Die im Schatten sieht man nicht

Redaktion Von Redaktion

Jenseits der Szene gibt es Menschen, schwule Jungs und Männer, von denen so manch einer noch nie etwas gehört oder gesehen hat. Und doch gehören sie genauso zur schwulen Welt dazu wie die schillernde Szeneschwuppe. Gedanken über Gedanken zu einem Problem...

Was die Heteros über uns denken
 
Den einen sind wir suspekt, die anderen sehen in uns immer noch die besten Freunde, die man sich vorstellen kann, und nochmals anderen sind wir völlig egal, solange wir ihnen nur nicht zu nahe treten. Die meisten denken aber ohnehin nicht großartig über uns nach. Schwule? Das sind eine von vielen Minderheitengruppen, eine weitere Kuriosität in Gottes Kabinett der Vielseitigkeit. Man erkennt sie leicht, denn es gibt Kriterien: Sie treffen sich regelmäßig in bestimmten Bars und Diskos, um die anderen Kerle abzuchecken. Nebenher schnattern sie über die neue Mode oder den letzen Friseurbesuch und einmal im Jahr gibt es einen "Christopher Street Day". Was genau der ist und wie er abläuft, das wissen die wenigsten. Eventuelle Aktionen werden ignoriert, bemerkt wird nur eines: die Parade. Die Schwulen ziehen bunt kostümiert und fröhlich durch die Straßen, feiern ausgelassen auf ihren Wagen und streiten oft eher nebenbei für ihre Rechte oder setzen sich für den Abbau von Diskriminierung ein und werden dabei verspottet, eben wegen der vielen Klischees, die sie auf der Parade in großem Stil bedienen. Mögliche Folgerung: Schwule sind ausnahmslos laute, extrovertierte Szenegänger ist eben so. 
Und andere Schwule? Jenseits der Szene? Die sind den meisten bislang nicht untergekommen - und deshalb werden jene, die sich eben gerade nicht durch die allzu bunte Schwulenlobby vertreten fühlen, auch gerne mal vergessen.

Das Resultat daraus

Doch das Schüren der Klischees, die das Fernsehen auch immer wieder dankbar aufgreift statt ein ausgewogenes Gesamtbild zu präsentieren, zieht für manch einen Ungeouteten Probleme nach sich. Die Hemmschwelle, sich zu outen, kann sich dadurch schnell erhöhen. Die ländliche Dorfgemeinde weiß ja gar nicht, dass es im Dorf überhaupt einen Schwulen geben könnte, weshalb hemmungslos gelästert und niedergemacht werden darf. Wer nicht da ist, fühlt sich nicht verletzt. Kein geschmückter Paradewagen, keine Schwulen. Nur wenige haben in solch einer Atmosphäre den nötigen Mut, sich überhaupt zu outen. Damit bleiben Schwule für zu viele Heteros nun mal die überdrehte, oberflächliche Randgruppe, die nur Party, Sex und Drogen im Kopf hat. Und die wird leider auch nicht als ernstzunehmender politischer Gegner wahrgenommen, mit der man auf Augenhöhe über Gleichberechtigung und Antidiskriminierung sprechen könnte. Man lächelt oder lästert, mehr aber nicht. Und so wird für manch einen isolierten Schwulen, der jenseits der Szene lebt, die Hölle auf Erden geschaffen.

Und was tun wir?

Arbeiten wir dafür, dass dieses einseitige Bild aus den Köpfen der Menschen verschwindet? Ok, vereinzelte Leute engagieren sich, opfern für ihre Überzeugung einen gehörigen Teil ihrer Freizeit. Doch diese Leute bilden lediglich eine verschwindend kleine Minderheit. Sehr viel mehr lässt sich kaum erkennen. Wir planen doch eher weiter unsere Partys, organisieren unsere Diskowochenenden und schmücken unsere Wagen, wenn es wärmer wird. Das ist Wasser auf die Mühlen derjenigen, die nur den "typischen Schwulen" im Kopf haben. Schwule, die sich nicht mit der Szene identifizieren möchten, werden nicht bedacht. Aber es gibt sie. Und für manch einen von ihnen ist das Licht, welches durch das gesamte öffentliche Partyleben der anderen auf sie geworfen wird, ein Problem. Bei vielen Szenegängern gehen auch da schon die Lichter aus. Es scheint wohl unbegreiflich, wie jemand diese schillernde bunte Spaßwelt nicht mögen kann. Folglich sind Schwule, die man nicht am Wochenende oder im Internet treffen kann, auch irgendwie schon nicht mehr vorhanden.

Was kann man anders machen?

Wir müssen unseren Lebensstil nicht ändern oder so sein, wie andere es von uns verlangen. Aber genau so wenig sollten wir uns in unserer Andersartigkeit selbst beweihräuchern, unseren Lebensstil zum Nonplusultra erklären und alle anderen untypischen "schwulen Lebensformen" ignorieren. Wir sind Teil einer Minderheit, die in sich so unterschiedlich und kontrovers ist, wie es auch nur irgendwie möglich ist. Das ist die wahre Mannigfaltigkeit, auf die wir stolz sein können. Die Szene erscheint manchmal geradezu homogenisiert. Und bei aller Toleranz, die wir überall fordern, vergessen wir oft, dass man sich in diese Welt nicht komplett eingliedern muss, um anders zu sein. Wenn wir das berücksichtigen, immer für die gesamte schwule Welt kämpfen und nicht nur für uns selbst und unseren Lebensstil, dann können wir es auch schaffen, dass man da draußen auch die ernsten Seiten homosexueller Lebenskultur diskutiert und für voll nimmt...

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Weitere Quellen: Bilder: photocase.com