Die Uni ist nicht super offen

Redaktion Von Redaktion

Über 15.000 homosexuelle Erstsemester suchen gerade den Weg zum Hörsaal einer deutschen Uni. Der Schwulenreferent an der TU Dortmund Christian findet, dass mit Homosexualität an der Hochschule nicht offen umgegangen wird.

Drei Pärchen stehen Hand in Hand kuschelnd und küssend in der Herbstsonne. Auf der breiten Brücke zwischen der Dortmunder Universitätsbibliothek und der Mensa ist es kein seltener Anblick, wenn ein Student an den verwitterten Geländern aus rot gestrichenen Rohren lehnt und eine Kommilitonin im Arm hält. Zwei Männer hat Christian hier noch nicht Händchen haltend gesehen. Der 22-jährige Physikstudent ist einer von zwei Schwulenreferenten an der Technischen Universität in Dortmund. Er sagt: "Ich habe nicht das Gefühl, dass Homosexualität an der Uni super offen behandelt wird."

Auch in den Anfangswochen dieses Semesters irren wieder mehr als 310.000 Erstsemester orientierungslos an deutschen Hochschulen zwischen Hörsaal, Bibliothek und Mensa umher. Die schätzungsweise über 15.000 Lesben und Schwulen unter ihnen haben mit noch mehr Verwirrung zu kämpfen. Denn die Universität ist nicht überall der Hort von Toleranz und Liberalität, als der er oft gepriesen wird. Das musste auch Christian erkennen: "Man wird schon ein bisschen komisch angeguckt, wenn man sagt: Ich bin schwul." Einige seiner Kommilitonen hatten damit Probleme, dass er sich geoutet hat. Ihnen geht er aus dem Weg. Es gibt viele andere, mit denen er gut klar kommt.

Es ist kein Muss, sich an der Uni zu outen. "Wenn ich mit Kommilitonen nur das Berufliche teile, ist ein Coming-out nicht nötig", sagt Christian. Aber er wollte mitreden, wenn seine Mitstudenten sich über ihr Wochenende unterhalten haben. Er wollte ihnen sagen können "Ich war bei meinem Freund", und zwar genauso selbstverständlich, wie sie von gemeinsamen Erlebnissen mit ihren Freundinnen berichteten. Es ging Christian bei seinem Outing darum, er selbst sein zu können. Die meisten, aber längst nicht alle, haben das akzeptiert.

Schwulsein in die Öffentlichkeit rücken

Sein Eindruck, dass Schwulsein nicht als etwas Normales wahrgenommen wird, hat ihn dazu bewegt, sich zu engagieren. Seit Januar leitet er mit seinem Kommilitonen Markus das Dortmunder Schwulenreferat. Schwule Minderheitenvertretungen, die an fast allen größeren deutschen Unis bestehen, müssen heute nicht mehr für Schwulenrechte kämpfen.

Das war noch 1981 der Anspruch, als an der Freien Universität Berlin das erste Schwulenreferat gegründet wurde. Damals stand Homosexualität zumindest formal im Strafgesetzbuch. Erst 1994 wurde der entsprechende Paragraf 175 gestrichen. Dass Christian in zwei Jahren an der Uni noch nie ein schwules Pärchen Hand in Hand auf dem Campus gesehen hat, ist für ihn ein klares Zeichen dafür, dass sein Einsatz auch heute noch nötig ist. Er möchte erreichen, "dass das Thema Schwulsein mehr in die Öffentlichkeit gerückt wird".

Dafür arbeitet das Schwulenreferat mit anderen Stellen an der Uni zusammen. So gibt es seit Kurzem in der Dortmunder Unibibliothek eine eigene Signatur für Bücher mit homosexuellem Bezug. Und der Uni-Film-Club zeigt pro Semester zwei queere Filme auf großer Leinwand. Christian findet aber, man müsse manchmal auch ein wenig provozieren. Zum traditionellen Uni-Ball Ende November will das Referat mit Männerpaaren präsent sein. Seit Monaten wird dafür fleißig geübt, schließlich will man sich nicht blamieren.

Wenige Probleme, aber auch wenig Engagement

Die meisten schwulen Studenten kommen ins Schwulenreferat, um andere Schwule kennenzulernen, sagt Christian. Viele suchen auch nach Infos über das schwule Leben an ihrem neuen Wohnort. "Das jemand wirklich Probleme hat, erlebe ich weniger", so Christian. Aber auch dafür ist er mit seinem Co-Referenten Markus zuständig. An zwei Tagen in der Woche bieten sie Sprechstunden an. Dass wenige Kommilitonen mit Problemen an sie herantreten, mag vielleicht erfreulich sein. Zumindest wenn man davon ausgeht, dass wenige schwule Studenten auf Probleme stoßen.

Aber genauso wenige kommen mit einem politischen Anspruch ins Referat. Das macht Christian und Markus zu schaffen. Auch wenn sie sich die Arbeit teilen mangelndes Engagement bei den schwulen Kommilitonen können auch sie nicht völlig ausgleichen. So kommt es schon vor, dass eine Plakataktion im Sand verläuft, weil niemand da ist, um die von diversen Partypostern überklebten Plakate zu erneuern.

Dass es wenig politisch motivierte Studenten gibt, trifft aber nicht nur die beiden Dortmunder Schwulenreferenten, sondern alle studentischen Organe an vielen Unis. Vielleicht sind unter den über 15.000 homosexuellen Erstsemestern in diesem Jahr einige, die sich dafür einsetzen wollen, dass nicht nur vor der Dortmunder Unibibliothek, sondern an jedem Campus bald zwei Männer oder zwei Frauen Hand in Hand kuschelnd und knutschend in der Herbstsonne stehen.

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Weitere Quellen: istockphoto.com/Diane Diederich, istockphoto.com/Dietmar Klement, istockphoto.com/Vinko Murko