Der Zivi und das Leben

Redaktion Von Redaktion

Im Juli wurde ich gedemütigt und in den Staub getreten. Man brach meinen Willen, vergewaltigte meine Ehre und jagte mich hinfort von meinem Zuhause an den Dümmer See, um da den Zivi zu machen. Drei Monate sind vergangen und viel ist passiert.

Im Juli wurde ich gezwungen, gedemütigt und in den Staub getreten. Man brach meinen Willen, meinen Stolz, vergewaltigte meine Ehre, legte Feuer an Scheune und Schober und jagte mich hinfort von meinem Zuhause an den Dümmer See, um da den Zivi zu machen. Drei Monate sind vergangen und viel ist passiert. Ich führe wieder Tagebuch.

Die Tage meiner Verbannung habe ich aufgegeben zu zählen, aber es ist der neunte Oktober.

Vor drei Monaten hatte ich einen Rappel Warum darf das BAZ in meinem Leben rumpfuschen? Und warum gerade hier im Nirgendwo? Aber wie es so ist im Leben, beruhigte sich auch das. Und warum auch nicht? Man erträgt zwar den Zwang und die Einschränkung seiner Grundrechte, aber dafür kriegt man von seinen Kerkermeistern auch einen Haufen von Annehmlichkeiten spendiert, die einen mehr als nur bei Laune halten und einen schon nach drei Monaten in einen handzahmen Sklaven des deutschen Wehrdienstverweigerungssystems verwandeln. Ich bin schwach. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ja, das Fleisch. Wie auch immer, meine bockige Trotzhaltung konnte ich einfach nicht lange durchhalten.

Aber wer kann da schon "nein" sagen? Kostenlose Bahnfahrt nach Hause jedes Wochenende sechzig Euro gespart. Für jede weitere Bahnfahrt: Zivildienstrabatt 25 Prozent. Eine Dienstwohnung, keine Miete, keine Nebenkosten. Freie Heilfürsorge, keine Medikamentenzuzahlungen, keine Praxisgebühr. Zu meinem Sold noch weitere Geldgeschenke: Verpflegungsgeld: 7,20 Euro pro Tag. Jeden Monat noch Waschgeld und Kleidungsgeld und für jeden Kilometer, den sie mich von Zuhause fortgeschickt haben, werden noch mal großzügige 51 Cent berechnet. Na, da sagt man doch nicht "nein" Oder?

Und das alles nur, damit ich meine Arbeit mache, lächerliche sechs Stunden am Tag. Mal ans Telefon gehen und sonst, wenn ich nichts zu tun habe, schreibe ich an meinen Arbeitsplatz Artikel für dbna isch doch supa! Dann mal an die frische Lust, mit dem Rad durchs Moor fahren, ein paar Büsche beschneiden oder einen Kiesweg ausbessern.


Man muss nur seinen Stolz hinunter schlucken und ein wenig buckeln, schon läuft alles wie von selbst. Da erträgt man dann auch gerne die schrägen Blicke einiger Dörfler und die 40 Minuten Fußweg zum Bahnhof (ich habe 10 Pfund abgenommen).

Ja ja, das Beste kommt ja noch erst: Ich habe eine funktionierende DSL-Leitung! Nein, kein Witz. Es waren auch nur etwa 30 Telefonate nötig sowie Stunden um Stunden in einer Warteschleife auf Kosten meines Arbeitgebers, aber dann plötzlich eines Tages erwachte ich und ich hörte ein Rauschen. Das waren die Stimmen aus aller Welt, die nun wieder zu mir sprechen konnten. Die Welt hatte mich wieder! Als meine Freudentränen versiegten, war es endgültig um mich und meine Ideale geschehen. Ja, der Zivildienst in der Einsamkeit hatte in nur drei Monaten geschafft, was meine Lehrer in 13 Jahren nicht zu tun vermocht hatten: Ich hatte mich eingefügt und angepasst! Und das Befremdlichste: Ich war zufrieden damit!!

Ja, dies ist mein Geständnis So etwas wie Konsequenz besitze ich nicht. Und wer will mich nun dafür verurteilen? Wer wird mich richten? Ihr!? Ha, ich bin nun wohlhabend, ich habe Internet und ihr werdet mich hier niemals finden! Die schleimigen Diener des Systems können sich überall verkriechen, nicht gewusst? Eure Suche nach dem Verräter wird vergeblich sein und dann eines Tages kriegt ihr ebenfalls Post vom BAZ. Natürlich werdet ihr euch wehren, euch einreden, ihr könntet Widerstand leisten tja, aber dann werdet ihr aufwachen. Ihr werdet zur Arbeit gehen, zufrieden sein, wenn man euch lobt, Besserung geloben, wenn man euch rügt, und hübsch Männchen machen, wenn man euch ein weiteres Bonbon spendiert und so sein wie ich! Ha, das ist mein  Fluch für euch! Die Pest auf euch und eure Sturheit, denn Geld ist das Maß aller Dinge! 

Liebes BAZ,

tut mir Leid, dass ich vor drei Monaten so böse war. Ich will es auch nie wieder tun. Nun habe ich eingesehen, wie wunderwunderschön das Leben mit dir ist. Habt ihr Interesse an einem Zivildienstleistenden auf Lebenszeit? Garantiert frei von subversivem Gedankengut? Na, da habt ihr Glück. Füllt mir nur ordentlich weiter die Taschen.

Auf ewig der Eure

Christoph B.

dbna.newsletter
Bleibe immer up-to-date.
Abonniere unseren wöchentlichen Newsletter!
Weitere Quellen: Bilder: photocase.com