"Damals war Julian kein Fehler"

Redaktion Von Redaktion

Dirk ist 32 Jahre alt und weiß erst seit acht Jahren, dass er schwulist. Mit unserem Autor Sascha Blättermann redete er über seineHomosexualität, seinen Job als Vater und die Trennung von seiner Frau.

Dirk kommt im hellbraunen, eng anliegenden Shirt in das Cafe Lauras in Stuttgart. Er hat diesen Ort vorgeschlagen, denn er ist öfters hier am Wochenende, wenn zwischen den schwarzen Couchen und Metalltischen schwule Discoabende stattfinden. An den Wänden hängen Photographien von nackten Männern. Er umarmt mich fest und lässt sich in das Sofa fallen. Während des Gesprächs schaut er mit seinen grünen Augen tief in meine, während er schnell und sicher antwortet. Über die erste Frage erregt er sich sehr.

dbna: Dirk, Du bist schwul, hast Dich mit einer Freundin eingelassen und nun sogar ein Kind. Da hast Du sie und das Kind aber ganz schön betrogen.
Dirk: Nein. Die Aussage finde ich jetzt ganz schön krass und gewagt. So hat mir das noch niemand vorgeworfen. Ich habe nie jemanden reingelegt oder betrogen, das wäre ganz gegen meine Natur. Dass ich schwul bin, habe ich damals nicht gewusst oder wohl verdrängt.
 
Das ist doch eine Ausrede.

Ich war als Kind eher ein Einzelgänger. Meine ersten sexuellen Erfahrungen habe ich auf eher unschöne Weise gemacht. Als ich zwölf oder dreizehn war, wollte mich ein Mitschüler immer mit auf die Schultoilette nehmen, aber das wollte ich nicht. Ich war zu schüchtern. Dann hat er mich irgendwann auf dem Klo überfallen. Er folgte mir, schloss die Toilettentür hinter mir und wollte, dass ich mich ausziehe. Ich sagte, dass ich das nicht möchte und dann hat er seine Hose heruntergelassen. Er zog meine Hose mit Gewalt auch herunter und hat meinen Penis berührt und ist richtig über mich hergefallen. Das war ein sehr, sehr unschönes Erlebnis für mich. Er wollte das wieder und wieder und ich habe mich dann total distanziert. Ich bin eher in mich gekehrt, hatte Depressionen und war da anders drauf als heute. Ich habe damals so gefühlt, ich war noch naiv und für mein Alter nicht so reif. Ich war zwanzig, als ich dann im Fitnessstudio eine Frau kennengelernt habe. Das war für mich das erste mal überhaupt, dass sich jemand für mich interessiert hatte. Sie war allerdings fünfeinhalb Jahre älter als ich.

Aber zum Zusammensein gehört ja auch Liebe und diese hast Du nicht empfunden?

Doch, die Liebe war da, zumindest das, was ich damals unter Liebe verstanden hatte. Es war schön. Wir sind dann nach einem Jahr zusammengezogen, das war 1996. Dann haben wir so dahingelebt und Ende 1998 ist sie schwanger geworden. Da hatte ich nie das Gefühl, mich nach einem Mann zu sehnen, ich hatte nie das Gefühl, dass mir was fehlte.

Du hast Deine Homosexualität erst später entdeckt?

Genau. Vielleicht habe ich das verdrängt, auch wegen der Vergewaltigung. Ich habe ja mit niemanden darüber gesprochen, habe mich total zurückgezogen und so auch keine Jugend gehabt. Aber warum soll ich das auch groß verbreiten? Ich habe das für mich im Nachhinein erkannt und in den Jahren danach realisiert, was passiert ist. Damals war mir nicht klar, dass es eine Vergewaltigung war. Heute habe ich zu demjenigen keinen Kontakt mehr.

Du hast dann jedenfalls im Fitnessstudio Deine Freundin kennengelernt.

Das war eher Zufall. Ich hatte mich verschanzt und war nur selten draußen und über meine Bankausbildung habe ich meinen späteren besten Freund kennengelernt, dem ich das mit der Vergewaltigung erzählt hatte. Mit ihm bin ich heute noch fest befreundet. Er schleppte mich damals mit in dieses Studio, damit ich einfach auch mal raus kam. Ich habe da trainiert, es gefiel mir und da lernte ich sie dann kennen und es hat Klick gemacht. Im Nachhinein muss ich sagen, dass sie so eine männliche Art an sich hatte.

Warum?

Sie sagte selbst, dass sie im Kindergarten immer die Bubenspiele gespielt hat. Ihre Schwester wollte immer mit Puppen spielen, sie aber nie. Ich meine, durch sie habe ich erkannt, dass ich keine Jugend hatte. Es war schön, einen Menschen zu haben und der Sex, der war total erregend.
 
Wie lief es dann weiter?

Die ersten Jahre waren wunderbar. 1999 kurz vor der Geburt von Julian haben wir standesamtlich geheiratet, weil ich dann in die Steuerklasse drei kam und wir fünfhundert Mark mehr in der Tasche hatten jeden Monat. Sonst hätten wir auch nicht geheiratet. Wir waren ja auch schon dreieinhalb Jahre zusammen. Was ist dann mit Trauschein noch anders?

Julian kam noch vor der Heirat?

Nein, der kam im Juli 1999, die Heirat im März. Das Kind war aber nicht geplant, sie hatte die Pille nicht vertragen, ich habe auf das Kondom verzichtet, wir haben die fruchtbaren und unfruchtbaren Tage ausgerechnet. Das ging ein Jahr gut. Aber ich war nicht geschockt, als sie dann schwanger war, im Gegenteil, ich habe mich gefreut. Sie hat sich auch sehr gefreut, zumal sie Erzieherin ist in einem Kindergarten.

Wie kam es denn zur Trennung?

Das Kind hat mehr oder weniger die Trennung beschleunigt. Man musste bei meiner Frau einen Dammschnitt machen, sie lag zwei Wochen nur im Krankenhaus und der Kleine hat auch erst nicht geatmet und lag ebenfalls im Krankenhaus. Zu der Zeit hatte ich beruflich viel zu tun, ich habe zu Hause gelernt und bin dann immer in die Klinik gefahren.

Das ist doch aber kein Grund.

Sie musste danach mehrfach operiert werden. Mit Sex war dann erstmal ein Jahr gar nichts mehr. Erschwerend kam hinzu: Mein bester Freund hatte damals eine neue Freundin und deren bester Freund wiederum war schwul. Wir waren dann abends oft weg in der Disco, das war interessant, dass ich da einen Schwulen kennengelernt habe. Wie alt war ich da? 25? An die Vergewaltigung habe ich da gar nicht mehr gedacht. Ich fand das interessant, weil er mich richtig umworben hat, ich fand es toll, dass er was von mir wollte. Das hatte ich so noch nie erlebt.


Seite 1: Dirk über eine Vergewaltigung in der Kindheit, die Beziehung und Trennung von seiner Frau und die Geburt seines Sohnes.


Seite 2: Dirk erzählt über seine ersten schwulen Erfahrungen und das Coming-out vor seiner Frau.

Seite 3: Wie Julian mit seinen zwei getrennten Heimen klarkommt, warum Dirk seine Ehe nicht als Fehler ansieht und wie seine festen Partner auf das Kind reagieren.

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Weitere Quellen: Bilder: photocase.com, privat