Auf zum Gottesdienst?!?

Redaktion Von Redaktion

Philipp Gut, Kultur- und Gesellschaftschef des Schweizer Wochenmagazins "Weltwoche", ist auf welt.de der Meinung, dass Homosexualität zu einer Art Religion geworden sei und tritt seine Homophobie breit. Ein Kommentar.

Wer Springer Presse liest, ist selbst schuld, der soll sich an sich auch nicht beschweren. Dennoch kann der "Debatten"-Beitrag auf welt.de von Philipp Gut nicht so einfach so stehen gelassen werden.

"Homosexualität ist zu einer Art Religion geworden" titelt Gut, der Kultur- und Gesellschaftschef des Schweizer Wochenmagazins "Weltwoche" ist. Protest kann er offensichtlich nicht mehr wahrnehmen, nur noch riesiges Spektakel und jeder, der sich outet, werde zum leuchtenden Märtyrer einer bekennenden Kirche. Überall "Schwulitäten": Tiere, Soldaten und dann auch noch Paraden. Und dann vor allem diese "Lobbygruppen", die sich überall gegründet hätten: Schwule Eisbahnfreunde, Schwule Väter, Schwule Offiziere, Schwule Polizisten, LesBiSchwule Jugendverbände. Gut kommt sich umzingelt und bedrängt vor und holt zu einem Rundumschlag aus, der ausschließlich mit Homophobie getränkt ist. Mal versuchen, die andere Sichtweise wahrzunehmen? Bitte, man darf doch den Ressortchef der "Weltwoche" bitte nicht überfordern, wenn er seinen Frust (auf was eigentlich?) abbaut. Differenzierung? Analyse? Nein, bitte nicht bei der "Religion" Homosexualität.

Homosexualität ist keine Willensentscheidung

Glaube ich, dass ich schwul bin? Nein, ich weiß es. Bin ich es geworden? Muß ich nur glauben oder versuchen zu wissen, heterosexuell zu sein, und dann werde ich es? Nicht wenige haben es versucht dazu zähle ich mich auch , aber geklappt hat es nicht. Man "wird" nicht schwul, man "glaubt" es nicht, man ist es. Homosexualität ist keine Willensentscheidung, wie man sie am Supermarktregal trifft. Dann wären wir nämlich sicherlich ein paar weniger, da es immer leichter ist, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, wenn man die Wahl hat und leichter ist es noch immer, nicht schwul zu sein.

Natürlich: innerhalb der Szene werden schwule Tiere, schwule Promis und Politiker gerne thematisiert bei dbna auch gerne mal aus einer augenzwinkernten Motivation heraus. Und die eigenen Interessen zu formulieren und zu vertreten ist nur menschlich. Wenn das andere, auch Heterosexuelle aufgreifen und mitvertreten, sehr schön, aber "Homosexualisierung" der Gegenwart? Kult? Religion? Wenn jetzt aber Schwule an jeder Ecke (Politik, Fernsehen etc.) auftauchen, dann ist dies sicherlich nicht Bestandteil eines "schwulen Lifestyles", sondern ein Zeichen dafür, dass sich mehr Leute zu sich selbst bekennen, so sein wollen wie sie sind. Selbstverständlich ist dabei aber noch lange nichts!

Suizidversuche von jungen Homosexuellen fünfmal höher

Die Selbstmordrate von homosexuellen Jugendlichen ist immer noch mehrfach höher. Schon die Rate der Suizidversuche unter Jugendlichen ist mit 20 Prozent bei Homosexuellen fünfmal (!) höher als unter ihren heterosexuellen Altersgenossen mit vier Prozent. Dreimal mehr schwule Jugendliche leiden unter Depressionen als die befragten Heterosexuellen. Auch Alkoholmißbrauch, Tabakkonsum sowie die Einnahme von Medikamenten und anderen Drogen ist weiter verbreitet.

In Großbritannien, in Italien und ja auch in Deutschland kommt es wieder und wieder zu Gewalt gegen Homosexuellen. Allein in London starben in den letzten zwölf Monaten vier Homosexuelle sie wurden allesamt Opfer brutalster homophober Gewaltangriffe. Alles rosa und bunt in der Welt der Schwulen? Schön wäre es!

Szene kein monolithischer Block

Zudem: "schwule Partywelt"? Gut sieht die Szene, die homosexuelle Community als monolithischen Block. Meinungsverschiedenheiten, unterschiedliche Ansichten - auch und gerade in der Frage, ob der CSD Party oder politische Demonstration sein soll - nein, das gibt es für den Autor nicht. Es sind ja alle gleich -  bei den Homosexuellen, alle sind "Brüno".

Es soll ja nicht geleugnet werden: Die Bewegung hat Erfolge erzielt, aber die aufgeführten Zahlen bezeugen, daß von einem Ende der Diskriminierung nicht die Rede sein kann - und hier geht es nicht um die rechtliche Seite! So lange Depressionen, Suizide und Drogenmißbrauch bei Homosexuellen häufiger auftreten, solange es Opfer von homophoben Attacken gibt, genau so lange spielt die Sexualität, die persönlichen Vorlieben noch immer eine größere Rolle als die Person an sich und ihr Charakter.

Einsortierung in gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang

Im übrigen sollte man sich die Frage stellen, inwiefern die "Partyisierung" und Entpolitisierung des CSDs nicht Bestandteil der gesamtgesellschaftlichen Entpolitisierung sind, die in den letzten Jahren immer wieder beklagt wurde. Wir Schwulen, wir exisitieren ja nicht neben und unabhängig von der Zeit- und Weltgeschichte. Wir sind Bestandteil der Gesellschaft und wieso sollen dann bestimmte Entwicklungen nicht auch auf uns zu treffen?

Provokant gesagt: Wäre es gleich, wer wen liebt, würde es egal sein, ob man homo-, bi- oder heterosexuell ist, wäre es eine "Nebensächlichkeit", als die sie Gut sieht, dann gäbe es keine Homophobie, dann bräuchte es keine Bewegung mehr, dann bräuchte es kein dbna, dann wären die genannten Zahlen nicht so wie sie sind. Aber da das so nicht ist, braucht es Leute, die den Finger in die Wunde legen. Vor allem: wäre es nebensächlich, dann würde es auch Gut kalt lassen. Dass es das nicht tut, hat er mit seiner homophoben Pamphlet selbst belegt.

Vergebliche Liebesmüh

Aber an sich ist die Diskussion mit Gut und auch über seinen Artikel vergebliche Liebesmüh. Denn wie will man mit jemanden diskutieren, der Homosexualität mit Latexfetisch und Geschlechtsverkehr mit Tieren gleichsetzt?!?



Die Meinung des Autors gibt nicht zwangsläufig die Meinung von dbna wider.

dbna.newsletter
Bleibe immer up-to-date.
Abonniere unseren wöchentlichen Newsletter!
Weitere Quellen: welt.de, iStockPhoto.com