Das große Aufräumen

Redaktion Von Redaktion

Abstauben, Ordnung schaffen, dreckige Fenster putzen – das sind drei Pflichten eines guten Hausmädchens. 1948 wurde der Biologe Alfred Charles Kinsey zum moralischen Hausmädchen und fegte mit dem ersten der zwei "Kinsey-Reports" den Staub vom Sex-Bild der US-Amerikaner.

Abstauben, Ordnung schaffen, dreckige Fenster putzen das sind drei Pflichten eines guten Hausmädchens. 1920 war es völlig undenkbar, dass Männer solche Arbeiten erledigten. Dabei hätte Alfred Charles Kinsey beste Eigenschaften dafür gehabt: Geduld, Stehvermögen, Präzision. Stattdessen wurde er in diesem Jahr Doktor der Zoologie in Harvard und erst ein Vierteljahrhundert später zum emsigen Hausmädchen, das Ordnung in die Vorstellungen brachte, die seine Zeitgenossen von Sex hatten. 1948 fegte Kinsey mit seinem Buch "Das sexuelle Verhalten des Mannes", dem ersten der zwei "Kinsey-Reports", den Staub vom Sex-Bild der US-Amerikaner und sorgte für den Durchblick, der die sexuelle Revolution in den 60er Jahren erst möglich machte.

Er fand heraus, dass 37 Prozent der Männer in den Vereinigten Staaten schon sexuelle Erfahrungen mit Männern gemacht hatten. Radikal räumte er mit der Vorstellung auf, dass Menschen entweder hetero- oder homosexuell sind. Sie seien vielmehr beides gleichzeitig nur in unterschiedlichem Ausmaße. Dabei war Kinseys Lebensperspektive anfangs ganz und gar nicht spektakulär. Nach seinem Abschluss in Harvard ging er an die Indiana University in Bloomington und untersuchte Gallwespen. Über Jahre katalogisierte er diese zwei Millimeter großen Insekten und konnte seine Fähigkeiten unter Beweis stellen: Geduldig spürte er den 1.600 Arten dieser Familie nach, bewies Stehvermögen in mexikanischen Wüsten, an Felswänden der Rocky Mountains und im Urwald von Guatemala und erfasste präzise je 28 Merkmale von hunderttausenden Tieren.

Daheim in Bloomington schätzte man den sammelwütigen Insektenforscher als Biologiedozenten. 1938 bat ihn die Universität, einen Kurs über Ehe und Familie abzuhalten. Als seine Studenten ihm Sex-Fragen stellten, musste Alfred Kinsey passen. Nicht, weil er verklemmt war, sondern weil er ihnen gern wissenschaftliche Antworten gegeben hätte. Aber die Fachliteratur enttäuschte den exakten Forscher. Entweder waren die Untersuchungen unzuverlässig oder von Wissenschaftlern geschrieben, die sich als Moralphilosophen verstanden. "Wir wissen über das Geschlechtsverhalten mancher Nutz- und Versuchstiere mehr als über das des Menschen", schrieb Kinsey in der Einführung zu seinem ersten Report. In dem Satz schwingt die Frustration mit, die ihn dazu bewegt haben muss, eigene Untersuchungen anzustellen.

Anfangs interviewte er seine Studenten über ihr Sexleben. Daraus entstand ein Katalog mit über 300 Fragen der Ausgangspunkt für zehn Jahre Arbeit, ehe Kinseys Team über "Das sexuelle Verhalten des Mannes" schreiben konnte. Von 1938 bis 1947 interviewten sechs Forscher 12.000 Amerikaner stundenlang, mehr als die Hälfte der Gespräche führte Kinsey selbst. Geduldig stellte er in dieser Zeit fast drei Millionen Fragen, bewies Stehvermögen gegen klagende Ärzte, schnüffelnde Sheriffs und tobende Chefs und verschlüsselte präzise die Antworten nach einem System, das sein Team entwickelt hatte.

Kinsey staubte ab

Die Ergebnisse der Studie mussten die Weltsicht im Amerika der 40er Jahre durcheinander bringen. Ein heterosexuelles Paar hat monogam Sex in der Missionarsstellung so etwa könnte der Titel des Gemäldes lauten, das Kirche und Gesellschaft vor Ewigkeiten gezeichnet hatten und das sie gern so eingestaubt in den Köpfen hätten hängen lassen. Wie mit Staubwedeln feudelte Alfred Kinsey mit "Das sexuelle Verhalten des Mannes" und "Das sexuelle Verhalten der Frau" (1953) energisch die Ablagerungen aus Jahrhunderten fort. Was er dabei freilegte, sorgte bei seinen Zeitgenossen für hellen Aufschrei oder peinliche Verlegenheit.

Nur die Hälfte der Männer hatte noch nie homoerotische Vorstellungen. Männer und Frauen haben Sex in allen möglichen Stellungen - und das auch schon vor der Ehe. Prostituierte finden regen Zulauf von verheirateten Männern. Ein Viertel der männlichen Orgasmen geht auf Selbstbefriedigung zurück. Und als Gipfel der Unerhörtheit ersann Kinsey eine Theorie, die auch Hartgesottenen die Beherrschung raubte: Nach seinen Vorstellungen gibt es keine homosexuellen Menschen, aber auch keine heterosexuellen. Je nachdem, ob sie eher homosexuelle oder heterosexuelle Erfahrungen machen und ob sie mehr von Menschen des gleichen Geschlechts erregt werden oder des anderen, bewegen sich alle Menschen auf einem Kontinuum zwischen dem Homo- und dem Hetero-Extrem.

Kinsey schaffte Ordnung

Damit seine Zeitgenossen sich in dieser Theorie besser zurecht fänden, schaffte Kinsey Ordnung und teilte sein Kontinuum in sieben Stufen die Kinsey-Skala. Stufe 0 umfasst Menschen mit ausschließlich heterosexuellen Erfahrungen und Wünschen, auf Stufe 6 stehen alle Menschen, die homosexuell lieben und begehren. Wer sowohl Erfahrungen mit oder Begehren an beiden Geschlechtern hat, tritt auf eine Stufe dazwischen. Und das tat jeder Dritte der Interviewpartner. Hätte man die strengen Gesetze durchgesetzt, mit denen schwuler Sex in vielen US-Bundesstaaten bestraft wurde, wären 40 Prozent der Männer in der Irrenanstalt gelandet. Das musste schockieren. Und die Reaktionen ließen nicht auf sich warten. Geduldig ertrug Alfred Kinsey, dass man ihm und seiner Frau Unzüchtigkeit andichtete, bewies Standvermögen als man ihn der Pädophilie, der Kindesmisshandlung und des homosexuellen Verkehrs bezichtigte und erklärte präzise, was er vorhatte: Eine Riesenstudie mit 100.000 Menschen. Für den ehemaligen Gallwespen-Forscher Kinsey konnten nur hundertausende Exemplare ausreichend sichere Daten liefern. Das Misstrauen seiner Mitmenschen versuchte er durch verstärkten Fleiß wettzumachen und überarbeitete sich: Alfred Charles Kinsey starb 1956 an Herzversagen.

Kinsey putzte ein Fenster

Kinsey glaubte nicht, mit seiner Arbeit etwas verändert zu haben. Doch er hat ein Fenster geputzt, das dreckig gewesen war von dem moralischen Schmutz, mit dem seit jeher Homosexuelle, Ehebrecher vor allem aber Ehebrecherinnen und Prostituierte beworfen wurden. Mit wissenschaftlicher Exaktheit hat Alfred Kinsey für Durchblick gesorgt im menschlichen Sexualverhalten. Er hat den Ausblick geschaffen für die sexuelle Revolution der 60er Jahre, die religiöse Verurteilungen, soziale Tabus und Moralrechtsprechung beiseite zu räumen versuchte eben den Staub von Jahrhunderten.

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