Der Schwule in Uniform

Redaktion Von Redaktion

Homosexualität und die Bundeswehr, ein Schwuler unter Hunderten schnuckeliger Heteros, die Tag für Tag beweisen wollen, wie maskulin sie sind - geht das gut? Sind da Konflikte nicht vorprogrammiert? Und wie schwul ist die Bundeswehr jetzt eigentlich wirklich?

Es gibt sie! So viel kann man jetzt schon mal vorwegnehmen. Ob bei den Panzergrenadieren, den Feldsanitätern, der Marine, den Aufklärern, der Luftwaffe, den Gebirgsjägern oder den Waffentauchern. Sei es Gefreiter, Hauptmann oder General, Rekrut, Wehrdienstleistender oder Veteran. Der Logik zufolge müsste es sie überall geben. Und doch: Irgendwie hört man so gar nichts von schwulen Soldaten. Vielleicht ist es auch nicht so furchtbar wichtig, auf wen der Kamerad abfährt, wenn man am Hindukush gegen die Taliban kämpft. Aber wie läuft das wenn die Soldaten zu Hause sind, in Deutschland, in einer beliebigen Kaserne? Wie lebt da ein Schwuler unter seinen weitestgehend heterosexuellen Kameraden? Kommt es in einem so männerdominierten Umfeld wie der Armee mit geouteten Homosexuellen in den eigenen Reihen nicht automatisch zu Reibereinen?

Zwischen schwuler Streitmacht und Strafversetzungen

Nicht unbedingt - so lehrt uns die Geschichte. Im antiken Griechenland kam einmal ein König auf eine ausgefallene Idee: Sein Heer sollte von nun an nur noch aus schwulen Liebespärchen bestehen. Diese würden in der Schlacht niemals fliehen und für ihren Geliebten auch bis in den Tod kämpfen oder sich für seinen Tod rächen. Sein kluger Plan ging auf - das Heer blieb über fünfzig Jahre ungeschlagen, bis es in einem Hinterhalt restlos vernichtet wurde. Fortan blieb das Paradebeispiel unbeachtet.

Unsere Bundeswehr zumindest kann bei weitem nicht auf solch eine tolerante Gesichte zurückblicken. Noch bis in die 80er Jahre hinein waren Schwule beim Bund das Tabuthema schlechthin. Mit Billigung höchster deutscher Armeeangehöriger und Richter wurden Offiziere, die als schwul denunziert worden waren, strafversetzt oder sogar entlassen, ohne dass diese sich ernsthaft zur Wehr setzen konnten.      

Es geht bergauf beim Bund

Zumindest das hat sich zum Glück geändert. Im neuen Jahrtausend gab es mit dem "Sexualerlass" endlich eine Liberalisierung der sonst doch etwas prüden Dienstvorschriften: Es wurde nicht nur der Sex auf den Stuben erlaubt, sofern dieser nicht den regulären Dienst beeinträchtigt, es gab auch endlich klare Antidiskriminierungsbestimmungen gegenüber Homosexuellen - man spendierte ihnen sogar einen eigenen Arbeitskreis, den "Arbeitskreis homosexueller Angehöriger der Bundeswehr" (AHsAB e.V.). Nicht ganz wie in der Antike, aber immerhin!

"Schön und gut", werden sich jetzt natürlich viele denken. Papier ist, und nicht zuletzt bei Behörden und Ämtern, doch sehr geduldig. Sind diese Sinneswandelungen denn überhaupt auch am Ende der Befehlskette, bei den einfachen Soldaten, angekommen? Diese Frage ist wirklich nicht leicht zu beantworten. Fragt man mal ganz freundlich nach, erntet man eher Schweigen als offene Antworten. Einen offenen, toleranten Umgang mit Homosexualität scheint es auch heute nur vereinzelt zu geben. Andererseits gibt es anscheinend aber auch immer weniger diskriminierende Äußerungen; dies sind zumindest die Eindrücke eines von dbna befragten, jungen Soldaten: "Man hört schon einige Schwulensprüche, aber generell einen Unterschied zwischen heterosexuellen Soldaten und Prollheten, wie man sie von der Schule oder dem Bekanntenkreis her kennt, sehe ich nicht."

Das Klima in der Kaserne scheint sich also langsam dem des übrigen Deutschland anzupassen. Und das ist auch wenigstens ein kleiner Erfolg. Man sollte aber auch nicht vergessen, dass Soldaten aus sämtlichen Bevölkerungsschichen stammen, deren Einflüsse die persönliche Einstellung zu dem Thema wohl noch am meisten mitbestimmen.

Dienst ist Dienst, privat ist privat

Demnach kann man einem angehenden schwulen Soldaten kaum Tipps geben, wie er sich bezüglich seiner Neigung in der Kaserne verhalten sollte. Zu viel sollte man aber wohl nicht erwarten. Man kann auf Toleranz als auch auf Ablehnung stoßen - oder eben auf die typischen Vorurteile. Der Großteil will mit diesem Thema auch nicht unbedingt konfrontiert werden. Frei nach dem Motto: "Ich hab' nichts gegen Schwule, so lange sie das nicht jedem auf nie Nase binden müssen und mich nicht angraben." So scheint es zumindest, wenn man sich die Beiträge einiger Soldaten in diversen Internetforen zu diesem Thema durchliest. Und so scheinen es auch die meisten schwulen Soldaten aufzufassen, denn die bleiben weitestgehend ungeoutet, um eventuelle Probleme gar nicht erst aufkommen zu lassen. Das ist natürlich in vielen Bereichen des Lebens so, nur dass die Bundeswehr da ein besonders schwieriger Fall zu sein scheint. So sieht es auch unser junger Soldat: "Man muss das auch so sehen, dass Bundeswehr ja einfach Arbeit ist. Man sieht seine Kameraden ja im Prinzip die ganze Zeit und aus dem Weg gehen ist in diesem Beruf ziemlich schwierig. Ich würde das sowieso nie alles zu sehr privat machen - es ist und bleibt Arbeit. Ich persönlich trenne das auch sehr streng. Ich gucke dort auch nicht nach den Jungs. Dienst ist Dienst und privat ist privat".      

Aber letzten Endes muss es dann doch wieder jeder selbst wissen. Die Geschichten der Antike sind zumindest für immer passé...

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