Der schwierige Weg zum Kind

Redaktion Von Redaktion

Wenn homosexuelle Pärchen in Deutschland ein Kind adoptieren wollen, dann sind sie nicht selten konfrontiert mit gesellschaftlichen Stigmen und rechtlichen Zwängen. Vor allem aber begegnet ihnen eins: die Aussichtslosigkeit.

Kardinal Cormac OConnor ist zuständig für die Westminster Cathedral in London, vor fünf Jahren wurde er Ehrenbürger Londons, vor vier Jahren durfte er als erster römischkatholischer Kardinal vor Queen Elisabeth II. predigen. Nun ist er wieder in den Schlagzeilen.

Denn er schrieb einen Brief an alle Mitglieder des britischen Kabinetts und auch an den Premierminister persönlich, weil alles Beten nicht half gegen dieses Gesetz, das sexuelle Diskriminierung verbot. Demnach wäre die katholische Kirche gezwungen, Waisenkinder auch an homosexuelle Paare zu vermitteln. OConnor bat nun in seinem Brief darum, dass die Kirche von dieser Regelung ausgenommen werde. Das Gesetz widerspreche der katholischen Glaubensordnung.

Vorurteile und Klischees auch in Deutschland

Adoptionen durch Homosexuelle sind auch in Deutschland ein heikles Thema. Vielen ist dabei um die gesunde Entwicklung des Kindes bange: Da ist der Gedanke, dass ein Kind für eine gesunde Entfaltung eine Mutter und einen Vater braucht. Die Kinder bekämen Schwierigkeiten in der Ausbildung ihrer sexuellen Identität und damit sei die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie selbst homosexuell würden.
Da ist der Gedanke, dass Verhaltens- und Entwicklungsstörungen aufträten durch die fehlende Mutter- oder Vaterfigur, sie bekämen Probleme in sozialen Beziehungen und insbesondere wären sie unter gleichaltrigen Freunden Spießrutenläufen ausgesetzt. Aber auch die Eltern selbst werden skeptisch beurteilt: Was könnte ein schwules Paar nicht alles mit einem kleinen Jungen anfangen!

Da hilft es wenig, dass nahezu alle Studien in den letzten fünf Jahren diese Stigmata widerlegten. Tatsächlich sogar werden homosexuelle Mütter und Väter als bessere Eltern beurteilt. Kinder homosexueller Eltern scheinen beispielsweise ihre sexuelle Entwicklung reflektierter zu erleben, da sie durch ihre Eltern mit dem schwulen Leben ganz anders umgehen.

Unübersichtliche rechtliche Situation

Generell kann jeder, der mindestens 25 Jahre alt ist und ein regelmäßiges Einkommen hat, in Deutschland ein Kind adoptieren. Dazu muss man sich an das örtliche Jugendamt wenden. Dort gibt es sogenannte Adoptionsvermittlungsstellen, die die Eignung einer Bewerberfamilie überprüft. Dies geschieht in Form von mehreren Gesprächen oder auch Gruppenspielen mit den Bewerbern.

Sollte das Jugendamt das Paar es können aber auch Einzelpersonen adoptieren - als geeignet einstufen, werden der Bewerberfamilie mögliche Kinder vorgeschlagen.. Wenn sich das Paar ein Kind ausgesucht hat, nennen wir es Paul, kommt Paul für eine gewisse Zeit vorbehaltlich in diese Familie. Erst wenn klar ist, dass Paul und die Familie miteinander klarkommen, kann Paul für immer dort wohnen bleiben. 

Für die leiblichen Eltern bedeutet das, dass die leibliche Elternschaft ruht, womit jeglicher persönlicher Umgang mit Paul unterbunden wird, außer die neuen Eltern stimmen dem zu. Der Verwandtschaftsstatus erlischt und geht auf die Adoptiveltern über. Paul ist jetzt Adoptivkind.

Die allgemein schon komplizierte rechtliche Lage ist bei homosexuellen Lebensgemeinschaften noch schwieriger: Der Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD) schätzt, dass es in Deutschland knapp 700.000 solcher homosexueller Elternpaare gibt. Man nennt diese Familien dann "Regenbogenfamilien".

Paul wird hier nicht von beiden Partnern adoptiert, sondern nur von einem. Paul hat also in einer schwulen Lebensgemeinschaft rechtlich gesehen nur einen Adoptivpapa, denn der zweite Partner ist in dem Sinne bedeutungslos.
Damit steht Deutschland in Europa nicht alleine: Gemeinschaftliche Adoptionen sind rechtlich erlaubt in Schweden, in den Niederlanden, in Andorra, in Spanien, in Schottland und in Belgien.


Langes Ringen um das Kinderglück

In Deutschland kommt etwa ein Adoptivkind auf acht Bewerberfamilien. Dabei müssen Bewerberfamilien oft bis zu drei Jahre warten, bis ihnen ein Vorschlag unterbreitet wird. Das geringe Kontingent führt ebenfalls dazu, dass viele Familien mehrmals vergeblich versuchen, ein Kind zu adoptieren.
Inzwischen ist deshalb ein richtiger Markt um Adoptivkinder entstanden mit Kontaktbörsen und Vermittlungsagenturen im Ausland.

Die schwierigen Bedingungen führen auch dazu, dass Eltern, die über 35 sind, von Adoptionen nahezu ausgeschlossen werden. Das ist rein rechtlich nicht erlaubt, deren Ablehnung ist aber kein Einzelfall. Und deswegen erregen Adoptionen älterer Prominenter immer große Diskussionen.
Schwule und lesbische Lebensgemeinschaften haben hier ebenfalls das Nachsehen, da Jugendämter Adoptivkinder eher in "traditionelle Familienverhältnisse" geben.

Kritik am Kardinal

In England geht die Diskussion derweil weiter. Denn die Bitte des Kardinals ist nicht ganz bedeutungslos. Die kirchlichen Adoptionsagenturen vermitteln immerhin knapp ein Drittel aller Kinder im Königreich. Und sollte das Gesetz gegen sexuelle Diskriminierung durchgebracht werden, so drohte OConnor, würden diese Agenturen ihre Arbeit einstellen.

Tatsächlich folgte die Kritik auf dem Fuß: Der britische Innenminister, selbst ein Katholik, soll so zum Beispiel gesagt haben: "Wenn man ein Gesetz hat, dass alle Menschen gleich behandelt werden, dann werden alle Menschen gleich behandelt." Auch andere Minister aus allen Lagern schlossen sich dieser Position an.

Und so unterstützen nur zwei Minister den römisch-katholischen Kardinal: eine Ministerin, die dem katholischen Opus-Die-Orden nahesteht und Überraschung der Premierminister Blair selbst. Man munkelt, dass seine Frau Cherie, eine bekennende Katholikin, ihren Mann zu diesem Schritt gedrängt habe.

dbna.newsletter
Bleibe immer up-to-date.
Abonniere unseren wöchentlichen Newsletter!
Weitere Quellen: pixelquelle, photocase,istockphoto