Die Legende von der idealen Familie

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Die Legende von der idealen Familie
Chester100/Udo Grimberg/CC BY-SA 3.0/Wikimedia

Unsinn wird nicht besser, wenn er aus dem Mund ehemaliger Staatsmänner kommt. In der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" erklärt Norbert Blüm, früher Arbeitsminister, heute Universal-Debattierer, was er von schwulen Paaren hält: Sie können nicht Familie sein. Dabei irrt Blüm genauso wie damals bei der Rente.

"Die Richter haben sich kurzerhand über eine gefestigte Rechtsprechung hinweggesetzt."

Das stimmt, und das ist auch gut so. Mit der Entscheidung, das Ehegattensplitting auch auf homosexuelle Paare auszuweiten, hat das Verfassungsgericht Recht und Moral über konservative Verbohrtheit der Politik gestellt. Es ist schlicht Aufgabe der Verfassungsrichter, für gleiche Rechte zu sorgen, solange politische Ideologie die Gesellschaft in Milieus aufspaltet und gegeneinander auszuspielen versucht.

"Der Fall ist Ausdruck einer hastenden gerichtlichen Assimilation an die launische Wechselhaftigkeit dessen, was gerade in ist"

Es ist ein Problem des Alters. Norbert Blüm entstammt einer Generation, in der Frauen an den Herd, Männer in die Arbeit und Kinder in den Religionsunterricht gehören. Die gesellschaftliche Realität sieht anders aus, heute zählt Selbstverwirklichung mehr als vermeintlich gutbürgerliche Konventionen. So zu leben, wie man leben möchte, ist heute eine Selbstverständlichkeit und nicht "in". Und das bildet das Verfassungsgericht ab.

"Es handelt sich teilweise um fundamentale Umdeutungen von elementaren Begriffen des Rechtsstaates"

Auch der Rechtsstaat entwickelt sich weiter. Bis in die 90er-Jahre war der § 175 des deutschen Strafgesetzbuches in Kraft, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte. Niemand würde ernsthaft den Rechtsstaat in Frage stellen, wenn einzelne überkommene Paragraphen korrigiert oder abgeschafft werden. Heute, mit einem starken Verfassungsgericht, ist nur nicht immer die Politik Wegbereiter eines gerechteren Staates.

"Die Familie ist die Elementareinheit der Gesellschaft"

Ja, stimmt. Nur sagt diese richtige Erkenntnis nichts darüber aus, ob eine Familie zwangsläufig immer aus einer Frau und einem Mann bestehen muss. Familie ist ein Ort von Geborgenheit, Vertrauen und Zusammenhalt. Die Werte, die eine Familie ausmachen, orientieren sich nicht am Geschlecht oder einer klassischen Rollenverteilung, sondern an der Beziehung der Familienmitglieder untereinander.

"Diese Funktion vermögen gleichgeschlechtliche Partnerschaften nicht einzulösen"

Diese Annahme ist so absurd wie unverschämt. Es ist schlicht eine ideologische Lüge. Natürlich können auch zwei Männer oder zwei Frauen soviel Verantwortung übernehmen, dass daraus eine Familie entstehen kann. Ob Ehen und Familien scheitern, hängt nicht am Geschlecht. Sonst hätten wir nicht so viele Scheidungen "klassischer" Ehen.

"Kinder, ihr Kommen und Gedeihen, spielen offenbar beim Verfassungsgericht eine niedere Rolle"

Da scheint Norbert Blüm eine wichtige Entscheidung übersehen zu haben. Das Bundesverfassungsgericht hat homosexuellen Lebenspartnern mehr Rechte bei der Adoption gewährt. Die Sukzessivadoption ist ein weiterer Baustein, um aus Homo-Paaren mit Kindern eine richtige Familie zu machen. Das stärkt auch die Rechte und die Stellung von Kindern in diesen Beziehungen. Und es wird wohl nicht das letzte Urteil sein, solange die Politik im Geiste Norbert Blüms Familie weiter am Geschlecht festmacht.

Die Verfassungsrichter haben im ersten Adoptionsurteil erklärt, dass sich Ehe und Lebenspartnerschaft in Sachen Dauerhaftigkeit und Verantwortungsübernahme nicht unterscheiden. In beiden Fällen wollten die Partner füreinander einstehen: "Es ist davon auszugehen, dass die behüteten Verhältnisse einer eingetragenen Lebenspartnerschaft das Aufwachsen von Kindern ebenso fördern können wie die einer Ehe".

"Nicht jede Form von Zweisamkeit ist schon wertvoll, weil sie zustande kommt"

Wer so argumentiert, hält Liebe und Romantik vermutlich auch für ein Hormonproblem Heranwachsender. Und wie wertvoll eine Zweisamkeit für die Gesellschaft ist, entscheidet am Ende wiederum die Politik, indem sie Recht gewährt oder aus ideologischen Gründen diskriminiert.

"Ehe und Familie sind ein kostbares Kulturprodukt"

Angesichts der bereits erwähnten hohen Scheidungsraten von Hetero-Ehen scheint hier ein Verfall von Kultur in Gang zu sein. Die Scheidungsquote in Deutschland liegt bei rund 40 Prozent. Das reale Trennungsrisiko erschüttert das Idealbild Familie, und dafür können wohl kaum Homosexuelle verantwortlich gemacht werden. Im Übrigen entspricht die Ehe nicht der Natur, wie Blüm meint - genauso wenig wie das Tragen von Brillen. Wen kümmert es?

"Selbst das Verfassungsgericht kann nicht verändern, dass Kinder nicht gleichgeschlechtlichen Partnerschaften entspringen"

Das ist auch nicht die Aufgabe der Verfassungsrichter. Sie müssen rechtliche Gleichheit schaffen, wo Politik bestimmte Bevölkerungsschichten ausgrenzt. Nach Blüms Argumentation könnten wir außerdem Frauen das Recht auf Ehe und Gleichstellung verweigern, die keine Kinder bekommen können. Was für ein grober Unsinn - und wie falsch: Natürlich können auch lesbische Frauen in einer Partnerschaft ein Kind zur Welt bringen.

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Weitere Quellen: Dennis Sulzmann/FAZ, Chester100/Udo Grimberg/CC BY-SA 3.0/Wikimedia