Das Post-Metro-Syndrom

Redaktion Von Redaktion

Beckham hat es der ganzen Welt gezeigt: Man kann eine aufgestylte Tucke mit Faible für Glitzer, Glamour und Glorie sein und trotzdem nicht auf Männer stehen. Das nennt sich neuerdings "metrosexuell". Und da muss der moderne schwule Mann doch gegensteuern!


David Beckham hat es der ganzen Welt gezeigt: Man kann eine aufgestylte Tucke mit Faible für Glitzer, Glamour und Glorie sein und trotzdem nicht auf Männer stehen. Das nennt sich seitdem "metrosexuell". Und da muss der moderne schwule Mann doch gegensteuern!

Identifikationen

Neulich auf einer Geburtstagsfete bekam ich ein paar Dinge zu hören, die ich im Folgenden mal wiedergeben möchte. Ein Typ fragte einen anderen, warum eigentlich alle hier anwesenden Schwulen einen Bart tragen. Nun, ich trage zwar keinen Bart, aber der angesprochene Barträger begann einen kleinen Vortrag zu halten: Es sei schon ein Kreuz mit der Welt. Erst wurde die schwule Gesellschaft Jahrhunderte lang diskriminiert und musste sich mal mehr mal weniger mit geheimen Symbolen finden können, bis wir dann im 20. Jahrhundert angekommen sind. Dank der CSD-Bewegung wurde das schwule Selbstbewusstsein gestärkt, meinte er. Die Village People haben es mit ihrem klischeebeladenen Video zu "YMCA" auf die Spitze getrieben, was damals in der Szene in war: Bauarbeiter, Biker, Bären. Auch bei Queen waren Schnauzer und bauchfrei kein Widerspruch.

im Wandel

Das habe sich dann geändert, meinte er: Sah man in Werbung und Film auch schon mal behaarte, muskulöse Oberkörper, wandelte sich dieses Bild jedoch langsam. Angetrieben wurde dies von den Schwulen! Die entwickelten nämlich mehr und mehr Bewusstsein für das schöne, ästhetische, unbeharrte Jüngelchenimage. Vorbei die Zeiten der behaarten Kraftprotze, die Tucke kommt! Und sie beglückte uns Mitte der 90er Jahre mit einem heute wieder vergessenen Schwulenhit: "Shut Up (and sleep with me)". Hautenge Kleidung, Putten auf dem CD-Inlay, eine Transe für die Falsettstimme und eine Coverversion des Rosenberg-Hits "Er gehört zu mir". Die Heterowelt hatte übrigens im selben Jahr den Schmuddelstyle von Rednex auf Platz Eins der Charts gehoben, aber das nur nebenbei. Gay is great, Gay Acting wurde Mode. Im Kino sahen wir die Sorgen der Ralph-König-Huschen, stets im Fummel. Steh zu deiner femininen Seite, sei du selbst! So die Ansicht des Vortragenden.

Und dann kam Beckham

Es war ja so einfach, sich als Schwuler von der Heterowelt abzusetzen! Und je stylischer, desto besser. Bis David Beckham die metrosexuelle Seite der Heteros heraufbeschwor: Mach was du willst, schmück dich, schmink dich. - Soweit das, was ich hörte. Es kam aus dem Mund eines untersetzten, bärtigen Mittzwanzigers. Ich fragte mich also: Worauf will er hinaus? Und dann kam es: Er beschrieb seinem Gegenüber, warum er schwul ist, aber dennoch als eine Mischung aus Skater, Gabber und Bär durch die Gegend rennt. Und warum überhaupt so viele Männer auf dieser Party einen Bart tragen. Es ist ganz einfach: Wegen David Beckham muss sich der Schwule von heute neu identifizieren! Ist doch klar: Wenn alle heterosexuellen Mitbürger sich wie die Tucken der letzten Jahre geben, sehen Heteropartys ja bald aus wie Schwulenveranstaltungen, ergo: Back to the Roots! Weg mit dem Rasierwasser, weg mit den androgynen Körpern und dem Diät-Wahn! Denn: Wir müssen uns ja von den Anderen unterscheiden!

Ja nee, is klar!

Es bleibt einem nicht mehr viel zu sagen. Es bleibt nicht einmal ein Fragenkatalog. Es bleibt mit nur eine einzige Frage übrig: Wofür bitte habe ich einen Weg hinter mir, der mich durch ein verdammt hartes inneres und manchmal unschönes äußeres Coming Out geführt hat, einen Weg, der mich dahin bringen sollte, das zu sein, was ich eben bin? Jetzt kann ich einfach ich sein. Da brauche ich doch keine halbseidene Begründung, warum meine Behaarung geschnitten, gestutzt, gezupft und rasiert ist. Oder warum ich welche Haarfarbe habe. Ob ich Jeans oder Anzug trage, ob Schmuck oder Makeup. Vielleicht sollte man Beckham ja dankbar für den Metro-Stil von heute sein. So viel Vielfalt ist doch großartig. Da brauchen wir nicht ein Modell für den Schwulen von morgen. Aber manch einer hat anscheinend noch nicht verstanden, dass es DEN Schwulen eben nicht gibt.

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