Das Problem "Minderheit"

Redaktion Von Redaktion

Hand in Hand mit dem Freund durch die Stadt – ohne böse Blicke. Das wünschen sich viele junge Schwule. Aber ist das realistisch? Wird das Schwulsein für die Allgemeinheit je so normal sein wie für uns?

Typisch Fernbeziehung: Sonntags heißt es Abschied nehmen. Eine Umarmung, ein Kuss, bevor einer der beiden in den InterCity steigt das kann man überall beobachten. Viele schwule Paare geben sich nicht zu erkennen. Da ist der Abschiedgruß ein trauriges Winken. Den Abschiedskuss gab es schon in der Wohnung.
Zugegeben: Schön ist das nicht. Wer würde nicht gern den Schatz direkt am Bahnsteig noch einmal herzlich drücken und das ohne bei Passanten oder Mitreisenden sofort als "Schwuchtel" dazustehen? Vor allem jetzt, in Zeiten von Homo-Ehe und Antidiskriminierungsgesetz.
Aber an einer Tatsache ist nicht zu rütteln: Die Schwulen sind und bleiben eine Minderheit. Die große Mehrheit der Menschen ist heterosexuell und daran ändert auch jede Gleichstellung nichts. Jede Minderheit bekommt das immer wieder zu spüren. Ob sie sich durch ihre Religion, Sprache oder Sexualität auszeichnet: Unsere Gesellschaft ist auf die Mehrheit ausgerichtet. Da können Minderheiten noch so gut integriert und akzeptiert sein sie werden Minderheiten bleiben! Aller Zweisprachigkeit zum Trotz: Wer als Frankokanadier nur Französisch kann, wird hin und wieder Verständigungsprobleme haben. Ein deutscher Jude wird nicht in jedem Dorf eine Synagoge oder ein Geschäft mit koscheren Lebensmitteln finden und ein Rollstuhlfahrer wird immer wieder hilflos vor einer Treppe stehen.

Früchte der Toleranz...

In dieser Hinsicht hat sich viel getan. In vielen Städten fahren Niederflurbusse und in öffentlichen Gebäuden existieren Aufzüge. Aber so bitter es für alle Rollstuhlfahrer sein mag: Es kann und wird nicht zu einem allgemeinen Verbot von Treppen kommen.
Vielleicht sollten sich die Schwulen das auch einmal durch den Kopf gehen lassen. Akzeptanz hin, Gleichstellung her: Anecken wird unsereins immer bei irgendwem. Das muss nichts Schlimmes sein, aber man wird mit seiner Homosexualität  zumindest außerhalb der "schwulen Welt" immer etwas Besonderes bleiben und sich auch interessierten Fragen stellen müssen, die aber nicht böse gemeint sein müssen. So wie man auch einen Dunkelhäutigen einfach aus Interesse fragt, woher er denn stamme.
Mit dem Küsschen für den Freund wird man am Bahnsteig immer auffallen und es wird immer mal wieder Menschen geben, die daran Anstoß nehmen. Aber das ist kein Problem der Schwulen, sondern ein Problem, welches alle Minderheiten haben. Das bedeutet natürlich nicht, dass man sich grundsätzlich verstecken muss. Man kann so leben, wie man es selber für richtig hält, muss sich aber der Tatsache bewusst sein, dass man als Minderheit damit eher mal in Schwierigkeiten gerät. Das schwule Paar, das im Schwimmbad rumknutscht wird immer mehr auffallen, als die fünf heterosexuellen Paare, die das gleiche tun. Nicht, weil schwules Knutschen schlechter ist, sondern weil es einfach nicht alltäglich ist und wohl auch noch lange nicht alltäglich sein wird. Dazu gibt es zu wenige Schwule.

... und ihre Grenzen

Natürlich brauchen und wollen wir uns nicht permanent verstecken, aber es steht uns sicher nicht schlecht zu Gesicht, wenn wir auch ein Stück weit akzeptieren, dass unser Lebensstil manch einem immer noch sauer aufstößt. Wir müssen es nicht gut finden, aber um das Abfinden werden wir nicht immer herumkommen. Bewusst zu provozieren ist weder nötig noch bringt es uns langfristig irgendwelche Vorteile. Wir sind in puncto Toleranz sicher an einem Punkt, an dem nicht mehr die Provokation unsere "Waffe" gegen die Intoleranz ist, sondern die Konversation und Konsensbereitschaft. Und genau so, wie wir Respekt für unsere Art zu leben erwarten, sollten wir auch respektieren, dass allzu offen schwules Verhalten manche stört  aus Gründen, die wir vielleicht ebenso wenig nachvollziehen wie aus der Welt schaffen können. Was haben wir davon, einen 80-jährigen Rentner zu provozieren? Gar nichts. Verstecken - das soll sich natürlich niemand. Aber wir müssen uns auch im Klaren darüber sein, dass Akzeptanz keine Einbahnstraße ist. Wir haben was Gleichstellung angeht schon so einiges erreicht. Und vielleicht kann es ja sogar zur vermehrten Akzeptanz beitragen, wenn man sich hin und wieder zurückhält und die innere Wut innere Wut bleiben lässt. Denn erfahrungsgemäß werden diejenigen Minderheiten am ehesten akzeptiert, die das verstanden haben und die sich ihres Status als Minderheit bewusst sind.

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Weitere Quellen: Bilder: photocase.com, dbna e. V.