Alles wird gut!

Patrick Fina Von Patrick Fina

Ein kleines Prinzesschen und ein kleiner Punk im Kölner Karneval. Mit vollen Kamellenbeuteln und klebrigen Patschehändchen. Und einer Einstellung zur Homosexualität, die Patrick wundern lässt. Die Zukunft wird großartig!

Lieber Christoph,

hast du etwa meine Adresse weitergegeben? Letztens erhielt ich einen Brief von einem Kindergartenfreund von dir, Sascha, der unsere Briefe zu lesen scheint. Vielleicht solltest du sie besser nicht mehr offen liegen lassen. Sascha regte sich furchtbar auf und holte dann die Moralkeule heraus. Prügelte damit ein bisschen auf mich ein - es ging um Jugend und Alkohol - und kam irgendwann zu dem Schluss, dass das Bildungssystem am Volkssport Komasaufen Schuld ist.

Immer ist das Bildungssystem an allem Schuld. Unsere Kinder sind zu doof: schuld sind die Lehrer. Unsere Kinder sind zu dick: böses Bildungssystem, mästet unsere Kinder. Der Arbeitsmarkt bietet schlechte Perspektiven: wie könnte es auch anders sein bei unserem Bildungssystem? Tarek spricht nur schlecht Deutsch: da hat das Bildungssystem wohl etwas versäumt.

Dass beim Bildungssystem auch etwas Gutes rauskommen kann, habe ich Karneval erlebt. Karneval ist in meiner schönen Heimatstadt Köln bekanntlich die fünfte Jahreszeit. Ich habe mich schon häufig gefragt, warum eigentlich - vermutlich bin ich der einzige Rheinländer, der auch ohne gut auskäme. Aber als Kölner kommt man nun mal nicht vorbei am Karneval, zumindest nicht an Rosenmontag. Also setzt man sich die rote Pappnase auf und brüllt nach Kamelle.

Köln ist nicht nur Karnevalshochburg sondern auch sehr "schwul". Als Schwuler braucht man also nicht unbedingt Angst zu haben, von einem heterosexuellen Piraten eine aufs Maul zu kriegen, wenn man öffentlich kuschelt und knutscht. Man freut sich des Lebens und verteilt einfach freudig Bützchen. Eine Erklärung für alle Nicht-Rheinländer: Das sind kleine Küsschen.

So tat es beispielsweise das schwule Pärchen, das etwa fünf Meter links neben mir stand, am Rosenmontagszug in der Kölner Südstadt. Zwischen mir und dem Pärchen stand eine kleine Familie, vermutlich aus Duisburg, auf keinen Fall aber aus Köln. Mama (Verkleidung: Clown), Papa (Vogelscheuche), ein kleiner etwa 10jähriger Junge (Punk) und ein wunderhübsches kleines "Prinzesschen", geschätzte 6 Jahre alt. Die Kleinen sammelten freudig Bonbons von der Straße auf, während sich das schwule Pärchen umarmte. Das Prinzesschen schaute irritiert zu den beiden rüber, konzentrierte sich dann zwar wieder auf ihre Bonbons, aber blickte von dem Zeitpunkt an ständig auf das schwule Pärchen - unverkleidet, mutig.

Sie stieß dann auch ihren Bruder an, der schaute auch ständig rüber - und in Gedanken spielte sich schon ein Film vor meinem geistigen Auge ab.

Punk zu Vogelscheuche: Schau mal da, die Schwuchteln.
Vogelscheuche: Igitt, schaut nicht hin!
Prinzessin: Ich will aber, ich will aber, ich will aber!
Vogelscheuche: Nein! kramt in seinem Kamellebeutel Schau mal hier, ein kleines Blumensträußchen.
Prinzessin: Will ich nicht, ich will die Schwulen gucken!
Clown: Gott würde das nicht gut finden, Liebes.

Und so weiter und so fort. So wie man sich die kleinen Rotzlöffel nun mal vorstellt. Und tatsächlich fingen die Geschwister an zu tuscheln. Schauten immer wieder zu den Schwulen rüber, grinsten, tuschelten weiter. Wenig später zupfte das Prinzesschen am Clownskostüm. "Schau mal dort drüben", sagte sie und zeigte mit ihren verklebten Patschehändchen auf die beiden Schwulen. "Die Männer haben sich lieb, oder?" "Ja", antwortete die Mutter, "Männer können sich auch gern haben."

Keine Schimpferei, keine Beleidigung, nur eine total niedliche Feststellung, nämlich: schau mal da, die haben sich gern. Völlig wertfrei, unverdorben - einfach toll. Wir haben tolle Kinder in Deutschland!

Für die Zukunft bin ich guter Dinge. Lass es krachen, es wird großartig!

Bützchen,
dein Patrick

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Weitere Quellen: Bilder: pixelquelle.de