Dafür haben wir nicht gekämpft!

Redaktion Von Redaktion

Provokation ist ein tolles Instrument. Um für Aufmerksamkeit zu sorgen. Um seine innere Wut rauszulassen. Um das wahre Gesicht einiger Leute zu erblicken. Manch einer täte sich aber besser daran, sein Provokationstalent gegen 1.500 Gramm Gehirnmasse einzutauschen.

Hinter mir: Eine lange Disconacht, eine Schachtel Zigaretten, ein spartanisch eingerichtetes Hotelzimmer, ein geiles Frühstücksbuffet. Und Sex. Vor mir: Eine einstündige Zugfahrt nachhause. Neben mir: Mein One-Night-Stand von letzter Nacht. Ans Zug fahren habe ich mich schon längst gewöhnt, ans wilde Herumknutschen und Fummeln im Zugabteil noch nicht. Aber der Mensch lebt ja bekanntlich von Erfahrungen und genau die sammle ich in diesem Moment. Noch ist der Wagon leer, bis eine alte Frau, müsste so um die Achtzig sein, langsam ins Abteil humpelt und sich uns gegenübersetzt. Sanft, aber bestimmend löse ich mich von meinem Typen, bis er mir ins Ohr flüstert: "Hey, jetzt erst recht!" Seine Hand sucht ihren Weg unter mein T-Shirt, an meinen Gürtel...

Cut! Szenenwechsel:

Ich schlendere durch die Straßen Kölns - die Stadt die mir mein Herz geraubt hat. Langsam aber sicher aus der Brust gerissen, gut verschnürt und abgepackt. Ganz tief im Rhein versenkt und mit Bleigewichten am Grund festgehalten. Die Stadt, in der ich mich frei fühle, in der ich jetzt endlich das genieße, was mir 22 Jahre meines Lebens verwehrt blieb: Schwul sein! Dazu stehen! Voll und ganz. Ohne Wenn und Aber. Die Stadt, in der prozentual gesehen mindestens drei Mal so viele schwule Jungs als sonst wo dasselbe denken.
Vor mir geht ein schwules Pärchen. Hand in Hand. Standard-Kurzhaar-Unisex-Schwuppen-Frisur, freakige Jeans, Umhängetaschen. Aber hey, ich steh' auf sowas. Hand in Hand? Kurze Pause, die Hände verschwinden in den Hosentaschen, Umschalten auf Heterogang, weil: Prollo-Alarm! Die Gruppe Goldketten-behangener, Haargel-beladener Türken waren den beiden dann doch ne Spur zu heftig. Fünfzig Meter weiter kommt ihnen eine Kopftuch tragende Frau entgegen. An der Hand: Ein weiterer Türke. 1,40 groß. Höchstens. Um die 10 Jahre alt. Gar nicht so prollig. Die Hände der beiden Kerle wandern wie von Geisterhand wieder ineinander, als einer der Typen zum Jungen sagt: "Na Schätzchen, aus dir wird bestimmt auch mal ein leckeres Ding!" Gelächter.

Niveau!
    Niveau?
        Niveau???

Blöde Idioten.

Erstmal vorweg: Ich steh' zu mir, stehe zu meiner Sexualität - in der Öffentlichkeit. Ich schmeiß' mich gerne in meine flippige, klischeebeladene Sakkojacke, gehe mit meinem Freund auch mal Händchen haltend durch den Händchenhalt-Park oder protestiere am Weltjugendtag auf der Papstrundfahrt in der Regenbogenecke friedlich gegen die Ausgrenzung durch die Kirche. Das alles soll sich niemand nehmen lassen, darf sich niemand nehmen lassen. Aber: Die Zeit meiner spätpubertären Revolution!!!sphase habe ich längst hinter mir gelassen. Die wurde mit im Rhein versenkt. Diesmal ohne Blei. Und weg damit.

Die schwule Bewegung hat in den letzten Jahrzehnten so einiges erreicht. Dafür können wir uns auf die Schulter klopfen. Auf die zart besaitete.
Bei all dem Stolz - oh, pardon - "pride" frage ich mich bei einigen Typen allerdings: Hey, ihr Großstadt-verwöhnten Tucken und Darkroom-geschwängerten Testosteronbolzen, wollt ihr wieder zurück? Wollt ihr euch auf dasselbe Level wie eure Hasser begeben? Hirn einschalten!

"Die Provokation (v. lat.: provocare; aus pro = hervor + vocare = rufen) ist ein oft bewusstes Reizen, das als Ziel hat, beim Gereizten meist übermäßige Reaktionen hervorzurufen. Provokationen können Übertreibungen bis hin zur Regelverletzung (z.B. normenverletzendes Verhalten) sein." (wikipedia.de)

Ich muss keine Zug fahrende Oma durch bewusste und unverhältnismäßig starke Provokation ein paar weitere Schritte in Richtung CDU-Wahlurne bringen. Ich muss mir keine kleinen, türkischen Jungs zu künftigen Feinden machen. Ich muss meinen Freund in der Fußgängerzone Berlin-Neuköllns, Köln-Chorweilers oder Altöttings nicht demonstrativ ablecken. Ich muss nicht abseits des Christopher Street Days mit "Hetero? Gibts da nicht was von Ratiopharm?"-Shirt durch die Innenstadt laufen und den eingeschränkten Schwulenhassern noch mehr Angriffsfläche bieten. Ich besitze etwas, das nennt sich "Gehirn". Und ich wurde tatsächlich erzogen. Ich. Und das ist auch gut so.

Unsere schwulen Vorväter, deren jahrzehntelangen, aufopferungsvollen Protestaktionen wir so einiges zu verdanken haben, dürfen jetzt mit Recht in die Welt hinausbrüllen:
"Dafür haben wir nicht gekämpft!"

Fin.

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Weitere Quellen: Bilder: photocase.com