Die Party meines Lebens

Redaktion Von Redaktion
Die Party meines Lebens
Flickr/ RucksackKruemel

Der CSD in Köln ist der Höhepunkt der sommerlichen CSD-Saison. Hunderttausende feiern auf den Straßen - so auch dbna-Reporter Alex. Er berichtet über seinen CSD zwischen Politik und Flirt.

Der CSD in Köln ist der Höhepunkt der sommerlichen CSD-Saison. Hunderttausende feiern auf den Straßen - so auch dbna-Reporter Alex. Er berichtet über seinen CSD zwischen Politik und Flirt.

Sonntagmorgen, kurz vor 11 Uhr. Gleich ist Treffpunkt für die mehr als 30.000 Paradeteilnehmer unweit der Deutzer Brücke in Köln. Auch ich bin einer von ihnen. Die vorherige Nacht war kurz, der heutige Tag wird lang.

Wie immer, wenn sich einmal im Jahr mehrere hunderttausend Menschen zum großen schwul-lesbischen Stelldichein in der inoffiziellen schwulen Hauptstadt versammeln: ColognePride 2010, so die offizielle Bezeichnung  des Kölner Christopher Street Days (CSD).

Geht es hierbei wirklich noch um queere Politik?
Insgesamt waren an diesem Tag laut Veranstalter 900 000 Menschen mit dabei um zu demonstrieren. Ein Besucherrekord in der Geschichte des CSD. Aber  Demonstrieren - wofür oder wogegen eigentlich? Und vor allem: wie?

Es heißt, Schwule, Lesben sowie Bi- und Transsexuelle demonstrieren für Gleichberechtigung und Akzeptanz. Doch da der heutige nicht mein erster CSD ist, weiß ich, dass diese Veranstaltung eher wie der Kölner Karneval wirkt als wie eine Demonstration. Bunte Farben, viel Haut und laute Musik: eine Demonstration der anderen Art. Das Wort Demonstration in seiner Grundbedeutung mag auf den Event passen: Vorführen und Zeigen. Nicht mehr und nicht weniger.

Menschen mit Verkleidungen aller Art zieren unseren Treffpunkt, denn  bunt und schrill sind die Kostüme auch in diesem Jahr. Alles Erdenkliche ist dabei, von der Transe im auffälligen Plüschfummel über dicke, behaarte Männer in Lack- und Lederkostümen bis hin zu gertenschlanken Jungs in sehr dürftiger Bekleidung, die lediglich deren Intimbereich verdeckt. Man könnte denken, alles und jeder präsentiert sich so schrill wie möglich.

Aber es ist fragwürdig, inwieweit damit die Ziele dieser Demonstration erreicht werden können. Eher werden Klischees weiter verstärkt, wenn auf diese Art mit ihnen gespielt wird.

Fußball ist alles auch schwul
Ich habe inzwischen im vorderen Drittel der Schlange meinen Wagen erreicht. Nummer 29 von 100 Paradewagen. Endlich ist auch ein Stück Normalität erkennbar, denn unsere Kostüme sind nicht schrill, sondern ganz normal. Fußballtrikots. Schätzungsweise 60 Menschen ist unser Trupp stark, Männer und Frauen in den Farben sämtlicher Bundesligisten sind vertreten.

Unser Motto "Fußball ist alles - auch schwul" prangt in großen weißen Lettern auf einem grünen Banner, der an der Wagenseite aufgehängt ist. Begrüßt werde ich natürlich mit einem kühlen Kölsch, für das extra eine Zapfanlage auf dem Wagen steht. Nicht viel später beginnt auch schon der DJ mit der Beschallung: Fußballsongs rauf und runter. Sehr passend, auch aufgrund des am Vortag erreichten Halbfinales der deutschen Fußballnationalmannschaft.

Passend zu unserem Wagen ist auch das Motto des diesjährigen CSD: "Stolz bewegt". Es soll sportlich wirken, denn in wenigen Wochen finden in Köln die Gay-Games statt, eine Art Olympia für Homosexuelle.

Queer Fotball Club/ Manfred E.
Ungewöhnlich: Männer in Fußballtrikots und Vereinsfahnen gibt's eher selten beim CSD zu sehen. In diesem Jahr war das anders.

Ungewöhnlich: Männer in Fußballtrikots und Vereinsfahnen gibt's eher selten beim CSD zu sehen. In diesem Jahr war das anders.

Feiern und flirten statt politischer Forderungen
Früher schien der CSD eher dazu da gewesen zu sein, um darauf aufmerksam zu machen, dass es überall in unserer Gesellschaft Schwule, Lesben, Trans- und Bisexuelle gibt. Es sollte gezeigt werden, dass sie ganz normal leben und sich nicht unterdrücken lassen. So kann man sich auch die Farbenvielfalt erklären. Heute gleicht ein CSD jedoch eher dem amerikanischen Springbreak.

Ein Party- und Saufevent, welches mit einer tollen bunten Parade abgerundet wird. Ein bisschen verkleiden und mit der homosexuellen Gesellschaft den Sommer feiern. Politischer Zusammenhang ist nicht wirklich zu erkennen. Stattdessen wird gefeiert und geflirtet, was das Zeug hält.

Mittlerweile gut alkoholisiert gröle ich mit den Anderen "Arminia, Arminia, wir sind die besten Fans der Welt" von unserem Wagen, als sich der Tross mit gut halbstündiger Verspätung gegen 12:30 Uhr in Bewegung setzt. Was sich dann abspielt, ist einfach nur der Wahnsinn: Menschenmassen am Straßenrand, wohin das Auge reicht.

Schwule und Lesben, aber auch ganze Familien mit Großeltern und Kindern sind gekommen um sich das Spektakel anzuschauen. Einige von uns verteilen Flyer, auf denen für Toleranz im Fußball geworben wird, ein Umfeld, welches tendenziell als homophob angesehen wird. So ist es auch nicht verwunderlich, dass der Deutsche Fußballbund unseren Wagen unterstützt.

Das ist die Party meines Lebens
Ich tanze, singe und animiere mit Erfolg die Menschen am Rand. Egal welches Lied der DJ spielt, die Stimmung ist fantastisch. Bremer Fans singen das Hamburger Vereinslied und umgekehrt - hier ist an diesem Tag alles anders.

Mittlerweile habe ich mich mit vier jungen Fans der Teams aus Bochum, Stuttgart, Hamburg und Dortmund angefreundet. Wir liegen uns in den Armen und feiern die Party unseres Lebens. Gefreut haben wir uns vor allem über den Einsatz von großkalibrigen Wasserpistolen seitens der Zuschauer. Als wir nach rund drei Stunden das Ende der Strecke erreichen, habe ich neben einem leichten Fiepen im Ohr eine angeschlagene Stimme und schmerzende Beine.

Aber das ist nicht das Ende, denn jetzt geht es mit dem hier scheinbar normalsten der Welt weiter: Den Tag mit dem ein oder anderen Flirt ausklingen lassen. So ist der CSD am Ende womöglich keine Demonstration im eigentlichen Sinne, dafür aber ein Gute-Laune- Event mit riesengroßer Kontaktbörse bei der sich Hunderttausende in den Armen liegen und Spaß haben. Hat doch auch was.

PS: Wir haben in den Archiven von dbna gekramt und sind dabei auf ein Video aus dem Jahr 2007 gestoßen. Auch damals stellten wir schon die Frage: Wie politisch ist der CSD noch? Die Antworten gelten auch heute noch.

dbna.newsletter
Bleibe immer up-to-date.
Abonniere unseren wöchentlichen Newsletter!
Weitere Quellen: Queer Fotball Club/ Manfred E., Flickr/ RuckSackKrueml (cc-Lizenz)