Das Schönheitsprinzip

Redaktion Von Redaktion

Was man im Alltag als schön bezeichnet, ist stark abhängig von Schönheitsidealen, propagiert durch die Medien, geprägt durch die Gesellschaft, vollzogen in Schönheitswettbewerben. Aber: Was wirklich schön ist, was nicht, wer vermag das schon zu definieren?

Man kann einen Mann beschreiben, durchtrainiert, jung, gepflegt, man kann ihn aufwendig fotografieren, ihn mit teuren Kosmetika einschmieren, man wird es niemandem recht machen können. Die einen werden sagen, dass er interessant aussieht, die anderen stehen nicht auf den Waschbrettbauch und wieder andere mögen ihn sogar als hässlich ansehen. Aber sagen, dass er schön ist? Was schön ist, was nicht, wer vermag das schon zu definieren?


Die Philosophie vielleicht? Bei Platon ist die Schönheit ein Stufenmodell, von der niedrigen Schönheit bis zur Idee der Schönheit. Alles, was schön ist auf dieser Welt, ist ein Abbild von jener Idee, die am schönsten ist. Damit war Schönheit der Inbegriff höchster Vollkommenheit, ein ideales Prinzip also und die Aufgabe der Kunst war es, solche Momente zu ermöglichen. Im Mittelalter dann war Schönheit der "Glanz der Wahrheit", eine alleinige Eigenschaft von Gedanken, dessen Grad der Schönheit von der Übereinstimmung mit der Realität abhängt.


In der Renaissance war der Mensch das Maß aller Dinge, man griff auf die Antike zurück und es wurden Kriterien entwickelt, die für Schönheit gelten. Im 18. Jahrhundert rückten subjektive Voraussetzungen und Erfahrungen in den Vordergrund. Einerseits glaubte man, dass die ästhetische Erfahrung von Regeln des Verstandes abhängt, aber andererseits auch, dass Gefühle ebenso eine Rolle spielen. In der näheren Gegenwart dann wird Schönheit zu einem objektiven Gegenstand, den man exakt messen kann und mathematisch-naturwissenschaftlich darstellen kann. Im Rahmen der Industrialisierung und der künstlichen Intelligenz hat man ein breites Feld praktischer Anwendungsgebiete.


Schönheit als Zahlensalat


Wenn die Philosophie also keine richtige Definition liefern kann, dann vielleicht die Naturwissenschaften? Schönheit ist hier ein Zahlensalat aus Idealmaßen, 90-60-90 und goldener Schnitt. Aber ist das Ideale wirklich so allgemeingültig? Ist es nicht eher der Mode unterworfen?
Ein Blick in den Alltag also. Was ist schön, was nicht? Schönheit als etwas, dass einen besonderen Eindruck hinterlässt: ein schöner Körper, eine Bewegung, eine Melodie, aber auch Erlebnisse wie gestreichelt werden, das ist schön. Man ist schnell bei Begriffen wie Harmonie und Symmetrie, man muss abgrenzen zwischen schön und hübsch und erhaben und interessant.


Was man im Alltag als schön bezeichnet, ist stark abhängig von Schönheitsidealen, propagiert durch die Medien, geprägt durch die Gesellschaft, vollzogen in Schönheitswettbewerben. Doch gilt in der europäischen Kultur beispielsweise der schlanke Mensch als schön, vielleicht weil Nahrung im Überfluß vorhanden ist, zählt Wohlgenährtheit zum Beispiel in afrikanischen Kulturkreisen als schön, die Menschen sind lieber dick als dünn.


Schönheit als Selbstbewusstseinskick


Aber dass man den Begriff der Schönheit deswegen auf die Schlankheit alleine zurückführt, ist zu schnell gedacht, dieser Gedanke ist älter als unsere Wohlstandsgesellschaft und die Industrie. Stattdessen kann man aber allgemeiner sagen, dass als schön gilt, was Vorteile verschafft, etwas, das erstrebenswert ist, etwas, das jemandem hilft.

Symmetrie beispielsweise ist immer wieder ein Kriterium für Schönheit, es zählt als Zeichen eines gesunden Erwachsenwerdens ohne sichtbare genetische Defekte. Und wenn man doch bei der Schlankheitstheorie bleiben will: Es hat sich herausgestellt, dass in nahezu allen Kulturen bei Frauen ein Taille-Hüfte-Verhältnis von 75 Prozent als schön angesehen wird, vielleicht ist es ein Zeichen für Fruchtbarkeit.


Und so wurde Schönheit lange Zeit vor allem an Frauen gemessen, das ist ein Überbleibsel der patriachalen Gesellschaft, der Mann war schön, wenn er Einkommen und einen Arbeitsplatz garantierte. Das ändert sich nun langsam, die Männer sind nun auch auf ihr Äußeres angewiesen, die Kosmetikindustrie wirft jeden Monat neue Produkte für die strapazierte Männerhaut auf den Markt, sie macht damit Milliardengewinne. Der Mann cremt sich schön.


Denn wer schön ist, hat es leichter im Leben. Das mag man als Vorurteil ansehen, aber attraktive Menschen verdienen mehr und werden schneller in einer Gesellschaft akzeptiert. Vor allem aber werden sie nicht diskriminiert, sondern man schaut ihnen nach. Schön sein bedeutet ein gesteigertes Selbstbewusstsein, weil man sich leichter akzeptiert, das ist vor allem in der Pubertät wichtig.


Schönheit kann krank machen


Der Preis für dieses Geschenk der Natur ist es eins? ist der ständige Druck. Schöne Menschen werden gerne als oberflächlich bezeichnet, sie gelten als Matratzen des Lebens, weil sie jeden haben können, sie werden als arrogant bezeichnet. Sie unterwerfen sich einem starken Schönheitsideal, in unserem Kulturkreis schlank und auch durchtrainiert. Die superdünnen Vorbilder auf den Magazinen dieses Landes schaden dem Selbstbewußtsein derer, die akzeptieren müssen, dass sie nicht so aussehen und vielleicht nie so aussehen können.


Wir entscheiden zwar für uns selbst, was schön ist, aber sind dennoch den Zwängen der Gesellschaft unterworfen. Als auf den Fidschi-Inseln in den Neunzigern erstmals das Fernsehen eingeführt wurde und westliche Ideale die Wohnzimmerstuben erhellten, diagnostizierten Ärzte nach nur drei Jahren bei fünfmal mehr Teenies Magersucht. Und auch in anderen Ländern der Erde, die schon länger Fernsehen haben, zeichnet sich ab, dass die Tendenz steigt und das Alter sinkt.


Die Kluft zwischen dem Erreichbaren und dem Idealen ist größer geworden. Das heutige Schönheitsideal hat nichts mehr mit Körpergefühl zu tun oder mit natürlicher Körperform. Die Models auf den Laufstegen sind Knochengerüste. Nachdem ein Model verstorben war im Frühjahr dieses Jahres entstand eine Diskussion um Ernährungsprobleme dieser Berufsgruppe, aber hat sich etwas geändert? Stattdessen gibt es inzwischen mehrere Modezeitschriften ausschließlich mit Kindermode, die Kinder dünn, bei manchen sieht man sogar auf den Fotos die Rippen.


Schönheit hat also zwei Seiten: Sie stärkt das Selbstbewusstsein, schön machen kann Spaß machen, es lässt einen seiner erotischen Ausstrahlung bewusst werden. Man fühlt sich dazugehörig, irgendwann vielleicht aber auch überlegen. Deswegen ist Schönheit auch eine Aufgabe, sich mit dem Setzen der Signale nicht anderen auszusetzen und eben seinen eigenen Stil zu pflegen, um damit seine eigene Identität zu finden. Der Ausweg aus den propagierten Schönheitsidealen ist der Mut zur Abweichung.

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