Brückensitzer

Redaktion Von Redaktion

Der Mensch, die Krone der Schöpfung – und dabei macht der Mensch dochwirklich ganz komische Dinge. NPD wählen. Faustfick. Pferdegulaschessen. Kastelruther Spatzen hören. Und auf Brücken sitzen.

Lieber Matthias!

Das klingt ja wirklich alles sehr merkwürdig, was du da erzählst. DerMensch, die Krone der Schöpfung und dabei macht der Mensch dochwirklich ganz komische Dinge. NPD wählen. Faustfick. Pferdegulaschessen. Kastelruther Spatzen hören. Und auf Brücken sitzen.
Ja, ganz recht. Es gibt Menschen ich habe es selbst gesehen -, diesitzen einen halben Tag im Regen auf Brücken, schön mit Regenschirm undKlappstuhl. Was machen die da? Diese Frage habe ich mir unweigerlichgestellt, als ich letzten mit dem Auto die A7 entlang gefahren bin. Aufjeder Brücke, die ich passierte, saß da jemand, in Neon-Regenklamotten.Wirklich sehr sonderbar.

Also, zurück zur Frage, was die da machen. "Komm, Schatz, wir gehen malAutos gucken!" Das hieß früher, man fährt von Autohaus zu Autohaus,geht mit Händen in den Hosentaschen durch die Auswahl der Automobile,versieht den polierten Lack mit Patschefingern. Aber dieser Luxus istvorbei. In Zeiten von Irak-Krieg (ist der eigentlich vorbei?),Flutwellen, Hurrikans und scheiternden Verfassungsreferenden, da mussman einfach mitschwimmen im Leidensfluss.

 Es geht uns schlecht. Wir haben keine Arbeit. Und für die Arbeit, diewir nicht haben, werden wir zu schlecht bezahlt. Die Arbeitsbedingungensind auch schlecht. Und unser Chef ist sowieso ein Arschloch. DieUmwelt geht vor die Hunde, Geflügel hat die Grippe. So ändert sich alsoauch das Auto-Aussuch-Verhalten der Mittelschicht.

"Komm, Schätzchen, Autos gucken!" Da wird der frische Kaffee inEdelstahlthermoskannen geschüttet, man schnürt sich ein Päckchen mitSalamibroten und macht sich dann per pedes auf zur nächstenAutobahnbrücke. "Was hältst du von dem roten da?" Schluck Kaffee. "Wo?"Die Schuhe sind nicht wasserdicht. "Schon weg." Brrr, und kalt ist es.

Vielleicht machen die aber auch ganz was anderes. Zählen. Ein Auto,zwei Autos, drei Autos. Oder nur die roten. Verkehrszählungen solls jageben. Wofür die genau gut sind? Naja, so richtig weiß ich das auchnicht. Um zu gucken, wie sehr die Autobahnen ausgelastet sind, könnteich mir vorstellen. Da bekommt man dann so einen Apparat in die Hand,wo man einen Knopf drücken muss für jedes gezählte Auto. Und dabeisitzt man dann bei Wind und Wetter auf einer Autobahnbrücke. Und damites nicht so langweilig wird, hat man sich die Mutti mitgenommen.

Ob man da wohl viel Geld mit verdienen kann? Die Arbeitsaufgaben passengenau zu meiner Qualifikation. Ich studiere seit sechs Semestern mehroder weniger erfolglos Politikwissenschaften. Zwei Karrieren stehen mirmomentan offen: Taxifahrer oder Autozähler. Auf beide Branchen wird dieBenzinpreiserhöhung vermutlich verheerende Auswirkungen haben.

Wo waren wir? Ach ja, Brücken. Brücken schlagen zu den Leuten imNiedriglohnsektor. Sollten wir das nicht zum Motto einerdeutschlandweiten Werbeaktion machen? Ziegelsteine von Autobahnbrückenauf Bonzenautos werfen? Den Lack mit Schlüsseln zerkratzen? Sterneabbrechen? Oder macht man das nur so lange, bis man sich selbst ein5-Sterne-Auto leisten kann?

Und wenn man das nicht kann, wenn man sich gar kein Auto leisten kann,wenn es einem ganz ganz schlecht geht (siehe oben), dann bietet einemdie Brücke vielleicht wenigstens eine Art Dach über dem Kopf.

Matthias, du siehst, jeder braucht eine Brücke. Du wohnst jetzt inBerlin? Dann schicke ich dir jetzt per Luftbrücke diesen Brief undpacke noch etwas Schokolade und warme Socken dazu. Falls du mal Autoszählen musst. Bei Mistwetter.

Sieg!

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