, wenn er mal keine Lust hat.

dbna: Das Kunstprojekt "save the date" läuft seit 1. September. Wie war es, das erste Mal Sex für die Kunst zu haben?

Mischa Badasyan: Ich würde das nicht so bezeichnen. Das erste Date war mit einem 76-jährigen Mann. Ich hatte noch nie Sex mit einem so alten Mann. Aber ich habe mich für die Person interessiert, denn ich versuche, die Leute wirklich kennenzulernen. Außerdem geht es nicht nur um Sex, das ist eine Zuspitzung.

Es ist also kein Sexdate?

Was ein Sexdate ist, definiert ja sowieso jeder anders. Das erste Mal war aber schon besonders: Es war ein Kameramann und ein Fotograf dabei. Denn der Mann hat mich gefunden, nicht ich ihn. Er ist wegen der Medienberichte auf mich aufmerksam geworden und hat mich kontaktiert. Ich habe mir nichts dabei gedacht, ich wollte ihn treffen, weil er super interessant war.

Und wie war das zweite Mal?

Das war ein Bekannter von mir, den ich davor schon zweimal getroffen habe. Er war im Urlaub und kam gestern wieder.

Andrea Linss

Hast du für heute schon jemanden gefunden?

Heute ist es schon vorbei. Lacht. Es war mit einem Italiener beim Frühstück. Wir haben uns gestern im Internet kennengelernt und wollten uns sofort treffen.

Wissen deine Sexpartner, dass sie Teil eines Kunstprojekts werden?

Nein, die ursprüngliche Idee war, nichts zu erzählen. Allerdings bin ich jetzt schon ein bisschen bekannter, was aber gar nicht mein Plan war. Viele schreiben mir, dass sie mich kennen. Sie meinen das nicht negativ, aber sie wissen eben, worum es mir geht. Aber auch das gehört zu Performance-Kunst, nämlich dass sie sich verändert und vom eigentlichen Plan abweicht.

Was ist denn, wenn du mal keine Lust hast?

Da muss ich durch. Das macht ja das Projekt aus, das ist jetzt mein Leben. Ich finde es genial und schön, denn das Thema Sexualität ist überall so präsent. Natürlich habe ich auch Bedenken, was HIV oder meine Familie angeht. Oder ich verliebe mich.

Andrea Linss

Du bist ja bei deiner Familie in Russland nicht geoutet. Hast du Angst, dass sie es dadurch erfährt?

Meine Schwester und mein Bruder wissen es seit einem furchtbaren Erlebnis in Russland. Ich war für ein Date verabredet, aber ich traf Nazis mit Elektroschockern. Sie haben mich eingesperrt, Videos von mir gemacht und ins Internet gestellt. So war ich zwangsläufig geoutet. Einige Freunde haben mir daraufhin den Rücken gekehrt.

Und zum Thema HIV und andere Krankheiten. Wie gehst du damit um?

Ich verwende immer Kondome. Das ist Teil der Kampagne, denn ich arbeite mit der Berliner Aids-Hilfe zusammen. Zum Welt-Aids-Tag will ich mein Projekt vorstellen und Statistiken zeigen, auch zu Einsamkeit.

Was hat deine Kunst denn mit Einsamkeit zu tun?

Man fühlt sich oft einsam und alleine. Deshalb will ich selbst etwas von mir geben und mich jeden Tag mit Menschen treffen und austauschen. Riesige Städte, Supermärkte, Autobahnen. Das alles sind für mich einsame Nicht-Orte.

Andrea Linss

Nicht-Orte?

Ja, Nicht-Orte. Menschen treffen sich dort zwar, aber kommunizieren nicht miteinander. Sie haben keine Möglichkeit, sich zu identifizieren. Stattdessen verlieren sie sich und werden einsam. Diese Nicht-Orte beeinflussen auch die Sexualität.

Am Ende von "save the date" steht ein Film.

Genau, ich mache zusammen mit Jochen Hick einen Film über das Projekt. Darin sammeln wir meine Videotagebuch-Eindrücke.

Was machst du heute noch?

Für heute bin ich ja erst einmal durch. Lacht. Später bin ich bei einem Performance-Festival. Morgen geht es dann weiter mit der Suche. Ich schaue vor allem im Internet, aber wenn ich da nichts finde, gehe ich in einen Cruising Park, eine Schwulensauna oder eine Sexbar.

Danke für das Gespräch, Mischa!

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