Die Jugend und der Alkohol

Redaktion Von Redaktion

Flatrate-Saufen ist neues Klischee für eine Jugend, die nicht mehr die Welt aus den Angeln reisst, sondern sich ins Koma trinkt. Die Politik beklagt das zu Recht, ändert aber nichts an den eigentlichen Ursprüngen: zum Beispiel im verrohten Bildungssystem.

Lieber Patrick!

Heutemöchte ich Dir einmal schreiben, nachdem mir Christoph Deinen letztenBrief gezeigt hat. Ich bin Sascha und ein Kindergartenfreund DeinesBriefkontaktes. Mich hat nämlich Dein Brief furchtbar aufgeregt.

In der Schulzeit, in der Phase, als die Partys abends länger gingenund Papa nicht um zehn vor der Tür stand, da hat man wirklich so vielgetrunken wie der Soldat, den Du beschreibst. Das hast Du sicher auchgetan früher, vielleicht tust Du es ja auch heute noch. Ich zumBeispiel trinke keinen Alkohol. Wenn ich als nüchterner Mensch aufsolchen Partys immer wieder beobachten durfte, wie sich die Menschendurch den Suff veränderten, dann hat mir das Angst gemacht. DasSchlimme ist ja auch, dass andere Menschen es nicht akzeptieren können,dass man selbst nicht trinkt. Es gehört wirklich zur Vergesellschaftungdazu.

Erhöhtes Bedürfnis, sich auszuprobieren

Wenn ich dann auch noch vom Flatrate-Saufen in deutschen Kneipenlese, dann kommts mir erst recht hoch. Die Jugendlichen können nichtsfür ihr Tun, sie sind gefangen in den Hormonen der Pubertät und mankann diesen jungen Menschen, die die Welt aus den Angeln heben wollen,auch nichts vorschreiben. Dann machen sie ja dicht. Und saufen nochmehr. Vielleicht sind dieses Koma-Saufen und das erhöhte Bedürfnisdanach, sich auszuprobieren und gegen die Normen der gesetztenGesellschaft zu rebellieren, einfach auch Reflexe auf dieBildungspolitik in diesem Lande.

DieseKinder und Jugendlichen gehen in eine Institution, die den Eltern sagt,dass das Kind wieder nicht aufgepasst hat, dass das Tuschwasservergossen wurde, dass der Platz auch nach wiederholter Aufforderungnicht aufgeräumt wurde. Die sagt, dass das falsch ist und man diesnicht machen darf, dass man sich so zu verhalten hat und die Grenzen daund da und da sind. Sagt eigentlich jemand mal, dass dieser Junge dortvorn sich vor den anderen gestellt hat, als dieser geärgert wurde? Alsdieser verprügelt werden sollte? Dass dieser Junge mit viel Fleiß voneiner Vier in Mathe auf eine Zwei gekommen ist? Lobt in dieser Schuleheute jemand noch? Und kommt nicht daher das Bedürfnis nach Geltung,weil den Jugendlichen immer nur gesagt wird, was sie nicht dürfen?

In diesem Sinne braucht dieses Land eine Reform ganz dringend,nämlich die des Bildungswesens. Seit Jahren wird in diesem Land inPolitik und Medien über Verbesserungen diskutiert. Da gibt es denEntwurf der Ganztagsschule und das Verbot der Privatschule, da gibt esfreie Schulformen und es gibt den neuen Trend des Home-Schooling. Nurpassiert ist nichts. Die Hauptschule ist weiterhin eine Restschule unddas Problem wird ja dadurch nicht gelöst, dass man die Hauptschuleeinfach umbenennt.

Erhöhtes Bedürfnis, das Bildungssystem zu refomieren

Wir brauchen einfach erst einmal mehr Lehrkräfte und dann einen ganzklaren Bürokratieabbau im Schulwesen. Wenn ich bedenke, was ich alsSchüler für mein Abitur alles an Formularen ausfüllen musste... Ichhabe mich gefragt: warum das nun? Im Studium geht es ja weiter. Undhier ist es dann wirklich ein reiner Wettlauf nach Scheinen. Da gibt esStudenten, die machen Seminare des Scheins wegen und nicht, weil es sieinteressiert oder weil sie etwas mitnehmen wollen! Und teilweise bistDu denn auch gezwungen, bestimmte Seminare zu machen, die mit DeinemStudienfach nichts zu tun haben, aber so im Lehrplan stehen. Aberbleiben wir beim Schulwesen. Natürlich ist es anmaßend, wenn ich alsStudent große Worte klopfe und "Reform! Reform!" schreie.Andererseits  muss ja einmal einer anfangen.

Meine Eltern erzählen zum Beispiel des Öfteren, dass damals allesviel besser war, damals in der DDR. Und tatsächlich übernimmt man heuteja auch Bildungsmethoden aus dem ehemaligen abgeteilten Staat. Undmeine Oma fängt dann mit dem Rohrstock an. Das ist zwar dann wirklichkeine geeignete Methode mehr, aber so erzählen sie es jedenfalls esherrschte, ob mit Rohrstock oder ohne, noch ein wenig mehr Disziplin.Man hat dem Lehrer noch einen Schwamm auf den Stuhl gelegt, ein Streichder heute nur noch ein müdes Gähnen verursachen würde!

Wennich an meine Schulzeit zurückdenke, dann frage ich mich manchmal auch,ob ich irgendeinem Lehrer einen Streich gespielt habe. Mir fällt da nurein, dass wir einmal vor Beginn des Matheunterrichtes Kuscheltiere aufdie Tische gestellt haben und dann verschwunden sind auf den Schulhof.Der Lehrer hatte uns im gesamten Gebäude gesucht, aber er hat es, alser uns schließlich fand, mit viel Humor genommen. Das fanden wir gut.Aber ansonsten? Nein, eigentlich haben wir wirklich kaum den LehrernStreiche gespielt. Es ging eher den ganzen Tag um die eigeneSelbstdarstellung. Da bleibt keine Zeit für müde Streiche.

So, jetzt habe ich aber genug gewettert. Bitte grüße den Christophganz lieb von mir, wenn Du ihm mal wieder schreibst. Vielleicht lesenwir uns auch einmal wieder,

Dein Sascha

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Weitere Quellen: Bilder: photocase.com