Die Verheimlichten

Patrick Fina Von Patrick Fina

Wer auch immer behauptet, dass Homosexualität heutzutage gesellschaftlich kein Problem mehr sei, den möge man auf den Fußball verweisen. Obwohl statistisch einer von elf Spielern schwul ist, gibt es bis heute kein Coming-out eines deutschen Profifußballers.

Statistiken sagen viel und nichts zugleich. Laut Statistik müsste beispielsweise jeder elfte deutsche Fußballspieler schwul sein. Statistisch könnte man also fast zwei komplett schwule Mannschaften in der Bundesliga antreten lassen. Und trotzdem spricht die Realität eine ganz andere Sprache, denn geoutet hat sich bis heute noch kein einziger Spieler. Zu groß ist die Angst vor dem, was nach einem Coming-out passieren würde: Homophobe Äußerungen aus den Fanblöcken, wahrscheinlich auch in der eigenen Kabine, wären alltäglich. Der Druck des Sportbusiness ist enorm und der Sportler riskiert im Falle eines Coming-out, nicht mehr an seinen sportlichen Leistungen, sondern nur noch an seiner sexuellen Orientierung gemessen zu werden. Ein Coming-out wäre das Aus für seine Karriere. Die Tabuisierung geht sogar noch einen Schritt weiter. Selbst nach dem Karriereende hatte bisher kein deutscher Sportler den Mut, seine Homosexualität öffentlich zu machen.

Die Vertuschung trägt dubiose und professionelle Züge. Eine schwule Beziehung aufzubauen ist unmöglich, also schlagen die Profis andere Wege ein. Es gibt Agenturen, die für gesellschaftliche Anlässe Damenbegleitung vermitteln, es gibt sogar "Scheinheiraten", alles scheint möglich und erlaubt zu sein. Journalisten, die von der verheimlichten sexuellen Orientierung der Sportler wissen, halten dicht und kommen so leichter an Insider-Informationen. Die Möglichkeit der Erpressung liegt auf der Hand.

Das Negativbeispiel Justin Fashanu

Bisher gab es erst einen Profifußballer weltweit, der sich geoutet hat. Der Brite Justin Fashanu erhielt von einem Magazin 1990 rund 80.000 Pfund für die Schlagzeile, und obwohl Fashanu nach kurzer Zeit seine Karriere beenden musste, war er noch Jahre später ein Thema für die Boulevardblätter. Nach einer Hetzkampagne aufgrund vermeintlicher sexueller Belästigung eines Minderjährigen erhängte sich Fashanu in seiner Garage. Die Behauptung stellte sich später als dubiose Verleumdung heraus.

Ein Beispiel, das abschreckt. Nicht zuletzt deshalb zögern Sportler weltweit, ihre Homosexualität öffentlich zu zeigen. Die Rahmenbedingungen mögen sich geändert haben - Homosexualität ist zwar längst nicht salonfähig, die Toleranz aber steigt -, die Angst vor negativen Reaktionen allerdings bleibt. Im Dezember 2006 titelte das Fußballmagazin RUND mit einem Bericht über Homosexualität im deutschen Profifußball. In zweijähriger Recherche konnten die Journalisten drei schwule Bundesliga-Profis ausfindig machen und anonymisiert über deren verheimlichte Leben befragen. Der Leidensdruck ist enorm - in einem Fall ist noch nicht einmal die Ehefrau eingeweiht.

Fans kämpfen für mehr Toleranz

Auch bei lesbischen Sportlerinnen ist Homosexualität ein Tabu-Thema. Obwohl es dort intern viel selbstverständlicher ist, zur eigenen sexuellen Orientierung zu stehen, gilt nach außen die Auflage, über dieses Thema nicht zu sprechen und die Öffentlichkeit zu täuschen.

Grund für diese besondere Tabuisierung sehen Wissenschaftler vor allem im außergewöhnlich betonten körperlichen Aspekt des Sports. Gerade wo Berührungen oder Umarmungen leicht "erotisch" oder "sexuell" wirken könnten, muss klar sein, dass dies auf keinen Fall schwul oder lesbisch konnotiert werden kann.

Dabei gibt es Bemühungen, mehr Toleranz in die Stadien zu bringen. Gut organisierte lesbische und schwule Fans wie die "Hertha Junxx" setzen sich dafür ein, dass Kampagnen gegen Sexismus und Homophobie im Fußball von den Offiziellen des Fußballbusiness unterstützt werden. Ändern wird sich an der homophoben Situation wohl trotzdem erst etwas, wenn sich der erste Profifußballer oder Ex-Fußballer outet - und den Medienrummel riskiert und erträgt.

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