Das Leben im Großabteil

Redaktion Von Redaktion

Jetzt gibt es Schlagabtausch: Christoph berichtete im letztenWildwechsel von seinen Erlebnissen auf der Autobahnraststätte undMatthias kontert jetzt mit seinen Erlebnissen mit der Deutschen Bahn.Weil Zugfahren eigentlich spannend ist.

Lieber Christoph!

Du hast mir vom Autofahren geschrieben, und ich habe deinen Briefgenossen. Ich bin nämlich immer wieder erstaunt über dieSouveränität  und Selbstverständlichkeit, mit der sich viele Leutein ihren PKWs über den Asphalt bewegen - ich kann das nämlich so garnicht.

Und, um ehrlich zu sein - ich mag es auch nicht. Vor allem selbsthinterm Steuer zu sitzen finde ich scheußlich. Man muss sich andauerndkonzentrieren, hinter einem aufdringliche BMW-Fahrer, die nicht zu spätzum Termin kommen wollen, vor einem fünf Lastwagen, die sichgegenseitig überholen - und man selbst mittendrin, ständig versuchend,den Karren ja nicht gegen den Baum zu fahren um irgendwie lebend amZiel anzukommen. Nein, nein, nein, Christoph: ich bin Bahnfahrer.

Zugegebener Maßen: Bahnfahren ist schon relativ teuer. Aber dafürdeutlich entspannter. Man sitzt bequem in einem Sessel, auf Grund dergeringen Auslastung des DB-Streckennetzes hat man meistens sogar nocheinen neben sich für die Füße frei und kann in Frieden lesen. Hin undwieder kommt ein freundlicher Servicemitarbeiter der Deutschen Bahn AGvorbei, bei dem man sich heißen Tee kaufen kann. Und den kann man dannschlürfen, während man aus dem Fenster guckt und sich die Landschaftansieht.

Das Tolle dabei: Züge fahren mitten durch die Innenstädte und durch dieLandschaft, es gibt keinen Lärmschutzwall links und rechts - sprich,man sieht, wo man gerade ist und wie es da aussieht. Ich weiß nicht, obdas jetzt kindisch ist - ich mache das ja auch schon, seit ich ein Kindwar - aber ich stelle mir dann im Vorbeifahren immer gerne vor, wer anall den Orten wohnt, die man da so sieht. Gehen die Leute, die indiesem Computergeschäft arbeiten, mittags zum Essen zu dem Dönerstandnebenan? Was dachte die Oma sich, als sie die Wäsche in ihrem Gartenzwischen den weißen Plastikstühlen und den Rosensträuchern gleich nebenden Gleisen zum Trocknen aufhängte? Schaut gerade irgendwer aus demFenster und sieht den Zug in dem ich sitze? Und fragt der sich dannauch, ob jemand rausschaut? Wie fühlt es sich an, mit dieserStraßenecke vertraut zu sein, an ihr jeden Tag vorbeizukommen? Wohnthier wer, der die selbe Musik hört, wie ich? Was erleben all die Kinderin der Schule, zu der sie Tag für Tag von dieser Bushaltestelle ausfahren? Und wie viele Pärchen hatten an diesem Weiher schon Sex?

Eigentlich ist das doch richtig komisch: Diese Orte, an denen manvorbeifährt, und die man kaum eines Blickes würdigt, sind für andereLeute der Lebensmittelpunkt, total wichtig, mit den schönsten odertraurigsten Erinnerungen und Gefühlen verbunden. Aber eigentlich das
trifft ja auf so vieles zu - an wie vielen Menschen, zum Beispiel,laufen wir täglich vorbei, obwohl auch die von irgendwem totalbesonders und liebenswert gefunden werden?

Aber ich drifte ab. Bei dem Thema: Abdriften geht bei der Bahn auchnicht. Man verfährt sich nämlich nie. Und während der Autofahrermutterseelenverlassen in seiner Blechdose sitzt, ist man im Zug nichtallein. Was natürlich nicht unbedingt angenehm sein muss, wenn der Zugvoll von fleckgetarnten Wehrdienstleistenden oder besoffenenFußballfans ist. Aber in jedem Fall ist es echt interessant, wie es mirmal mit zwei solcher fleckgetarnter Soldaten passierte. Die saßen sichim ICE an einem Tisch gegenüber, beide mit Laptops und spieltengegeneinander Counter Strike. Verdammt, konnte ich da nur noch denken,die haben ihr Hobby zum Beruf gemacht. Und da wir gerade bei jungenMännern mit Laptops sind: In einem realtiv leeren ICE saß mir schräggegenüber in der nächsten Bankreihe ein ziemlich junger Typ, so, dassich in seinen aufgeklappten Bildschirm schauen konnte. Und der hat daeinen Hard-Core-Porno geguckt. Mitten im Großraumabteil. Zwischendrinimmer Comic-Szenen, von Frauen die sich an mannshohen Penissen reiben.Ohne Ton, leider.

Und immerhin - ich werde das nächste halbe Jahr wohl sehr viel Zeit imZug verbringen, weil ich ja ein Praktikum in Hamburg mache. Ich hoffe,du kommst mich da mal besuchen. Und eigentlich ist es ja egal, ob dunun mit dem Auto oder dem Zug kommst. Denn, lass dir nichts einreden,lieber Christoph: Der Weg ist nicht das Ziel!

...so die neueste Lebensweisheit von


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