Der letzte Schritt

Redaktion Von Redaktion

Jedes Jahr bringen sich eine Million Menschen weltweit um. Und das sind nur die registrierten Fälle. Gerade schwule Jugendliche sehen die Selbsttötung als letzten Ausweg an. Warum sehen Suizidale keinen Sinn mehr in ihrem Leben?

Der Brief kommt von ganz oben. Der Kaiser ordnet Selbsttötung an für Hojo Ujimasa, japanischer Feldherr, weil der eine Schlacht verloren hat. Wir schreiben das Jahr 1590. Die Tatwaffe ist dem Brief gleich beigelegt, ein reich geschmückter Dolch. Es geht um die Ehre in diesem Drama, die Ehre, die Ujimasa verloren hat durch eine Niederlage.

Ein paar Monate noch hat er Zeit, dann muss Ujimasa vor einem Podest niederknien und beten. Er wird seine Schuld bekennen und den Dolch in die Hand nehmen. Er wird sich mit dem Dolch den Bauch aufschlitzen, unterhalb des Nabels, dem Sitz der Seele, von links nach rechts und dann nach oben. Er darf dabei das Gesicht nicht verziehen oder Schmerzen zeigen. Dann schneidet ihm sein engster Vertrauter den Kopf ab und ein Vertreter des Kaisers wird den blutbefleckten Dolch an sich nehmen und dem Kaiser übergeben Das ist Harakiri, die brachiale Form der Selbsttötung, praktiziert in Japan, jährlich 1500 Mal. Bis 1873, da wurde es verboten.

Die Flucht vor dem Schmerz

Doch Selbsttötung gibt es auch heute noch. Eine Million Menschen weltweit bringen sich um, jährlich, und das sind nur die registrierten Fälle. Die Dunkelziffer wird höher eingeschätzt, hunderttausend vielleicht mehr, die nicht entdeckt werden, aber wer weiß das schon genau? Allein in Deutschland nehmen sich jährlich elf- bis zwölftausend Menschen das Leben. Und die Suizidrate steigt weiter an, sagen die Statistiker.

Die Menschen bringen sich um, in dem sie sich erhängen und ersticken, jeder Zweite macht das so. Oder sie springen von Brücken, Häusern oder Erhöhungen, immerhin jeder Zehnte. Sie schlucken Tabletten (acht Prozent), erschießen sich oder sie werfen sich vor den Zug (beide fünf). Andere atmen Ballongas ein oder Kohlenmonoxid, mit Maske und Schlauch oder eingeleitet in das Auto (zwei Prozent), krampfloses Ersticken nennt das der Mediziner.

Noch vor ein paar Jahren war das anders, da trank man am liebsten Säure, der Mensch verätzte innerlich und äußerlich. Darin drückt sich der Wandel zu einem schnellen, schmerzfreien Tod aus; Schmerz ist wohl das größte aller Übel im letzten Augenblick des Lebens.

Hohe Suizidrate bei schwulen Jugendlichen

Es sind die jungen Menschen vor allem, die sich zum Suizid entschließen und gerade die Suizidrate unter schwulen Jugendlichen ist erschreckend hoch: "In Deutschland sorgte im Jahr 2000 eine Studie der Senatsverwaltung in Berlin für Aufsehen, wonach 18 % von 111 Befragten bereits einen oder mehrere Suizidversuche hinter sich hatten und jeder Zweite bereits an Selbstmord gedacht hatte", heißt es in einer Untersuchung des niedersächsischen Staatsministeriums für Jugend und Familie aus dem Jahre 2001.

Und weiter: "In unserer Stichprobe wiederum mit 353 Befragten zwischen 15 und 25 haben 8% einen oder mehrere Suizidversuche hinter sich und fast jeder zweite (42%) an Suizid gedacht. Mehr als jeder Vierte gab zu, bereits fachliche Hilfe in Anspruch genommen zu haben, also Betreuung durch Psychologen, und "15% der Teilnehmer haben sich wegen Depressionen behandeln lassen, davon nannten 5% Suizidgefahr als Grund für die psychologische Behandlung." Es sind aber auch die alten Menschen, die sich umbringen, jede 2. Frau ist bei ihrem Suizid über sechzig Jahre alt.

Die schwierige Gratwanderung mit Suiziddrohungen

Warum sehen die Betroffenen keinen Sinn mehr in ihrem Leben? Schwere Verluste, eine schwere Krankheit, wachsende Einsamkeit, Entwurzelung, Sinnverlust. Das sind die Lebenskrisen, in denen Menschen an den Punkt kommen, wo sie nicht mehr können. Aber sie sind nicht hauptausschlaggebend, meistens reichen die Wurzeln tiefer, denn einem Suizid geht fast immer eine Depression voran.

Den Stress, dem ein Mensch täglich ausgeliefert ist, können depressive Menschen nicht mehr verarbeiten, ihr Körper baut Stresshormone langsamer ab. Sie durchleben Phasen von Traurigkeit und Hilflosigkeit, Wertlosigkeit und Schuldgefühle gehen mit der Erkrankung einher. Was ein gesunder Mensch seelisch bewältigen kann, kann ein depressiver Patient nicht mehr - und wenn er nicht behandelt wird, können die Phasen schlimmer werden und den Patienten bis zum Suizid treiben.

Sind die meisten Ursachen zwar geklärt, lässt sich die Selbsttötung dennoch gesellschaftlich schwer verorten. Suizid wird gerne als feige betrachtet. Dem Gestorbenen wird Schuld zugewiesen - er hätte ja etwas sagen können. Das hat er meistens sogar, nur wahrgenommen hat die Hilfeschreie niemand. Doch man darf den Suizid nicht verwechseln mit aufmerksamkeitssuchenden Drohungen. Sie dienen mehr dem Machterhalt innerhalb einer geschlossenen Gruppe, meistens der Familie, sie dienen der Aufmerksamkeit, weil Gefühle untergraben worden sind, weil ein bestimmtes Verhalten erzwungen werden soll.
Das in der Realität zu unterscheiden ist eine Gratwanderung, die selbst erfahrene Psychologen immer wieder herausfordert: Wer will schon vorher sagen, ob eine Selbstmorddrohung ernstgemeint ist und wen trifft die Schuld, wenn die Vorhersage falsch war? Die Verwandten, die auf die Vorhersage vertraut haben? Denjenigen, der sie getroffen hat? Beide? Gibt es überhaupt eine Schuld?

Hilfe im Ernstfall

Gerade deshalb ist fachliche Hilfe nötig. In Deutschland gibt es dafür die Telefonseelsorge, Wohlfahrtsorganisationen bieten Beratungsstellen an und für die schlimmsten Fälle unterhalten psychiatrische Kliniken Kriseninterventionsabteilungen. Dort wird versucht, professionell an den Ursachen zu arbeiten. Mit Hilfe vieler Gespräche versuchen die Seelsorger Hoffnung zu spenden und positive Gefühle zu erzeugen. Der Betroffene soll wieder lernen, Verantwortung zu übernehmen und bewusste Entscheidungen zu treffen.

Doch auch Angehörigen bietet sich eine Vielzahl von Hilfsmöglichkeiten. Neben Selbsthilfegruppen, in denen sie von ihren Erfahrungen berichten können, werden sie ebenfalls langsam in die Therapie des Suizidpatienten mit einbezogen, sie sollen als Vertrauenspersonen fungieren. Dass Angehörige sich ebenfalls professioneller Hilfe unterziehen, ist durchaus sinnvoll. Denn neben der eigentlichen Situation und deren Ursachen kommen immer wieder auch äußere Umstände hinzu.

Religiöse Schwierigkeiten

Beispiel Religion: So ist auch heute noch im christlichen, jüdischen und islamischen Glauben der Suizid verboten und in römisch-katholischen Ländern sogar geächtet. Schon für den Kirchenvater Augustinus war der Suizid eine Sünde und Menschen, die sich selbst umgebracht haben, wurden nicht kirchlich begraben. Ihr Leichnam wurde schimpflich behandelt und das Eigentum des Verstorbenen eingezogen. Erst 1870 wurde das Gesetz abgeschafft und 1882 erlaubte die Kirche die Beerdigung von Selbstgetöteten.

Neben möglichen religiösen oder traditionellen Gegebenheiten kann auch die rechtliche Seite zusätzlichen Druck erzeugen. Zwar ist der Suizid in Deutschland als Ausdruck des Selbstbestimmungsrechts straffrei, zumal eine Bestrafung wegen vollendeter Selbsttötung nie möglich wäre. Auch der Versuch und die Teilnahme sind straffrei. Doch Angehörige oder Ärzte sind verpflichtet, eine Selbsttötung zu verhindern, sonst kann man wegen Totschlags durch Unterlassen bestraft werden. Und ein Gehilfe, aber auch jeder rein zufällige Zeuge des Geschehens kann, wenn er keine lebensrettende Hilfe leistet, wegen unterlassener Hilfeleistung bestraft werden.

In diesem Geflecht von Schwierigkeiten fühlen sich deswegen nicht nur die Suizidpatienten oft allein gelassen, die anonym in Internetforen ihr Leid klagen und die besten Suizidmethoden beraten. Inzwischen gibt es auch viele Internetforen für die Angehörigen. Sie sind oft der erste Schritt auf dem Weg zu einer fachlichen Hilfe. Die Last, dass die Verhinderung eines Suizids ein Wettlauf gegen die Zeit bleibt, kann aber dennoch niemand abnehmen.

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Weitere Quellen: Süddeutsche Zeitung, Encarta, Brockhaus Enzyklopädie, Wikipedia, photocase.com