"An seiner Schule was wuppen"

Redaktion Von Redaktion

Alexander Freier ist Schülersprecher an Europas größter Schule, SPD-Politiker und Kämpfer gegen Rassismus. Der 21-Jährige setzt sich für "Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage" und gegen die Diskriminierung von Schwulen ein.

Alexander Freier ist Schülersprecher am Oberstufenzentrum Handel I in Berlin-Kreuzberg, das über 7.000 Schüler besuchen. Auf seine Initiative hat sich die Schule um den Titel "Schule ohne Rassismus Schule mit Courage" beworben. Schüler und Lehrer mussten sich dafür gegen Diskriminierung und Rassismus bekennen. Durch Projekttage wird die Auseinandersetzung mit Themen wie Rechtsextremismus, Israel oder Homosexualität gefördert. Denn auch an einer "Schule ohne Rassismus" muss man sich mit Homophobie auseinandersetzen. Neben seinem Abitur engagiert sich Alexander Freier als Regionalpolitiker. Er ist Bezirksverordneter und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft "Lesben und Schwule in der SPD" im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick.


dbna: Gehst du noch gern zur Schule?

Alexander Freier: Ja, ich gehe immer noch gern zur Schule. Ich find es klasse, gerade in Kreuzberg zur Schule zu gehen. An Europas größter Schule mit vielen verschiedenen Nationalitäten.

Du hast an deiner Schule einen Vorfall miterlebt, bei dem ein türkischstämmiger Junge von anderen türkischen Jugendlichen als Schwuchtel beschimpft wurde. Kannst du noch mehr Fälle von Homophobie berichten?

Berichten kann ich nur diesen einen Fall. Bei dem Jungen sieht man es einfach, dass er schwul ist. Er hat auch eine sehr belehrende Art. Es ist aber mehr ein Selbstschutz, denke ich. Das hat die anderen halt total angekotzt und dann sind sie verbal auf ihn draufgegangen. Ich habe einen Brief an die Schulleitung geschrieben. Jetzt steht der Junge mit der Schulleitung in Kontakt und man arbeitet ganz intensiv mit der Klasse.

Wie homophob ist deine Schule?

Was wir nach außen propagieren, ist ein friedliches Miteinander. Es gibt natürlich anbei so kleine Ausrutscher. Manchmal kriege ich das auch mit. Es gibt diese Proll-Jungs, die wahrscheinlich noch ein Problem mit sich selbst haben, die dann schon mal nen dummen Spruch bringen. Aber Homophobie ist nichts tief Festsitzendes an unserer Schule. "Schwuchtel" ist ein Schimpfwort, das auch mir nicht fremd ist, und auch ich verwende das manchmal.

Ist Homophobie an Schulen generell ein Problem oder ist es eher etwas Marginales?

Ich denke, dass das auf den Einzelfall betrachtet ein Problem ist. Es kommt auch darauf an, wie man selbst wirkt. Ich bin jemand, der sehr aus sich herauskommt. Wenn jemand einen Spruch bringt, dann prallt der ab. Aber es gibt natürlich die Jungs, die sich outen und noch sehr unsicher sind. Die denken, sie sind allein auf der Welt. Die anfangen mit ihrem Arsch zu wackeln, um zu sagen: Hey guck mal, ich bin schwul. Die bieten eine ganz große Zielfläche und die wird leider auch benutzt.

Ihr habt euch um den Titel "Schule ohne Rassismus Schule mit Courage" beworben. Warum ist das für eure Schule so wichtig?

"Schule ohne Rassismus Schule mit Courage" ist für mich mehr als ein Projekt. Für mich ist eine "Schule ohne Rassismus Schule mit Courage" eine Schule, die eine ganz hohe Qualität des Lernumfeldes bietet. An unserer Schule herrscht ein sehr liberales Klima. Wir wollten nicht nur Unterschriften sammeln, sondern wir wollen inhaltlich arbeiten. Wir haben einen Aktionstag organisiert mit Arbeitsgruppen zu Rechter Symbolik, Israel Was ist das eigentlich? bis hin zu HIV und Aids, denn auch das hat was mit Respekt zu tun gegenüber dem Partner. Homosexualität war eines der meistgewählten Themen, weil es da einen großen Redebedarf gibt.

Was waren die Inhalte dieser Arbeitsgruppe?

Man wollte Fragen loswerden. Man hat soviel gehört und wollte wissen, worum es da geht. Man hat viel Input gekriegt: Wie sieht die Lebenswirklichkeit aus? Können schwule Männer und lesbische Frauen heiraten? Wie sieht's mit Kindern aus? Natürlich wurde auch über Sex gesprochen. Das ist ja etwas, was die Altersgruppe ganz besonders interessiert. Man hatte drei Stunden Zeit und konnte alle seine Fragen loswerden.

Wenn ich mich drei Stunden mit Homosexualität auseinandersetze, macht mich das aufgeschlossener? Geh ich da nicht eher hin, weil ich mich sowieso für das Thema interessiere?

Wir sind auf zweierlei Weisen vorgegangen. Teilweise konnten sich Schüler Projekte aussuchen, aber wir haben auch Schüler bewusst zugeteilt. Der hat auch dann mal was gehört, was er nicht hören wollte. Wir haben Schüler so gesetzt, dass sie aus verschiedenen Klassen zusammen kommen, um ein Wir-Gefühl zu entwickeln und um sich auszutauschen, was sie erlebt haben. Ich glaube, wenn an einer Schule Homophobie von einem Großteil der Schülerinnen und Schüler nicht geduldet wird, dann halten auch diejenigen, die homophob sind, einfach die Fresse. 

Verändert man etwas durch solche Projekttage?

Die Wahrnehmung von Schülervertretung, von Demokratie im Kleinen hat sich verändert. Man sieht, dass Schülerengagement was Wichtiges ist, dass man an seiner Schule mitwirken kann. Sowas trägt zur Liberalisierung einer Schule bei. Der Aktionstag ist ja nicht einmalig, sondern findet jedes Jahr statt. Natürlich ist es auch wichtig, dass sich Schüler mit Themen auseinandersetzen, mit denen sie sonst nichts zu tun haben. Über Schwule wissen viele etwa soviel: Ich kenne jemanden, der kennt jemanden und der ist schwul. Und der soll ein dufter Typ sein oder der ist scheiße. In einer Arbeitsgruppe zu Homosexualität müssen sich Schüler auch mal mit einem "echten" Schwulen auseinandersetzen.

Was kann ich tun, wenn ich als Schwuler mit Anfeindungen konfrontiert bin und es an meiner Schule nicht solche Aktionstage gibt, keine solche aktive Schülervertretung, kein liberales Klima?

Das ist schon schwierig. Ich bin immer der Auffassung, man soll seines eigenes Glückes Schmied sein. Man soll sich engagieren, man soll sich kleine Grüppchen bilden und an seiner Schule was wuppen. Wenn man dazu keine Kraft hat, sollte man sich Hilfe von außen suchen. Solche Angebote gibt es zumindest in Berlin. Aber man muss dazu sagen, Berlin ist nicht Deutschland.

Vielen Dank für das Gespräch.

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