Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg übt in einem Gastbeitrag für die "Zeit" Selbstkritik. Außerdem nennt er die "klassische Ehe" die "bevorzugte Lebensform der meisten Menschen" und findet: "Das ist auch gut so". Das sehen Parteikollegen anders.

Der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, meldet sich in einem Gastbeitrag für die Wochenzeitung "Die Zeit" zu Wort. In dem Artikel, der am Donnerstag erscheint, übt er scharfe Kritik an sich und den Grünen.

Er gibt seiner Partei eine Mitschuld am Aufstieg der AfD.  "Wie verhält es sich mit dem Vorwurf, wir hätten es mit dem Glauben an die Erziehbarkeit des Menschen übertrieben?", fragt er, um sich die Frage wenig später selbst zu beantworten: "Wir sind keine Heiligen und werden es auch dann nicht, wenn man uns dazu machen will. Wir sollten daher das Moralisieren lassen."

Die Freiheiten will er "ohne Wenn und Aber verteidigen"

Der 68-jährige Kretschmann, der regelmäßig zu den beliebtesten Politikern Deutschlands gehört, geht auch auf die Rechte der LGBTIQ*-Community ein. Die Akzeptanz von "Homosexualität und alternativen Familienmodellen" nennt er als Zeichen der gesellschaftlichen und politischen Modernisierung des Landes.

Und auch wenn es Menschen gibt, "die diese Modernisierungen nicht wollen, die sich selbst in Frage gestellt fühlen und meinen, sie seien jeder Entwicklung in der modernen Welt ohnmächtig ausgeliefert", so will er "die errungenen Freiheiten ohne Wenn und Aber verteidigen".

Claudia Roth ist gerne bei CSD-Paraden dabei, wie hier 2011 in München.

Claudia Roth ist gerne bei CSD-Paraden dabei, wie hier 2011 in München.

Kritik von Claudia Roth an Kretschmanns Worten

Dennoch betont er, "dass die neuen Freiheiten in der Lebensgestaltung ein Angebot und keine Vorgabe sind." Individualismus dürfe nicht zum Egoismus werden, fordert er. "So ist und bleibt die klassische Ehe die bevorzugte Lebensform der meisten Menschen und das ist auch gut so", schreibt Kretschmann. Damit nimmt er Bezug auf die berühmten Worte von Klaus Wowereit bei seinem Coming-out: "Ich bin schwul, und das ist auch gut so."

Diese Aussage gefällt nicht jedem in seiner Partei. Claudia Roth, lange Zeit Bundesvorsitzende der Partei und heute Bundestagsvizepräsidentin, sagte dem Schwulenmagazin Männer: "Ein jeder nach seiner Façon. Winfried Kretschmann hat für sich als bevorzugte Lebensform die Ehe ausgemacht. Ich nicht. Dass das bei uns jede und jeder für sich ganz persönlich entscheiden kann, das ist wirklich gut so!

Staatskanzlei in Stuttgart verteidigt sich

Auch Kai Klose, Landeschef der Grünen in Hessen äußert sich kritisch: "Wenn Winfried Recht hat, ist es umso drängender, endlich allen Menschen die Möglichkeit zur Eheschließung zu eröffnen.

Den Beitrag hat die baden-württembergische Staatskanzlei vorab veröffentlicht als Reaktion auf kritische Medienberichte, denen vorgeworfen wurde, dass "Zitate aus dem Zusammenhang gerissen sind." 

Update (6. 10. 2016, 17: 15 Uhr): Kretschmann äußert sich auf Facebook

Am Donnerstag hat Winfried Kretschmann ein Statement auf Facebook gepostet, in dem er auf die Kritik reagiert. Er "bedauert", dass "eine Passage ... missverständlich war." 

"Meine Haltung war und ist eindeutig: Ich möchte die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare öffnen. Homosexuelle Paare sollen genauso wie heterosexuelle Paare heiraten können", schreibt er. 

Als "klassische Ehe als Institution" versteht er ein "Lebensmodell, das ein großer Teil der Menschen für sich wünscht, und zwar ganz unabhängig von der jeweiligen sexuellen Orientierung." Anschließend zählt er einige Projekte auf, die in der Vergangenheit in Baden-Württemberg umgesetzt wurden.

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