Ärger um einen Kuss

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Ärger um einen Kuss
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Das Homo-Mahnmal in Berlin sorgt erneut für Streit. Schwule Aktivisten möchten verhindern, dass in dem Denkmal ein lesbischer Kuss gezeigt wird. Im Kern geht es um die Frage, wer mehr unter den Nazis gelitten hat: Schwule oder Lesben?

Das Homo-Mahnmal in Berlin sorgt erneut für Streit. Schwule Aktivisten möchten verhindern, dass in dem Denkmal ein lesbischer Kuss gezeigt wird. Im Kern geht es um die Frage, wer mehr unter den Nazis gelitten hat: Schwule oder Lesben? Von Patrick Kremers

Der Kuss ist innig, leidenschaftlich - und dauert schon fast zwei Jahre. Im Berliner Mahnmal für die homosexuellen Opfer des Nazi-Regimes zeigt ein Film in Dauerschleife den Kuss von zwei Männern. Damit ist bald Schluss. Um auch den lesbischen Opfern zu gedenken, soll der schwule durch einen lesbischen Kuss ausgetauscht werden. 

Dieser Tausch sorgt in Berlin jetzt für mächtig Streit - obwohl er schon lange vor der offiziellen Eröffnung des Mahnmals im Jahr 2008 beschlossen war. Schwule Aktivisten warnen vor einer "Verfälschung der Geschichte", wenn statt des schwulen ein lesbischer Kuss gezeigt wird. Die Frauenzeitschrift Emma glaubt, dass "schwule Lobbyisten" das Gedenken an lesbische Opfer des Nationalsozialismus verhindern wollen.

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Gedenktafel am Mahnmal

Gedenktafel am Mahnmal

Kastration und Vergewaltigung

Im Kern geht es in dem Streit um die Frage, wer mehr unter den Nazis gelitten hat: Schwule oder Lesben? Mit einem offenen Brief an den Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) haben unter anderem Vertreter des LSVD (Lesben- und Schwulenverband Deutschland) versucht, den lesbischen Kuss zu stoppen. Es sei historisch nicht belegbar, "dass lesbische Frauen im Nationalsozialismus individueller Verfolgung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung ausgesetzt gewesen seien", erklären die Autoren. Auch Leiter von KZ-Gedenkstätten haben den Brief unterzeichnet.

Schon seit Jahren streiten sich schwule Aktivisten und Frauenrechtlerinnen um die Verfolgung von Schwulen und Lesben im Nationalsozialismus. Nachdem die Nazis im Jahr 1935 den Paragrafen 175 verschärft hatten, reichte bereits ein eindeutiger Blick zwischen zwei Männern für eine Strafverfolgung aus. Viele schwule Männer wurden daraufhin kastriert oder landeten in Konzentrationslagern. Der Paragraf habe sich nur gegen Männer gerichtet, lesbische Frauen blieben nach Angaben der schwulen Aktivisten weitgehend unbehelligt.

Die Frauenrechtlerinnen entgegnen, dass die Nazis lesbische Frauen auch ohne gesetzliche Grundlage verfolgt und in Konzentrationslager gebracht haben. Dort seien sie Gruppenvergewaltigungen ausgesetzt gewesen, schreibt "Emma". Das Magazin beruft sich auf Berichte der Wissenschaftlerinnen Claudia Schoppmann und Ilse Kokula.

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Das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen am Berliner Tiergarten

Das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen am Berliner Tiergarten

Der lesbische Kuss wird kommen

Das Homo-Mahnmal in Berlin hat vor einigen Jahren schon einmal für Streit gesorgt. Der ursprüngliche Entwurf sah nur einen Kuss zwischen zwei Männern vor, damals gab es dagegen keine Kritik. Wenige Monate später beschwerten sich Lesben- und Frauenverbände, dass die Kussszene zwischen zwei Männern das Leid von lesbischen Frauen im Nationalsozialismus ausblende. Der Streit endete in dem Kompromiss, das Video alle zwei Jahre auszutauschen.

Schwule Männer haben stärker unter der Verfolgung durch die Nazis leiden müssen - da sind sich die Forscher weitestgehend einig. So lautet zumindest die Erklärung auf einer Informationstafel am Homo-Mahnmal in Berlin. Kulturstaatsminister Neumann hat trotzdem angekündigt, dass  die Bundesregierung an dem damals vereinbarten Kompromiss festhalten werde. Der lesbische Kuss wird also kommen.

Auch die Grünen aus dem Berliner Abgeordnetenhaus haben sich in die Diskussion eingemischt - auch sie befürworten den lesbischen Kuss. Das Mahnmal will "an die Diskriminierung von Homosexuellen allgemein und bis in die heutige Zeit erinnern und mahnen", erklären Anja Kofbinger und Thomas Birk, die homo-politischen Sprecher der Berliner Grünen.

Noch nie zuvor wurde in Deutschland so heftig um einen Kuss gestritten. Die jungen Männer in dem Video werden all den Streitereien zum Trotz weiter küssen. Bis man ihnen den Strom abstellt.

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