Das Thema Nummer 1: Sex

Redaktion Von Redaktion

Sex und Sexualität sind Reizthemen. Die einen schreckt es ab, die anderen reizt es umso mehr. Wir bewegen uns in einer Welt zwischen Promiskuität und Keuschheit, zwischen Pornographie und wiedergewonnenem Katholizismus. Und wo stehe ich?

Sex und Sexualität sind Reizthemen. Die einen schreckt es ab, die anderen reizt es umso mehr. Wir bewegen uns in einer Welt zwischen Promiskuität und Keuschheit, zwischen Pornographie und wiedergewonnenem Katholizismus. Sex ist normal, Sex ist Sünde. Sexualität ist normal oder abnormal. Man kann alles über Sex im Internet finden und nachlesen, aber nicht über alles sprechen. Nicht mit den engsten Freunden, auch nicht mit dem Partner an der Seite. Die Liberalen wollen mehr Freizügigkeit, die Konservativen fordern mehr Werte. Und was will ich? Wo stehe ich denn eigentlich? Konservativ, liberal, promisk?

Zwei Extreme

Seit dem Weltjugendtag in Köln wissen wir: Jugendliche sind heutzutage wieder an Religion interessiert. Erst kürzlich kam im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ein Bericht, dass es immer mehr junge Paare gibt, die sich den Sex für die Ehe aufsparen wollen. Mehr als keusche Küsse sind da nicht drin. Auf der anderen Seite ist Sex-Appeal  im Zeitalter der Massenmedien aber nicht mehr wegzudenken. Die Werbung lockt mit üppigen Kurven für ein angeblich tolles Produkt. Die Top-Models dieser Welt sind wunderschöne Menschen, die scheinbar keinen Makel haben und nur eines in uns ansprechen: unseren Sexualtrieb. Mechanismen, die jedem klar sind, die wir aber offensichtlich trotzdem nicht in der Art und Weise unter Kontrolle haben, wie wir das eigentlich alle gerne hätten.
Schaue ich mir die Menschen in meinem Umfeld an, dann zeigt sich ein ähnliches Bild. Eine Kollegin von mir wird grundsätzlich immer rot, wenn sie nach meiner Beziehung fragt, denn Homosexualität ist für sie ein solches Reizthema. Einerseits irgendwo okay und vor allem spannend, andererseits aber irgendwie auch tabu. Ich habe einen Bekannten, der sich betrunken vor einen Streifenwagen gestellt hat und den Ordnungshütern lautstark verkündete: "Ich bin schwul - ihr habt damit doch hoffentlich kein Problem?". Ein anderer muss bei jeder sich bietenden Gelegenheit über Sex sprechen - egal ob es gerade unpassend ist oder zum eigentlichen Thema gehört. Ich kenne aber auch Leute, die schon das Wort "Sex" nicht in den Mund nehmen können, ohne sich dabei zu genieren.

Vielfalt und Vielfältiges

Es ist erstaunlich, wie vielfältig mit Sexualität umgegangen wird. Sex wird von den einen sachlich-nüchtern mit Worten wie Geschlechtsverkehr und Beischlaf umschrieben. Die anderen treiben es wild, poppen, ficken, lutschen und schlagen sich mit einem Vokabular durch ihre Erzählungen, mit dem sie einen Porno synchronisieren könnten. Die konservative Fraktion möchte nicht einmal darüber reden, ob sie den Beischlaf mit jemandem vollzogen hat, weil sie das als Privatsphäre empfindet oder einfach nicht über so etwas Pikantes reden möchte - und manch einer kann es auch einfach nicht: Hemmschwelle. Die promiskuitive Fraktion auf der anderen Seite kennt gar keine Hemmschwellen. Details, die so pikant sind, dass sie bald jedem denkbaren Zuhörer unangenehm wären, gilt es bis ins Letzte auszudiskutieren.
Aber auch die Zuhörer unterscheiden sich stark voneinander. Es gibt immer solche, die gerne mithören, was es zu hören gibt - auch wenn sie selbst niemals darüber sprechen würden. Und es gibt immer auch welche, die müde darüber lächeln und hoffen, dass sich das Thema bald erledigt hat. Nicht, weil sie darüber selbst nicht reden könnten, sondern weil sie wissen, wann und wie man darüber sprechen kann - und wann man es vielleicht besser lassen sollte.

Wo stehe ich, wo du? Was ist gut und was tabu?

Bei dieser Debatte stellt sich mir unweigerlich die Frage, wie ich selbst eigentlich mit dem Thema Sex und Sexualität umgehe. Konservativ? Eher nicht. Liberal? Ganz sicher, würde ich meinen. Promiskuitiv? Hm. Ich hoffe es nicht. Sexualität stellt sich mir als etwas Normales dar, was sich jedoch nicht normieren lässt. Und da wird es hakelig: Was dem einen ganz normal ist, ist dem anderen ein Tabu. Wo aber ist die Grenze? Wer legt fest, was wann und in welcher Situation ein Tabu ist? Der gute Geschmack? Geschmäcker sind unterschiedlich. Menschenkenntnis? Aber auch Menschen sind verschieden. Gespür für die Situation? Vielleicht. Aber auch hier gibt es immer wieder Situationen, die von den einzelnen Menschen jeweils anders aufgefasst werden. Wo also stehe ich? Und wofür steht mein Reden?
Die Wertung muss ich wohl anderen überlassen. Ich weiß aber, dass ich es wichtig finde, die Dinge beim Namen zu nennen. Wer sich derart intensiv mit schwulen Jugendlichen beschäftigt, der kann es sich nicht leisten, verklemmt mit solchen Fragen umzugehen, Themen nicht anzusprechen und Fragen ratlos gegenüberzustehen. Ich will aber auch nicht in die Schmuddelecke gedrängt werden. Sexualität ist also ein Thema, über das man reden kann - und auch sollte. Alle Fragen rund um dieses Thema - welches uns täglich Dutzende Male begegnet - müssen gestellt und beantwortet werden dürfen.

Und es geht weiter...

Das Thema Nummer 1 wird uns allen immer und immer wieder begegnen. Selbst die katholische Kirche beschäftigt sich auf Initiative von Papst Benedikt XVI. derzeit mit der teilweisen "Legalisierung" von Kondomen - bisher ein absolutes No-No im Vatikan.
Wir leben im 21. Jahrhundert. Wir sollten froh sein, dass wir nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand über die Dinge reden können. Seit Sigmund Freund wissen wir, dass Sexualität unsere Persönlichkeit maßgeblich bestimmt. Seit den 68ern ist Sex kein Schmuddelkram mehr. Seit Rot-Grün gibt es eingetragene Lebenspartnerschaften für Homosexuelle - und das, wo Homosexualität doch vor gar nicht allzu langer Zeit sogar noch gesetzlich verboten war.
Nein, Sex ist kein Thema, welches man so einfach unter den Tisch fallen lassen kann. Es ist allerdings auch kein Thema, welches man penetrant bei jeder Gelegenheit einbringen muss. Aber ein sachlicher, vernünftiger Umgang mit der Diskussuion um Sexualität - das ist eine gute Sache. Und sie liegt nichtmal fern: Selbst in der Schule wird über Sexualität aufgeklärt. Rudimentär, aber immerhin. Ein Gros der Aufklärung kommt allerdings aus anderen Ecken. Woran liegt das? Vielleicht daran, dass das Reizthema Sex für viele nicht mehr gleichzeitig auch ein Tabuthema ist? Das wäre eine feine Sache, die hoffentlich noch steigerungsfähig ist. Aber dafür muss man etwas tun. Ich hoffe, meinen Teil dazu beizutragen - weil ich das Thema gut und wichtig finde.

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Weitere Quellen: Bilder: photocase.com