Aus schwul mach hetero

Redaktion Von Redaktion
Aus schwul mach hetero
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Für den Verein Wuestenstrom ist die Sexualität des Menschen keine feststehende Eigenschaft, sondern vom Menschen selbst beeinflussbar. Auch traumatische Erlebnisse oder psychische Probleme könnten Grund für eine Verschiebung der Sexualität sein. Folglich lasse sich dieser Effekt auch wieder umkehren – behaupten die Verantwortlichen.

"Bei einem Mann sollst du nicht liegen wie bei einer Frau", so heißt es im Alten Testament. Die Meinung, dass Schwule verhaltensgestört seien, vertreten manche Sexualwissenschaftler unserer Zeit. Der baden-württembergischer Verein Wuestenstrom stützt sich auf diese Maximen, denn seiner Ansicht nach ist Homosexualität der Ausdruck eines nicht verarbeiteten Traumas.

Mit einer Sucht lasse sich Homosexualität durchaus vergleichen, schreibt Markus Hoffmann, Theologe und Vorstand des Vereins. Er erklärt, dass Homosexualität nicht genetisch bedingt sei und somit auch heilbar sein müsste. Nach eigenen Angaben sei er selbst einst schwul gewesen. Durch sein eigens entwickeltes Selbsthilfekonzept, das er im Detail nicht genauer erläutert, konnte er sich auf seine christlichen Werte zurück besinnen.

"Als Hetero bin ich glücklicher", berichtet Hoffmann als er erzählt, dass er heute mit Frau und Kindern zusammen in einem Haus lebe. Das Heim der Familie beherberge ebenfalls ein Raum für die Telefonberater von Wuestenstrom, sowie einen Beratungsraum, in dem er Schwulen mit Rat und Tat zur Seite stehe. Durch gründliche Reflexion und Eruierung des Problemherdes könne man sicher auf den Weg der Heilung geraten. Für 50 pro Stunde sei es möglich sich von ihm helfen zu lassen.

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Unverfängliche Zitate machen neugierig

Behauptungen, wie Homosexualität sei eine heilbare sexuelle Störung, stoßen heute auf großen Protest und werden gerne kontrovers diskutiert. Von daher sind derartige Äußerungen als provokatives Marketinginstrument meist kontraproduktiv. Es gilt auf ein weniger offensives, dafür umso pluralistischeres Auftreten zu setzen.

"Schwule sind [] ganz normal", diese Aussage begegnet einem als erstes auf der offiziellen Homepage. "Sexuelle Orientierung [] kann man nicht verändern", ein weiteres Statement das plakativ den oberen Teil der Website einnimmt. Auf den zweiten Blick wird aber eine kleine graue Fußnote erkennbar: "Die Aussagen in der Bildleiste sind Meinungen, denen wir begegnen. Wenn man sie anklickt, erscheinen Zitate, die diesen Meinungen widersprechen oder sie hinterfragen".

Wissenschaftliche Grundlagen für die "Heilungshypothese"

Als widersprechende und hinterfragende Meinungen erscheinen unter anderem wissenschaftliche Zitate von Volkmar Sigusch, einem renommierten deutschen Sexualforscher. Als Mitgründer der "International Academy for Sex Research" und einer der ersten Professoren für Sexualwissenschaft, gilt er heute als einer der bedeutendsten Sexualforscher weltweit. Aus seiner Schrift "Neosexualitäten Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversion" (2005), finden sich auf der Hauptseite der Homepage zahlreiche Zitate.

Zum Beispiel ist eine Definition von Schwulen aus oben genannter Schrift gegeben: ", Schwule sind [u.a.] Vorreiter der neosexuellen Revolution [=Wandel der Sexualmoral nach 1968 bis heute; Anmerkung d. Autors], mit Distanz zur Fortpflanzung und egoistisch Suchende nach dem schnellen, umstandslosen sexuellen Thrill." Mit christlicher Wert- und Moralvorstellung kann diese Erklärung in keinster Weise in Verbindung gebracht werden.

Weiter wird zitiert: "Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie ein epistemisch-historisch Fabriziertes, psychosozial Zusammengesetztes und kulturell Vermitteltes wie eine sexuelle oder geschlechtliche Identität von Genen programmiert werden könnte." Die Sexualität sei also nicht konkret in uns festgelegt, sondern eine abstrakte, modellierbare Eigenschaft. Womit implizit die These von einer regulier- bzw. korrigierbaren sexuellen Identität gestützt wird.

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Möglichkeiten zur "Umpolung"

Wuestenstrom verspricht Betroffenen Wege, diesem "Gräuel", wie es im Alten Testament genannt wird, zu entkommen. Spezielle Seminare sind nur ein Weg. Etwa alle zwei Monate wird im Hauptsitz in Tamm (Baden-Württemberg) ein Seminar mit dem Titel "Ich will mich verstehen" abgehalten. Dabei soll Homosexuellen Hilfe geboten werden, um herauszufinden, ob die eigene Sexualität nicht vielleicht Ausdruck von einem "nicht-sexuelle[n], innerpsychische[n] Problem" sei. Wer sich die Lösung eines solchen Problems zum Ziel setzen würde, dem könne geholfen werde. Explizit hingewiesen wird noch einmal auf die freie Entscheidung des Einzelnen, ob es sich tatsächlich um ein Problem oder lediglich um sexuelles Reagieren auf das gleiche Geschlecht handle.

Andere Programme des Vereins umfassen teilweise ganze Wanderwochenenden, bei denen "echte Männerfreundschaft" jenseits jeglicher sexueller Fantasie entstehen soll. Das Problem vieler Schwuler sei der Mangel echter zwischenmännlicher Freundschaft, so ein verantwortlicher Berater. Dieses Bedürfnis würde nur oft missverstanden und fälschlicherweise als Homosexualität ausgelegt.

Schwerwiegende psychische Probleme nach "Therapie"

Als "Therapie" dürfen die Maßnahmen der Organisation nach deutschem Approbationsrecht nicht tituliert werden. Hierfür wären ausgebildete Fachärzte der Psychiatrie von Nöten. Das bedeutet aber nicht, dass die Behandlungen keine medizinischen Folgen hätten. Die Beratungsstelle für Schwule in Berlin ist sich der Auswirkungen dieser Methodik durchaus bewusst.

Schon mehrfach war der Berliner Psychologe Arnd Bächler mit Schwulen konfrontiert, die von Wuestenstrom als "psychosexuell" eingestuft worden sind. Der Begriff "Psychosexualität" beschreibt dabei die Annahme, dass der sexuelle Trieb des Menschen maßgeblich von der Psyche, die von äußeren Faktoren beeinflusst wird, abhängt. Sigmund Freud prägte den Begriff erstmals in seinem Werk "Sexualleben".

Aus dieser Einstufung resultierender Selbsthass und suizidale Absichten seien keine Seltenheit, da den Betroffenen eine "Abartigkeit" ihrer Person eingeredet würde, so Bächler. Wenn sie dann nach der Beratung feststellen, dass sie nicht in der Lage seien ihre Sexualität abzulegen, dann könnten sich Depressionen und andere schwere psychische Störungen herausbilden. Als Beispiel nennt Bächler einen 35 Jahre alten Patienten, der nach gescheiterter Behandlung von Selbsthass gegeißelt darum fürchtet von seiner Gemeinde aufgrund seiner Sexualität verstoßen zu werden.

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Massiver Widerstand gegen Berichterstattungen

Immer wieder gerät der Verein in die Schlagzeilen. Das missfällt dem Vorstand und wird streng verfolgt, um nach Möglichkeit kritische Stimmen in die Schranken zu weisen bzw. Revidierungen negativer Statements zu fordern. So wurde zum Beispiel der Artikel "Heilung in Gottes Namen" (18.01.2007 Die ZEIT) vom deutschen Presse Rat missbilligt, da die Verfasserin Karin Kontny unsorgfältig und ehrverletzend gearbeitet haben soll.  In verschiedener Hinsicht macht Wuestenstrom die Autorin auch für die bewusste Täuschung in ihrer Recherchearbeit verantwortlich. Der Artikel musste aus dem Internet entfernt werden und die Autorin erhielt für geraume Zeit Drohanrufe und gehässigen Spam. Die ZEIT, die den Artikel publiziert hatte, konnte die Missbilligung in keinster Weise nachvollziehen und hielt zu ihrer Autorin.

Mehr Transparenz für mehr Glaubwürdigkeit

Heute ist der besagter Artikel "Heilung in Gottes Namen" auf der offiziellen Website (www.wuestenstrom.de) zu finden. Ebenso ist eine "Erklärung für Presse und Medien" zu finden. Diese besagt: "Wuestenstrom e.V. ist eine Organisation, die auf dem spannenden Gebiet von Identitätsfragen und Sexualität [] Beratung, Seelsorge und Hilfsangebote macht. []Natürlich verkaufen sich in der Öffentlichkeit Skandale (von Diskriminierungen und sektiererischen Vereinigungen, die Menschen in ihre Fänge bekommen) besser, als allzu differenzierte Informationen. [] So setzen wir in der Beratung auch nicht am sexuellen Erleben an, das wir dann verändern wollten. Vielmehr bieten wir Menschen, die ihre (homo-) sexuellen Phantasien und Handlungen zur Ich-Stabilisierung verwenden, Hilfen an zur Veränderung ihres Beziehungs- und Selbsterlebens, mit dem Ziel, dass die sexuelle Inszenierung zur Ich-Stabilisierung überflüssig werden könnte."

Diese moderaten und sehr sorgsam gewählten Töne sollen Wuestenstrom geschickt aus dem Kreuzfeuer der Medien lavieren. Der Verein selbst spricht sogar vom "böswilligsten Boulevard-Journalismus", an dem sich die ZEIT bedient hätte. Von der Öffentlichkeit werden Stellungnahmen dieser Art äußerst kritisch betrachtet. So auch von Bächler, der über die Reaktionen hinaus das ganze Angebot der Organisation in Frage stellt und auch auf die Folgen eines solchen für die homosexuelle Gemeinschaft zu bedenken gibt: "Dass es ein solches Angebot überhaupt gibt, setzt Schwule im Coming-out unter Druck."

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