Die sexuelle Reizüberflutung

Redaktion Von Redaktion

Kinder schauen mit Eltern Pornos, Fetische werden immer abstruser: Sexualität wird immer offener praktiziert. Doch die Gesellschaft verwahrlost an der Reizüberflutung, die uns im Alltag ständig begegnet. Ein Essay und Auftakt der dbna-Themenreihe "Porno"

Diese Geschichte handelt von einem Paradoxon. Sie erzählt von sexuellen Reizen, sie erzählt von der wohl schönsten Nebensache der Welt, sie erzählt davon, dass Sex aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken ist. Sie erzählt aber auch, dass das gar nicht so gut ist. Sie sagt, dass wir heute völlig reizüberschwemmt sind, dass deswegen Werte verloren gehen.

Gehen wir unseren Alltag einmal durch: Rapper erzählen im Radio von Orgien, am Kiosk bewerben Zeitschriften ihre Themen mit nackten Brüsten, von Plakaten strahlen uns gestählte Körper an, in der Tageszeitung bewerben Telefonhotlines ihre schlüpfrigen Dienste. Es gibt kaum noch einen Lebensbereich, der nicht über Sex verkauft wird.

Sex als Lifestylephänomen

"Sex sells" ist eine alte Floskel, und vielleicht hat die Erotikmesse Venus ja recht, wenn sie Sex als Lifestylephänomen bezeichnet. Denn lag der ursprüngliche Sinn der Sexualität noch in der Fortpflanzung, haben sich Nebeneffekte des Aktes verselbstständigt. Heute geht es um das Lustgefühl, es geht um die Stabilisierung der Bindung zu anderen Menschen.

Das ist zwar kein Lifestyle, freilich nicht, aber es geht ja auch um Nähe und Geborgenheit und es geht nicht mehr nur um die reproduktive Funktion trotzdem und gerade deshalb ist der Sex ein überlebenswichtiges Element in einer als unfreundlich empfundenen Welt. Sex ist ein Element, dass diese Welt freundlicher macht. Und dann ist es auch ein Stück Lifestyle. Dass es auf so einer Messe keineswegs um den Lifestyleeffekt geht, sondern eher um die Fleischbeschau und die Anreizung menschlicher Triebe, ist eine andere Sache.

Sex als entpersonalisierte Darstellung

Was bedeutet es eigentlich, wenn der "Liebes"-Akt ohne jede Liebe praktiziert wird? Was passiert, wenn Jugendliche dieses als die Wahrheit annehmen? Denn nicht nur, dass es nicht möglich ist, den ständigen sexuellen Reizen zu entkommen, sie werden in immer unwürdigeren Darstellungen praktiziert. Gleichzeitig beschreibt der Drang nach immer härterer Darstellung auch eine Reizabstumpfung. Dadurch, dass wir ständig damit konfrontiert werden, reagieren wir auf eine nackte Brust weniger intensiv. Der Empfänger braucht einen weiteren Anreiz, um angesprochen oder erregt zu werden. Er muss eine neue Hemmschwelle überwinden. Pornos mit schwangeren Frauen oder immer brutalere Fetische füllen in der Videothek Regale.

Dadurch entsteht wiederum eine gewisse Aggression. Im Porno von heute geht es nicht mehr um die Darstellung von Lust und Liebe, es ist eine entpersonalisierte Sexualität, die dort praktiziert wird, es gibt kaum noch Handlung, es geht nur noch um den Akt an sich, um die Technik und ein bisschen um den eigenen Voyeurismus. Früher noch, die Älteren werden sich erinnern, da war es schon ein Skandal, wenn man in einem Film nackte Haut sah oder  - noch schlimmer ein Paar beim Akt im Bett. Fernsehsender wurden geschmäht für diese Softpornos, damals war es mutig. Heute ist das Normalität geworden - und auf allen möglichen Fernsehsendern ziehen sich Frauen aus, während man über eine Telefonnummer Geld gewinnen kann. Und das weit vor null Uhr.

Es geht aber auch darum, dass durch das Überwinden Sachen als normal empfunden werden, die es aber eigentlich oft nicht mehr sind. Die Grenzen zwischen Scham und Ekel lösen sich auf. Sex mit Schwangeren mag man da noch als Geschmackssache verurteilen, aber gegenseitiges Ankoten oder aber Fisting sind es dann nicht mehr letzteres allein schon wegen des hohen Verletzungsrisikos.

Sexuelle Verwahrlosung als Unterschichtenphänomen

Man kann dabei aber nicht nur der Pornobranche den schwarzen Peter zuschieben. Sexuelle Verwahrlosung wird gerne als ein Phänomen der Unterschicht gesehen. Menschen ohne Arbeit und vielleicht sogar ohne Ausbildung haben einen hohen Medienkonsum. Der Konsum, aber mehr noch die negative Lebensperspektive, führt zum Verlust des Wertesystems. Es wird nicht mehr an den Nachwuchs weitergegeben, die Eltern sind keine Vorbilder. Gleichzeitig sind die Eltern in allen Schichten und in Zeiten des raschen technischen Fortschrittes aber auch orientierungslos. Sie wissen nicht mehr, was ihre Kinder hören und sehen, weil sie die vermittelnden Medien nicht ausreichend kennen.
Sie haben nie gelernt, mit Medien kompetent umzugehen. Deswegen fällt es schwer, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden. Die Gesellschaft hat heute weder den Mut, noch die Chance, Werte zu setzen. Und auch die Schule leidet darunter, indem sie Werte vermitteln will, die heute längst nicht mehr gelten und als konservativ angesehen werden.

Sex als Erfolgserlebnis

Dies zeugt von einem katastrophalen Umgang mit unserer Jugend. Jugendliche, die keine Ausbildung haben, haben keine Zukunftsperspektive. Dadurch werden sie nicht ernst genommen in der Gesellschaft, was wiederum das Selbstwertgefühl angreift. Schlussendlich müssen sie sich Erfolg und Bestätigung in anderen Bereichen holen, in Bereichen, in denen sie sich fit fühlen: Gewalt, Fanverhalten, aber eben auch der Sexualität.

Es scheint heute normal zu sein, schon mal an einem Gang-Bang teilgenommen zu haben (eine Person hat mit mehreren Personen hintereinander oder gleichzeitig Sex). Damit können sich die Jugendlichen Bestätigung holen. Damit verkommt Sex zu einem reinen Erfolgserlebnis.

Verwahrlosung als Ergebnis eines Sozialisationsprozesses

Diese ganzen Faktoren sind Ergebnis eines langen Sozialisationsprozesses. Kinder lernen durch Zuschauen und Nachahmen. Die Sexualität fand lange Zeit nicht öffentlich statt. Vor ein paar Jahrzehnten noch gab es eine Empörungswelle, wenn nackte Brüste im Fernsehen zu sehen waren. Deswegen haben die Jugendlichen damals noch ihre Sexualität entdeckt. Heute brauchen das die Jugendlichen nicht mehr, dadurch, dass sie ständig mit dem Thema konfrontiert werden, fühlen sie sich aufgeklärter denn je und gerüstet für die neue Welt, die sich ihnen bietet.

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Weitere Quellen: Bilder: photocase.com