Auf Null kommen

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Auf Null kommen
www.wordaidscampaign.com

Die Vereinten Nationen wollen HIV und AIDS zukünftig verhindern. Offiziell heißt das Ziel "Getting Zero". Das ist allerdings nicht umunstritten.

"Getting to zero", also "auf Null kommen" ist das internationale Motto des Weltaidstages 2011. Dies ist das selbst gesteckte Ziel der UN. Sie will Null Neuansteckungen mit HIV, null Todesfälle infolge von AIDS und null Diskriminierung von Infizierten.

Koordiniert wird die Aktion von UNAIDS, einem Programm der Vereinten Nationen gegen HIV und AIDS. Seit 1996 hat es das Ziel, die verschiedenen HIV/Aids-Aktivitäten einzelner Länder im Kampf gegen Aids zu koordinieren. Bis 2015 will UNAIDS zunächst die sexuelle Übertragung von HIV halbieren und später sogar ganz verhindern.

"Auf Null kommen" wird kritisch gesehen

Am Ziel der drei Nullen wird von vielen Seiten Kritik geübt. Dr. Ulrich Marcus vom Robert-Koch-Institut, äußert dazu, dass man diese Ziele wohl nicht wörtlich nehmen sollte. "Es geht eher um eine Minimierung der Zahlen", sagt er. Wichtig sei vor allem, dass man diese drei Ziele zueinander gehörten "Man kann sie als Dreiklang sehen."




BZgA
Marcel Dams ist Botschafter des Weltaidstages in Deutschland. Er hat sich mit 20 Jahren mit dem HI-Virus angesteckt. Ihn und alle anderen weltweit Betroffenen will die UNAIDS vor Diskriminierung schützen.

Marcel Dams ist Botschafter des Weltaidstages in Deutschland. Er hat sich mit 20 Jahren mit dem HI-Virus angesteckt. Ihn und alle anderen weltweit Betroffenen will die UNAIDS vor Diskriminierung schützen.

Das bedeutet, dass nicht eines der Ziele zu Lasten eines anderen erreicht werden soll, sondern alle drei Zielsetzungen gleichermaßen verfolgt werden müssen. Das ist ein positiver Aspekt der Kampagne, denn sie verdeutlicht, dass beispielsweise null Neuansteckungen nicht erreicht werden dürfen, wenn dadurch Betroffene diskriminiert würden.

Symbolgehalt der Zahl Null

Ines Perea, die Leiterin des Referats "Strategie der HIV/AIDS-Bekämpfung" des Bundesministeriums für Gesundheit, vertritt ebenfalls die Ansicht, dass die Zielsetzungen von UNAIDS nicht auf die Senkung der Neuinfektionen reduziert werden dürfen. "Die Kampagne erreicht Aufmerksamkeit für HIV/AIDS und das auf sehr plakative Art",sagt sie und weist damit auch auf die symbolische Bedeutung der Zahl Null hin. Auch gehe es um die weltweite Sicht, denn in vielen Teilen der Welt gibt es weniger politische und gesellschaftliche Unterstützung als in Deutschland. "Gerade in solchen Ländern soll der Slogan Aufmerksamkeit erregen und ein Bewusstsein für die sich bedingenden Ziele schaffen", sagt sie weiter.

Das Ziel bringt Gefahren und Risiken mit sich

Auch Holger Wicht, der Pressesprecher der Deutschen AIDS-Hilfe sieht das Null-Ziel kritisch: "Solange es keine Heilung oder Impfung gegen HIV gibt, ist es kein realistisches Nahziel. Zwar beherrschen wir die Krankheit mittlerweile ganz gut, doch können wir nie das Sexualleben von allen Menschen kontrollieren". Dies spräche gegen den Freiheits- und Selbstbestimmungswillen aller Individuen.

Außerdem kann durch das "Drei-Nullen-Ziel" die Gefahr entstehen, dass Neuinfizierten Schuld zugewiesen wird, weil sie diese Zielsetzung verfehlen, obwohl sie unrealistisch ist. "Ein weiteres Risiko ist, dass der Prävention Versagen vorgeworfen wird, wenn die Neuinfektionen, die Zahl der AIDS-Toten und die Diskriminierung zwar gesenkt werden, aber das gesteckte Ziel von 0 nicht erreicht.", sagt Wicht. Das wäre eine fatale Folge, wenn der Slogan der UNAIDS zu wörtlich genommen wird.



Wir leben in einer freien Gesellschaft. Wir können niemanden daran hindern, sich sexuell zu entfalten, auch keine HIV-Positiven. Das wäre Diskriminierung", sagt Paul Schulz, der Pressesprecher der Ich-weiß-was-ich-tu-Kampagne. "Außerdem zeigt die Erfahrung, dass das Ideal oft nicht klappt, so ist es womöglich mit der 0 auch.", äußert er sich weiter und verweist damit darauf, dass die Null eher eine Orientierung darstellt.
Weiter sagt er, dass es mit der Sexualität wie immer im Leben sei, nämlich dass jeder selbst herausfinden müsse, was ihm gefällt. "Darum muss es Prävention geben, die Leitlinien vorgibt, die wie wir hoffen die Leute zur Eigenleistung und zur Verantwortung animiert". Eine bloße Zahl sei da wohl zu oberflächlich, aber als Anregung zu weiterem Handeln gut geeignet.

"Realistisch bleiben!"

"Liebe und Sex bieten immer Schwierigkeiten und Komplikationen. Ein Restrisiko versteckt sich fast überall, denn einen 100%-igen Schutz bieten auch Kondome nicht. Da muss man einfach realistisch bleiben", sagt Wicht. Außerdem sei es "das Wesen des Lebens, denn ein Leben ohne Risiken gibt es nicht. Diese Illusion sollte man auch nicht fördern", sondern auf dem Boden der Tatsachen bleiben.

Das Ziel, null Neuansteckungen mit HIV, null Todesfälle infolge von Aids und null Diskriminierung Betroffener zu erreichen, bleibt wohl eine unrealistische Zielsetzung. Trotzdem ist sie plakativ und erregt Aufmerksamkeit, womit schon ein Ziel erreicht ist: Zum Welt-Aids-Tag wird darüber berichtet und  für die breite Öffentlichkeit sichtbar.


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Weitere Quellen: www.worldaidscampaign.org, wikimedia/Garyvdm, BZgA