Adieu, altes Leben!

Redaktion Von Redaktion

Liebes Internet, du machst mich unsterblich. Du zeigst mir den Weg, du beantwortest meine Fragen und bietest mir eine Bühne, die ich gerne nutze. Dabei bemerke ich nicht, dass ich mich in deiner Unendlichkeit verliere.

Liebes Internet,

wie konnte ich ohne dich jemals glücklich sein? Oder habe ich das Leben ohne dich gar nicht kennen gelernt? Ich weiß es nicht mehr. Die einst klaren Bilder der Straßen, die ich entlanglief und der Menschen, die ich traf - sie verwischen vor meinen Augen zu einem blassen, nichts sagenden Brei. Sicher ist nur: ohne dich, liebes Internet, will ich nicht mehr leben. Denn du machst das Leben lebenswert. Du zeigst mir den Weg, du unterhältst mich, wenn ich nicht einschlafen kann. Du kannst mir alle Fragen beantworten, ich muss dich nur fragen. Wie viele Abende habe ich schon damit verbracht, dich zu bewundern?

Gemeinsam tauchen die Menschen von heute in deine Tiefen hinab. Sie berauschen sich an deiner Unendlichkeit und sind froh, dass sie sich in dir gefunden haben. Denn alleine wäre es ganz schön einsam hier. Die Menschen können sich zwar nicht sehen, aber sie können sich beinahe fühlen. Das verbindet sie. Du, liebes Internet, bist so wie ich. Wir sind zwei und eins zugleich.

Worte, so viele Worte um mich herum. Sie schneien mich ein und zerrinnen zwischen den Händen, wenn ich sie zu greifen versuche. Dass sie hier existieren ist paradox. Denn durch sie bist du - und doch sind sie nichts weiter als leerer Schellenklang, der sich im Getöse verliert. Aber ohne diese Worte hätten wir uns nie gefunden. Wir wären aneinander vorbeigelaufen, als gäbe es den anderen nicht. Ein bittersüßer Nachgeschmack bleibt auf meiner Zunge kleben, wenn ich das sage. Denn manchmal wünsche ich mir tatsächlich, dass wir beide uns einfach mal in Ruhe lassen könnten.

Eine Bühne für jeden

Aber Stille findet man hier nicht. Möglicherweise ist sie der einzige Mangel. Ich brauche mehr Stille! Aber bitte eine gute Stille, die mir heute nur noch selten begegnet. Zum Beispiel, wenn ich es schaffe, die Welt dort draußen für einen Augenblick auszusperren. Nicht diese vernichtende Stille, die mich mit Entsetzen erfüllt. Weil niemand meine Schreie hört.

Und dabei schreien die Menschen so viel, so häufig. Fast jeder, stundenlang. Denn aus dem Getöse ragt eine Bühne hervor, die für jeden, der dich benutzt, gemacht zu sein scheint. Jeder will sie betreten und allen anderen zeigen, wie begehrenswert er ist. Wie klug, wie hübsch, wie erfolgreich, mächtig, individuell, anders. Jeder kommt zum Zug, manchmal über die berühmten "Fünf Minuten" hinaus.

Sex, Sex, Sex prasselt auf mich ein. Es ist seltsam und fast ironisch, dass ich mich gerade in deiner Unendlichkeit mit meinen biologischen Funktionen konfrontiert sehe. Wo doch Körperlichkeit in dir nicht das geringste bedeutet. Einige kommen mir vor wie Verdurstende, die sich inmitten der Wüste das Bild eines Ozeans ansehen müssen, kurz bevor sie zugrunde gehen. Sie lechzen nach Kontakt, nach Körperlichkeit, nach einem Menschen - und finden doch nur Phantome und Geister. Nicht mehr als langweilige Pappfiguren, zusammengesetzt aus leeren Worthülsen und eigenen Wünschen.

Adieu, altes Leben!

Ist das schlimm? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist das die Zukunft, in der niemand alleine gelassen wird. Es gibt immer jemanden, der den Menschen sagt, was sie tun sollen. Und so kann ich beruhigt sein. Denn du, liebes Internet, wirst auch morgen noch für mich da sein. Du wirst alle Menschen mit offenen Armen erwarten. Wir werden uns sicherlich bald wieder sehen. Morgen, oder in ein paar Tagen. Es kümmert nicht, denn in dir werde ich unsterblich sein.

Vielleicht möchte ich irgendwann gar nicht mehr fortgehen. Ich werde meinen Körper hinter mir lassen und in deinem Getöse abtauchen. Dann werde ich die Augen schließen und mich von Worten einschneien lassen. Ich werden den schwachen Schemen in meinem Kopf, die einmal Menschen waren, endgültig Lebewohl sagen. Die Unendlichkeit wartet auf uns, liebes Internet!

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Weitere Quellen: istockphoto.com/Perry Kroll; istockphoto.com/Luca di Filippo; istockphoto.com/Yunus Arakon