Coming-out als Bauer

Falk Steinborn Von Falk Steinborn
Coming-out als Bauer
Falk Steinborn

Ja, es gibt sie, die schwulen Bauern! Spätestens seit bei "Bauer sucht Frau" nicht nur Hetero, sondern auch Schwule vermittelt werden, ist das den meisten Menschen klar. Schwule sind nicht nur in der Großstadt zu finden, sondern sehr wohl auch auf dem Land, in typisch männlichen Berufen. Einige wenige haben den Mut zu einem Coming-out, andere leben für immer versteckt.

Frotheim, ein 2500-Seelendorf im nördlichen Zipfel von Nordrhein-Westfalen. Hier gibt es alles, was man sich unter Landidylle vorstellt: Duftende Felder mit saftig gelbem Raps; ältere Herren am Straßenrand, die sich vom Mähen einer Wiese in der Morgensonne eine Verschnaufpause gönnen; frische Milch zum Frühstück aus dem Kuhstall. Dieses Leben lebt Manuel Bollmeier.

Der Endzwanziger ist in Frotheim aufgewachsen und hat bis auf einen Ausbildung in Paderborn  sein ganzes Leben dort verbracht. Er wohnt nachwievor im Haus seiner Eltern. Und er arbeitet noch immer auf dem Bauernhof, auf dem er als 12-Jähriger angefangen hat, sich etwas Taschengeld neben der Schule dazuzuverdienen. Zwischen Kühen, Strohballen und Traktoren fühlte er sich wohl. Dass Manuel schwul ist, ist kein Problem. Ganz Frotheim weiß Bescheid. Seinen Freund bringt er ganz selbstverständlich zu Festen mit. Er ist im Dorf anerkannt. Verstecken muss er sich nicht.

Früher lebte Manuel fremdbestimmt

Aber das war nicht immer so. "Ich habe früher versucht, so zu leben, wie die anderen das gewollt haben. Es musste erst dieser Punkt kommen, ab dem mir die Leute scheißegal waren", sagt Manuel. Mit 13 Jahren hatte er seine erste Freundin und sein erstes Mal. Ein Jahr später wird ihm klar, dass er schwul ist. Trotzdem hat er weiterhin Freundinnen und zwischen durch auch mal einen Freund aus dem Nachbardorf. Aber davon weiß niemand. Denn Schwule und Lesben gibt es damals in Frotheim nicht.

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Bauer ist sein Wunschberuf. Manuel mag die Arbeit mit den Tieren.

Bauer ist sein Wunschberuf. Manuel mag die Arbeit mit den Tieren.

 "Ich hab es im Alltag versucht, es so zu halten, dass man es nicht sieht etwa durch Gestik, durchs Reden, durchs Lachen", erzählt Manuel. Von seinem Schwulsein sollte zunächst niemand erfahren. Erst nach Freundin Nummer drei ist er soweit, dazu zu stehen. "Man macht sich seine Gedanken, wie jemand darauf reagieren wird. Und klar geht das in der Stadt vermutlich einfacher als auf dem Land, weil du nicht jeden Hans und Franz kennst." Deshalb bindet er es auch nicht jedem auf die Nase. Wer er ihn allerdings danach fragt, bekommt auch eine ehrliche Antwort: seine Mutter, Verwandte, Freunde, die Frau des Bauern. Den Rest erledigt der Dorftratsch. Mit 22 ist Manuel der erste offen Schwule in seinem Dorf.

"Es gab nie ein Problem. Ich habe viel mit alten Leuten zu tun und da gibt es nichts", sagt Manuel. Dass sein Coming-out entgegen aller Vorurteile gegenüber konservativen Dorfgemeinschaften positiv verlaufen ist, liegt auch daran, dass er nicht das schwule Klischee erfüllt. Manuell kann zupacken: Seine Arbeitstage sind lang, sein Dienst auf dem Hof dauert zwei Wochen am Stück. Er trägt einen Bart, hat kurzes Haar und fühlt sich in weiter Arbeitskleidung und Gummistiefel im Kuhstall wohl. Im Dorf ist er zur Stelle, wenn Hilfe gebraucht wird. Und nicht zuletzt kennt man Manuel in Frotheim seit seiner Geburt. Warum sollte sich also etwas ändern, weil er einen Freund statt einer Freundin hat?

Nach Manuels Coming-out zeigten sich auch andere Schwule und Lesben

Mittlerweile ist Manuel nicht mehr der einzige Schwule im Dorf. In Frotheim wie auch in den Nachbarortschaften gibt es eine Dutzend Schwule und Lesben. Dazu zählt auch seine erste Freundin, die sich als lesbisch geoutet hat. Ebenso gibt es junge Schwule, die noch ungeoutet sind, und die sich bei Manuel Tipps holen. Der Vernetzung auf dem Land funktioniert. Und sie wird dank Internet besser.

Manuel ist einem Netzwerk schwuler Landwirte beigetreten. "Das ist so ein bisschen wie bei den Fußballern: Man denkt, man ist der einzige Schwule, weil ich bis dato auch keine anderen schwulen Landwirte kannte." Bei den Gay Farmers, so heißt das Netzwerk von Schwulen Bauern u.a. mit Verbänden in Deutschland, Österreich und der Schweiz, werden unter anderem Vernetzungstreffen unter den Bauern organisiert. Es geht ums Kennenlernen, Erfahrungen austauschen, Tipps geben oder einfach darum, sich bei Gleichgesinnten aufgehoben zu fühlen. Denn nicht jeder hat eine größere Stadt um die Ecke, in der er seine schwule Seite in Bars, Clubs, Freundschaften mit anderem Homosexuellen oder gar einem Partner ausleben kann. Noch weniger haben viele den Mut und das Glück beim Coming-out wie Manuel. Viele arrangieren sich stattdessen. 

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Manuel ist den Gay Farmers beigetreten, um mit anderen schwulen Bauern in Kontakt zu kommen.

Manuel ist den Gay Farmers beigetreten, um mit anderen schwulen Bauern in Kontakt zu kommen.

hristophs Leidenschaft für den Hof lässt ihn leiden

Christoph (Name v. d. Redaktion geändert) zum Beispiel wohnt in der Nähe von Aachen. Seine Eltern besitzen einen Bauernhof, auf dem er seit seiner Kindheit mithilft. Er selbst sagt über sich: "Ich bin Bauernsohn und total stolz darauf." Der Hof und die Arbeit sind ihm ans Herz gewachsen. Für ihn ist das nicht nur ein Beruf, sondern eine Leidenschaft, die ihn aber auch leiden lässt. Christoph ist von seinen Eltern abhängig.

Vor einigen Jahren hatte er seine rebellische Phase, wie er selbst sagt. Er trug einen Irokesen und war kurz davor, sich bei zu outen. Das bemerkten auch die Eltern. Ihnen missfiel die Entwicklung ihres Sohnes. Und so machen sie ihm klar: "Wenn ich später mal den Hof haben möchte, sollte ich mich der Gesellschaft anpassen und mir ne Frau suchen und Kinder zeugen." Mit etwas Protest beendete Christoph seine rebellische Phase und freundete sich mit dem "Gedanken des Heterolebens" an.

Wilde Bauern: Christoph bekommt so einige Angebote

Heute lebt er mit einer Freundin zusammen. Ob er sie liebt, kann er nicht sagen. Aber er weiß, dass er sich sexuell eher zu Männern hingezogen fühlt. Das allerdings lebt er hinter dem Rücken seiner Freundin aus. Er hat seit längerem eine Sex-Affäre zu einem anderen Mann und findet andere Sexpartner im Internet. Vor allem reifere Männer mit Fetisch zieht er magisch an. Denn auch das ist eine Seite der Medaille: Schwule Bauern sind nicht nur eine idyllische Vorstellung à la "Brokeback Mountain",  sondern eine mindestens genauso sexuell aufgeladene. Kräftig, haarige Kerle, Wildnis, Gummistiefel und Leder sind die sexuellen Symbole, die einige mit Bauern in Verbindung bringen. Christoph nutzt die Chance. Das ist sein Kompromiss zwischen äußerem Zwang und eigenem Begehren.

Wie lange er ihn leben wird, weiß er nicht. Er hat sich mit der Situation arrangiert auch wenn es manchmal "echt depri ist, so zu leben". Hin und wieder denkt er deshalb auch darüber nach, alles hinzuschmeißen, und etwas komplett anderes zu machen, wo er nicht auf seine Eltern angewiesen ist. Aber das sind momentan eher Hirngespinste, über die letztlich seine Liebe zum Bauerntum siegt: "Der Hof ist mir ans Herz gewachsen und es wäre zu schade,  wenn er verkauft bzw. verpachtet werden müsste!"


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