Das Ende der Randgruppe

Redaktion Von Redaktion

Wird Anderssein normal? Nicht mal Behinderte dürfen auf Werbeplakaten behindert aussehen. Kein Wunder, hat die Gesellschaft doch Angst vor dem, was anders ist. In diesen gefährlichen Trott sollten wir nicht fallen. Aber wir sind bereits mitten drin.

Er lächelt so sympathisch. So nett, adrett - so normal. Man glaubt kaum, dass mit ihm, wie die meisten Leute sagen, etwas nicht stimmt. Dass er Down-Syndrom hat. Mit seinem Bild wirbt ein christliches Diakoniewerk für die Integration Behinderter in unsere Gesellschaft. Ein löbliches Ziel. Behinderte sind also sympathisch, nett und adrett, das lernen wir hier.

Dass es auch einige Behinderte gibt, die auf der apple-weißen, clean-sauberen Benutzeroberfläche unserer Gesellschaft nicht bestehen könnten, vielleicht weil sie Spuckefäden am Mund haben oder Bewegungen zu ihrem Repertoire zählen, die der einheitlich sportlich-dynamischen Jung-Werbewelt nicht geläufig sind, davon erzählt das Bild nichts. Nur keine komplizierte Realität mitteilen, nur nicht zu viel fordern. Die Werbung für Toleranz gegenüber Behinderten ist so aalglatt wie die Werbung für Tafelwasser mit Apfelgeschmack auf der Plakattafel daneben.

[Homosexuell]. Das Wort klingt sperrig, und man kann sich gut vorstellen, dass es bis 1993 auf der WHO-Liste der Krankheiten geführt wurde. Sicherlich kein Zufall, dass man sich heute "schwul" nennt, denglisch "gay" oder in grandioser Ignoranz gegenüber der eigentlichen Vielschichtigkeit des Wortes: queer. Das klingt zumindest ein bisschen nach New York, Creative Director und Loft, jedenfalls nicht mehr nach Krankheit. Und genauso glatt ist auch das Auftreten der meisten Schwulen geworden. Die Polit-Tunte der 70er Jahre, die aus Lust an der Provokation und Experimentierfreude zum Bürgerschreck avancierte, ist von der Bildfläche verschwunden oder - Umschalten, bitte! - im Nachtprogramm vom WDR als singende Moderatorin gestrandet.

Schwule haben Waschbrettbäuche, Kurzhaarschnitte, und um Gottes Willen keine Identitätsprobleme. Wie gern sie sich vielleicht, als Kind im Kleiderschrank der Schwester bedient hätten, trauen sie sich nicht einmal dem Sexual- oder Lebenspartner zu gestehen - und werden auch damit so normal wie ihre heterosexuellen Kollegen, in deren möglichen Identitätsprogrammen Travestie noch nie vorkam.

"Bloß nicht anecken!" scheint die Konsensparole der Schwulen. Wir sind normal! Und ja, das sind wir selbstredend auch, genauso normal oder unnormal, wie es jede und jeder andere auch ist. Das Problem ist aber, dass die Homosexuellen sich einem Normalitätsbegriff annähern, dessen zentrale Eckpfeiler Heterosexualität, Zweigeschlechtlichkeit und zero Tolerance sind. Das ist nicht verwerflich - die meisten Menschen dieser Erde sind dieser absurden Idee von Norm auf den Leim gegangen. Für Homosexuelle heißt das: die Paradiesvögelei aufgeben, in die Gesellschaft eingehen, glücklicher werden. Ohne Imageproblem lebt es sich leichter. Das heißt aber auch: nach den Regeln spielen, ein bisschen gewinnen, aber die Regeln nicht mehr in Frage stellen - ein großer Verlust. Wenn man sich anpassen kann, ist man dabei, absorbiert, verschluckt. Und da haben wir Homosexuellen es deutlich leichter als die Behinderten, die nicht mal auf ihren eigenen Werbeplakaten vorkommen dürfen.

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Weitere Quellen: photocase.com