Blind Date mal anders

Redaktion Von Redaktion

Wie ist eigentlich der Alltag für blinde und sehbehinderte Menschen? Welche für sehenden Menschen unbekannten Probleme haben sie Tag für Tag? Und wie gehe ich mit jemanden, der offensichtlich blind ist, um? In Würzburg konnte man es einmal mehr persönlich erleben.

Langsam taste ich mich mit dem Stock vorwärts. Rums, schon laufe ich gegen die Wand. Das Geländer ist auch mehr als ungünstig angebracht. Vorsichtig versuche ich die nächste Etage zu erreichen. Dort soll an einem Fensterbrett ein Gegenstand ertastet werden. Ich finde ihn relativ schnell. Doch was ist das? Nach einigen Hilfen meines Begleiters komme ich drauf: Es ist ein Einmachglas als Windlicht.

Was für einen sehenden Menschen eine simple Aufgabe ist, wird schon für denjenigen, der durch eine schwarze Brille kurzzeitig blind gemacht wird, zu einer wahren Herausforderung ein Alltagserlebnis für Sehbehinderte. Für die Besucher des "Cafe Blind Date" (ja, so heißt es wirklich) in Würzburg war diese "Spielerei" allerdings nur eine bloße Überbrückung bis zur wahren Herausforderung. Überrascht von dem Ansturm am frühen Abend es ist gerade einmal halb sieben beschäftige ich mich dann auch mit dem Informationsmaterial. Es gibt kindgerechte Broschüren, Ratgeber für den Umgang mit Blinden im Alltag und allgemeine Informationsblätter zum einfachen Einstieg in das Leben eines Sehbehinderten.

Noch überraschter als über die Anzahl der Wartenden bin ich über das Durchschnittsalter dieser. Es sind viele Kinder und Jugendliche dabei, aber auch einige Studenten und nur ganz wenige Ältere. Alle warten darauf, dass sie endlich in die Dunkelheit tauchen können. Die Sitzplätze sind begrenzt auf 18. "Das dient der Sicherheit der vier Bedienungen, die alle selbst sehbehindert sind, und auch der Lautstärkeminimierung", erklärt Lambert Zumbrägel, der das Jugendcafé Dom@in für die "Erfahrungen im Dunkeln" zur Verfügung gestellt hat.

Ursprünglich stammt die Idee, die hier von der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSG) und Dom@in durchgeführt wird, von der Behindertenreferentin der DPSG, Evelyn Bausch. Vor drei Jahren sprach sie Zumbrägel auf diese Idee an, die seitdem diverse Male umgesetzt wurde. Ziel sei es, laut Zumbrägel, das Cafe Blind Date zur Dauereinrichtung werden zu lassen, allerdings in anderen Räumen. Dafür benötige es aber noch Fördergelder, die man sich von der "Aktion Mensch" erhofft. Erfolge können sie durchaus vorweisen: In jeder Woche, die das Cafe bisher offen hatte, kamen bis zu 900 Personen.

Inzwischen hat sich die Warteschlange reduziert, so dass auch ich nun die Möglichkeit habe, "Erfahrungen im Dunkeln" zu sammeln. Schnell wechsele ich mein Geld noch in Münzen und werde auf die "Spielregeln" hingewiesen: keine Lichtquellen und Gehen nur in Begleitung einer der Bedienungen. Zumbrägel führt mich und meine neue Bekanntschaft Rupert durch eine Lichtschleuse hindurch und dann in das eigentliche Café. Wir halten uns an der Schulter des Vordermannes fest. Am Tisch angekommen werden wir in die Obhut von Irmgard übergeben. Alles um uns herum ist dunkel. Damit sehen wir genauso viel wie Irmgard: nichts. Ihre Welt ist so schwarz wie der Raum. Immer. Im Gegensatz zu uns findet sie sich einwandfrei zurecht.

"Nur ganz wenige Sehbehinderte stehen in einem Arbeitsverhältnis, von daher ist es für die Bedienungen eine Herauslösung aus ihrer Isolation", erklärt Zumbrägel. Dadurch hätten sie besonders viel Spaß an der Arbeit und engagierten sich sehr stark. Der Mitorganisator bewundert seine Helfer dafür: "Selbst für mich ist ein 8-Stunden-Tag im Dom@in hart, die machen das hier aber teilweise 10 Stunden an einem Tag und sind weniger geschlaucht als ich."

Wir setzen uns. "Was wollt ihr denn zu trinken und zu essen?" Auf Nachfrage nennt Irmgard die stark reduzierte Speise- und Getränkeauswahl. Rupert und ich sind uns schnell einig: Für jeden gibt es Bionade und Currywurst mit Pommes. "Wird auch im Dunkeln gekocht?" fragt der Mathematik-Student Rupert. "Nein", lacht Irmgard, "in der Küche gibt es Licht, genauso auf den Toiletten." Das Essen kommt recht schnell. Jetzt beginnt die wahre Herausforderung: mit Messer und Gabel das Essen finden und dann auch noch den Mund. Nicht selten erreicht eine leere Gabel diesen - und wenn sich dann doch etwas aufstechen hat lassen, dann trifft man doch mal die Wange, aber Ketchup soll gut für die Haut sein. Auf diese Weise dauert das Essen viel länger als sonst.

Irmgard nimmt sich etwas Zeit und setzt sich zu uns. Angeregt unterhalten wir uns. Sie berichtet aus ihrem Alltag, erzählt von der Problematik mit Blindenhunden, die mit 20.000 Euro recht teuer seien und auch nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung stehen. Sie ist freundlich und ganz natürlich. Rupert und ich haben keine Scheu sie ein wenig auszufragen. "Stoßt ihr denn beim Bedienen nicht aneinander an?" will Rupert wissen. Irmgard erklärt, dass sie sich mit Hilfe eines Teppichs, der die Wege kennzeichnet, orientieren und dabei immer rechts gehen, den linken Fuß auf dem Teppich, den anderen auf dem Fliesenboden. "Und die Orientierung in der Bar?" will er weiter wissen. "Da hat, wie auch bei mir daheim, alles seinen Platz. So finden wir alles leicht und schnell."

Als zum ersten Mal das Cafe Blind Date durchgeführt wurde, hatte man noch sehendes Personal eingesetzt. "Diese haben dann mit Nachtsichtgeräten gearbeitet, aber das haben wir schnell beendet. Erstens werfen diese selbst Licht, es ist also nicht komplett dunkel im Raum, und zweitens fühlten sich damit die sehbehinderten Bedienungen benachteiligt", berichtet der Leiter des Dom@ins.

Nach einer guten Dreiviertel-Stunde begleitet Irmgard Rupert und mich wieder hinaus, zusammen mit den beiden Psychologie-Studentinnen, die zwischendurch an unseren Tisch geführt worden waren. Draußen begutachtet man sich erstmal und stellt fest, dass man in reiner Dunkelheit offener und ohne Blick auf Äußerlichkeiten auf die Menschen zugeht.

Cafe Blind Date ist deutschlandweit nicht das einzige Projekt dieser Art. So gibt es beispielsweise in Hamburg den "Dialog im Dunkeln", in Eichstätt das "Dunkelcafe" und in Berlin das Dunkelrestaurant "Nocti Vagus". Ob es so etwas auch in deiner Stadt gibt, erfährst du mit einem Anruf bei der bundesweiten Telefonnummer des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes e.V. (01805-666 456) oder bei der örtlichen Stelle des DBSV. Das Erlebnis und die Begegnung mit Sehbehinderten sind es wert.

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Weitere Quellen: photocase.com