Der Fall Aragoli

Redaktion Von Redaktion

Die Bilder aus dem Iran rissen uns aus jeglicher CSD-Feierlaune: 2Jugendliche, getötet, weil sie einen "homosexuellen Akt" gestandenhaben. Andre Aragoli kommt auch aus dem Iran und soll nun dorthin abgeschobenwerden. Eine tragische Lebens- und Liebesgeschichte...

Zwischen Party, Politik und Todesangst: Die letzten Wochen waren nichtnur geprägt von allerlei buntem und politischem Treiben auf denChristopher Street Days in ganz Deutschland. Nein, die schwule Weltwurde auch von einigen anderen Geschehnissen bewegt, die ihren Weg übersämtliche Newsportale, Zeitungen und TV bis hin in politische Kreisegefunden haben. Kurz nachdem in Nigeria ein Schwuler zum Tode durchSteinigen verurteilt wird, fällt ein Gericht im Iran ein ähnlichesUrteil: Zwei schwule Teenager werden ebenso zum Tode verurteil durchErhängen. Der eine 18, der andere gerade mal 16 Jahre alt. Und obwohldie beiden den "homosexuellen Akt" gestehen, wird ihnen das waseigentlich durchaus nicht unüblich im Iran ist nicht alsurteilsmildernd ausgelegt. Nein, das Gegenteil ist der Fall. Unddarüber hinaus setzt sich das Gericht mit diesem Urteil auch noch überein vom Iran selbst unterzeichnetes, internationales Abkommen überRechte von Kindern hinweg, nach welchem über Minderjährige keineTodesstrafe verhängt werden soll.

Zwischen Liebe und Abschiebung

Kannst du dir vorstellen, in einem solchen Land zu leben? Ständig damitrechnen zu müssen, dass du verhaftet wirst? Nicht nur verhaftet,sondern unter Umständen auch hingerichtet wirst? Der heute 32-JährigeIraner Andre Aragoli konnte es zumindest nicht und flieht aus Angst2002 aus seinem Heimatland nach Deutschland, nachdem laut eigenerAussage bereits mehrere Freunde von ihm verhaftet und er selbst schonkörperlich verletzt wurde. Anfang letzten Jahres lernt er dannschließlich seinen Freund Takis Sampsounis kennen, verliebt sich in ihnund zieht im Oktober bei ihm ein.
Klingt wie eine schöne Liebesgeschichte. Ist es auch eine, die aberwohl keinen steinigeren Weg hätte einschlagen können. Andres Asylantragwird nämlich abgelehnt und seine darauf folgende Klage vor demVerwaltungsgericht abgewiesen. Begründung? Im Iran drohe ihm aufgrundseiner Neigung keine politische Verfolgung lediglich der eigentlicheAkt zwischen Männern sei verboten. Schwul sein, aber seinen Gefühlennicht nachgeben? Das in einem Land zu hören, welches sich alsweltoffen, hilfsbereit und tolerant sieht, grenzt fast schon anZynismus.

Heirat als letzte Hoffnung

Als letzten Ausweg beschließen Andre und Takis den Gang vor dasStandesamt, denn eine eingetragene Lebenspartnerschaft würde Andre dasRecht geben, in Deutschland bleiben zu können. Als die beiden nachRücksprache mit der Ausländerbehörde, die ihm kurz zuvor wegenVerweigerung zur freiwilligen Ausreise die Unterhaltsleistungen kürzteund ihm das Arbeitsrecht entzog, am 9. März zum Standesamt im Frankfurtgehen, um die letzten Schritte zu klären, erhalten sie einen Termin zurEintragung der Lebenspartnerschaft für den 11. April. DieAusländerbehörde gibt ihr OK, alles scheint gut zu laufen, die Erlösungist in greifbarer Nähe. Zumindest bis zum 21. März, als ein offiziellesSchreiben bei Andre eintrudelt: Er solle bis zum 31. März, also genau11 Tage vor dem Termin auf dem Standesamt, die Bundesrepublik endgültigverlassen. Takis erzählt später, dass der entsprechende Sachbearbeiterder Ausländerbehörde ihm in einem persönlichen Gespräch gesagt habe,dass er natürlich einen späteren Termin hätte wählen können, er diesenaber bewusst so gelegt habe.
Den Schrecken ins Gesicht geschrieben, bemühen sich die beiden, dieEintragung vorzuverlegen, erhalten aber eine Absage vom Standesamt: Essei kein anderer Termin mehr frei.

Turbulenzen auf dem Standesamt

Andre denkt nicht daran, freiwillig das Land zu verlassen und beantragtam 4. April einen Folgeantrag auf Asyl. Als er mit seinem Freund dannam 11. April schließlich zum vereinbarten Termin auf dem Standesamterscheint, verlässt die zuständige Beamtin zur "Klärung vonUnstimmigkeiten" den Raum. Als diese auch nach über einer halben Stundenoch nicht zurück ist, bekommt es Andre anscheinend mit der Angst zutun und versteckt sich. Zum Glück, denn wenige Minuten später stürmendrei Polizisten den Raum, um Andre festzunehmen. Takis Aussage zufolgeließ die Mitarbeiterin des Standesamtes anschließend verlauten, dasszwar eine Lebenspartnerschaftseintragung auch ohne Andre möglich wäre,sie dafür aber eine Bevollmächtigung Andres benötigen würde. Als Takisdiese auf den Tisch legte, wurde die Beamtin angeblich wütend: "Erstkommen Sie zu zweit und jetzt wollen Sie es alleine beantragen. Sonicht! Die Zeit ist abgelaufen!" Auch ein Gespräch mit ihrerVorgesetzten brachte keinen Erfolg: Von der Ausländerbehörde habe manden Auftrag bekommen, die Lebenspartnerschaft nicht aufzunehmen.

In Handschellen abgeführt

Elf Tage später reicht Andres Anwalt eine Petition im hessischenLandtag ein und verlangt von der Ausländerbehörde in Korbach aufgrundder Petition und des Asyl-Folgeantrags eine vorläufige Duldung für denIraner die Behörde bleibt eine Antwort schuldig.
Das Pärchen hält den Druck nicht mehr aus und geht am 18. Julischließlich selbst zur Ausländerbehörde und verlangt persönlich dieDuldung. Die Folge: Andre wird verhaftet und dem Haftrichtervorgeführt. Seitdem saß Andre in der Justizvollzugsanstalt Kassel inHaft und wartete auf seine Abschiebung. Diese war nun abhängig von derEntscheidung des Petitionsausschlusses im hessischen Landtag. Da dortim Moment allerdings Sommerferien sind, soll die Entscheidung erst imSeptember fallen.

"Ja, ich will!" - die überraschende Wende

Keiner rechnete mehr so recht damit, doch wenige Tage später wird Andreschließlich aus der Haft entlassen ohne jedoch weitere Angaben dazuzu bekommen. Handelt es sich um eine vorläufige Entlassung? Wie geht esnun weiter? Der nervlich völlig entkräftigte Andre Aragoli steht aufdem Trockenen. Politiker schalten sich ein, die Presse macht Druck.Wohl dank Andres großer Lobby kommt dann plötzlich die Erlösung: DerIraner erhält eine Duldung für weitere drei Monate und es wird ihm dieMöglichkeit gegeben, sofort eine Lebenspartnerschaft einzutragen. Andreund Takis gehen ohne Zeit zu vergeuden zum Standesamt und geben sichdas Ja-Wort. Damit ist Andres Abschiebung nun endlich abgewendet.

Was sich hier über Monate hinweggezogen hat, hätte anders laufen können anders laufen müssen. Liegt es am Bürokratiewirrwarr in Deutschland,an undurchsichtigen, verkomplizierten Regelungen? Oder ist garIntoleranz Schwulen gegenüber im Spiel gewesen? Letzten Endes sind dieGründe vielleicht in einem Mischmasch aus beidem zu suchen. EinemMischmasch, der auf dem Rücken eines verängstigten Mannes ausgetragenwurde, der jeden Tag mit der Furcht leben musste, sein Leben aus denHänden gleiten zu sehen. Wie die Sache wohl ohne dem hohenMedieninteresse und ohne der starken gesellschaftlichen Unterstützungausgegangen wäre? Wir wollen es uns lieber nicht ausmalen.

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Weitere Quellen: aragoli.info.ms , Frankfurter Rundschau Online