Die soziale Situation von Strichern

Redaktion Von Redaktion

Spätestens seit dem Mord an Rudolph Moshammer ist die Stricherszene inaller Munde. Die Klatschpresse überschlägt sich, mit reißerischenÜberschriften zieht man über die Welt der Stricher her. Wir haben unsdie soziale Situation der Stricher einmal genauer angesehen.

Stricher sind seit jeher ein fester Bestandteil der schwulen Welt. Wasim ersten Moment vielleicht einen faden Beigeschmack haben mag, isteigentlich gar nicht weiter verwunderlich, denn gerade in Zeiten vonUnterdrückung, Diskriminierung oder Verfolgung traut sich manch einernicht, seine Sexualität offen auszuleben. Andere hingegen wagen es inihrer Beziehung oder mit ihren Sexpartnern nicht, ihre Fetische etwaSM oder Bondage auszuleben oder sehen aufgrund ihres Aussehens oderihrer Schüchternheit keine andere Möglichkeit, an Sex zu kommen. Seitdem Mord an Rudolph Moshammer ist die Stricherszene nun auch in allerMunde. Über was die Meisten bislang nicht wirklich nachgedacht haben,geisterte jetzt durch die gesamte deutsche Klatschpresse. Mit teilsreißerischen Überschriften wurde da über die Welt der Stricherhergezogen, ohne dass man sich einmal ernsthaft mit der Situation derJungs und vor allem mit dem "Warum?" hinter ihrer Prostitutionauseinander gesetzt hätte. Wir wollen in dieser Reportage ein wenig diesoziale Situation von Strichern in Deutschland beleuchten und auchdas "Warum?" endlich klären.

Freier gesucht!

Es gibt diverse Möglichkeiten, über die die Jungs an Freier kommenkönnen abhängig von beispielsweise ihrer sozialen Situation, derBezahlung und den Möglichkeiten in der jeweiligen Region. InGroßstädten herrscht vor allem die Stricherkneipenszene vor. In derKölner Altstadt gibt es beispielsweise diverse Stricherkneipen, die inder Schwulenszene bekannt sind und vorwiegend von Freiern und sichprostituierenden Jungs besucht werden. Darüber hinaus bieten sich dieJungs oft auf offener Straße an oder streifen durch Bahnhöfe, woinsbesondere der Kinderstrich relativ ausgeprägt ist. Auch inZeitschriften finden sich immer wieder Anzeigen von Strichern, undBegleitagenturen vermitteln ebenso des Öfteren geneigte Jungs. DasSchwesterportal von Gayromeo, Erados, ist inzwischen wohl Deutschlandsgrößtes und populärstes Stricherportal. Dort können sich StricherProfile mit Bildern, Preisvorstellungen und angebotenen Sexpraktikenanlegen. Das Internet ist in der Stricherszene immer weiter imVormarsch, lassen sich doch dort auf unkomplizierte und einfache Artund Weise für beide Seiten Treffen ausmachen. Die Preise für Sexstarten an Bahnhöfen bei rund 20 30 Euro und sind nach oben je nachWunsch und Dauer relativ offen. In der Kneipenszene werden in der Regelungefähr 30 100 Euro auf den Tisch gelegt, vor allem bei Erados oderüber Anzeigen und Begleitagenturen kann eine ganze Nacht allerdingsauch erheblich teurer sein.

Persönliche Gründe für die Prostitution

Die persönlichen Gründe, seinen Körper für Geld anzubieten, sindgenauso vielfältig wie oft auch unterbewusst. Die vorwiegenden Gründesind natürlich nicht selten in den grundsätzlichen Dingen des Lebens zusuchen ob es nun schlichtweg um dringend benötigtes Bares geht,Schlafplätze gesucht oder Kleidung und Lebensmittel benötigt werden.Darüber hinaus lassen sich aber auch viele weitere Beweggründe finden:Nicht wenige Stricher haben aufgrund ihrer sozialen Umstände nurbedingte Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt, in Bezug auf Ausbildungoder Bildung oder haben keinerlei Anbindung an die Sozialsystemeunseres Landes. Bei Anderen liegt es wortwörtlich in der Familie, dennoft waren bereits die Eltern auf dem Strich. Wieder Andere versuchendamit unterbewusst Missbrauchserlebnisse zu verarbeiten, suchenFreunde, Beziehungspartner, Vaterersatz, Liebe oder Geborgenheit meist natürlich vergeblich. Manch einer versucht durch seine Rolle alsObjekt der Begierde Macht und Dominanz auszuüben. Und letztlich bietensich Einige vor allem über das Internet nur deswegen anderenMännern an, um ihren Lebensstandard zu halten oder um sich noch einwenig Geld dazu zu verdienen.
Seit einer guten Weile finden sich in der Stricherszene auffällig vieleBulgaren, die mit einem dreimonatigen Aufenthaltsrecht versuchen, überProstitution das schnelle Geld zu machen. Wird einer von ihnen dabeierwischt, erfolgt meist die Ausweisung aus Deutschland nicht aufgrundder Prostitution, sondern schlichtweg wegen des fehlendenArbeitsrechts. Kritisch ist dabei, dass die meisten Bulgaren nur sehrschlecht oder gar kein Deutsch sprechen, was mit den Freiern oft zuMissverständnissen und Problemen führt. Und leider sind die meistenbulgarischen Männer in Bezug auf sexuell übertragbare Krankheit inkeinster Weise aufgeklärt. Wenn man dann noch im Hinterkopf behält,dass viele davon in Bulgarien Frau und Kinder haben, wird aus derUnwissenheit schnell eine kritische Gefahr nicht nur für die Stricherselbst, sondern auch für ihr direktes Umfeld.

Die Welt der Stricher in Zahlen

Unter anderem dank der Wright-Studie von 2001 lassen sich viele derProstitutionsaspekte in Zahlen fassen. So liegt das Durchschnittsalterder Stricher bei etwa 21 bis 22 Jahren Minderjährige machen etwaeinen Anteil von 6 17 % aus. In der Homohochburg Köln gibt esungefähr 1000 Stricher, in Berlin die doppelte Anzahl. Ein großesProblem vieler Stricher ist deren Wohnungssituation. Etwa 18 % sindkomplett obdachlos, 18 % übernachten in aller Regel bei Freiern, 5 %bei Freunden, 7 % nehmen Wohnprojekte wahr, ca. 25% wohnen noch bei denEltern und 28% der Stricher haben eine eigene Wohnung. Die meistenStricher weisen einen recht niedrigen Bildungsgrad auf. So habenungefähr 44 % gar keinen Schulabschluss, 2% haben die Sonderschulebesucht, 43% besitzen nur einen Hauptschulabschluss,  6% dieMittlere Reife und lediglich 4 % das Abitur. Ein Großteil der Stricherhat regelmäßig mit Drogen Kontakt etwa 90 95%, wobei "nur" 20 30%wirklich drogenabhängig sind. Da das Zuhältermilieu in Schwulenkreisenbei Weitem nicht so ausgeprägt ist wie in der heterosexuellenProstitution, leben nur etwa 10 % in Abhängigkeit von Zuhältern beiweiblichen Prostituierten liegt die Zahl bei rund 80%. Ungefähr 27 %der männlichen Stricher hatten bereits mindestens eine sexuellübertragbare Krankheit, ca. 15 % sind bereits HIV-positiv.

Hilfe für Stricher

In Deutschland gibt es einige Organisationen, die versuchen, denStrichern ein wenig unter die Arme zu greifen. So beschäftigt sichbeispielsweise in Köln Looks e.V. mit den Jungs. Vor allem imStreetwork aktiv, versucht man erst einmal einen Großteil der Stricherzu erfassen, um dann jeden der Jungs so weit wie möglich individuell zuunterstützen. Bei Kneipenbesuchen werden kostenlos Kondome und Gleitgelverteilt und der Kontakt zu den Leuten gesucht. Dabei wird oft auf dasLooks-Zentrum verwiesen, wo sich die Stricher zum Beispiel mit Essenversorgen, duschen und Schließfächer oder die medizinische Sprechstundein Anspruch nehmen können. Finanziert wird der Verein über denGesundheitsetat der Stadt, Spenden, Gelder von der Aidshilfe und derStiftung Roter Keil dem Netzwerk gegen Kinderprostitution. Looks hates sich vor allem auf die Mütze geschrieben, die Lebenssituation derStricher zu verbessern nicht aber, sie aus der Prostitutionherauszubewegen, was kaum Aussicht auf Erfolg hätte. Man versucht aber,unter anderem durch gemeinsame Gänge zum Arbeitsamt oder Unterstützungbei der Verfassung von Lebensläufen und Bewerbungen, eine vernünftigeGrundlage für ein alternatives Lebenskonzept zu schaffen

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Weitere Quellen: Schwulenreferat Bonn, Looks e.V., Wright-Studie