Doppelt ausgegrenzt

Falk Steinborn Von Falk Steinborn

Schwule Jugendliche aus Einwandererfamilien haben es oft besonders schwer. Sie sind doppelt ausgegrenzt: als Ausländer in der schwulen Community und als Schwule in der Gemeinschaft der Einwanderer. Dass es aber auch anders geht, beweist der Deutsch-Türke Deniz Yücel. dbna hat ihn filmisch porträtiert.

Wer aus der Türkei, dem Iran oder aus irgend einem anderen nicht-westlichen Land nach Deutschland kommt, der hat es mitunter schwer. In der Öffentlichkeit halten sich hartnäckig Bilder von jugendlichen Einwanderern, die sich in Banden organisieren, kein richtiges Deutsch sprechen können und in den Hinterhof-Moscheen islamistisches Gedankengut gelehrt bekommen. Das Bild von den so gennannte "Migranten" ist alles andere als positiv. Und das bekommen sie zu spüren. Sie werden als Randgruppe wahrgenommen und behandelt.  Besonders hart trifft das schwule Einwanderer, denn sie sind doppelt ausgegrenzt:  als Ausländer in der schwulen Community und als Schwule in der Gemeinschaft der Einwanderer.

Der Vater als Oberhaupt der Familie

In einem Internetforum für schwule Türken schreibe einer User: "Wer von euch kennt es nicht, die kulturelle sowie religiöse Verankerung der muslimisch, türkischen Familien und deren Vorurteile gegen Homosexualität!"

In der Tat begründen sich die Vorbehalte von Einwanderer gegen Schwule und Lesben oft durch Religion und Kutlur. In vielen Einwandererfamilien herrschen etwa patriarchale Ansichten und Strukturen. D.h. der Vater ist das Oberhaupt der Familie und ihm als Mann ordnen sich alle unter.  Ein schwuler Sohn passt nicht in dieses Bild. Denn Schwulsein wird mit Schwäche und Entmännlichung gleichgesetzt. Ein schwuler Junge steht deshalb im patriarchalen System mit Töchtern und Frauen auf einer Stufe, teilweise sogar tiefer.
 
Religion spielt ein entscheidende Rolle

Die Problematik kann sich verschärfen, wenn die Eltern des schwulen Jugendlichen aus einem muslimischen Land eingewandert sind.  Denn in vielen muslimischen Staaten steht Homosexualität unter Strafe. Schwulsein wird als Sünde angesehen und verstößt nach Meinung eines Teils der muslimischen Gelehrten gegen den Koran. So  sagt  z.B. im Film "A jihad for love" der Islam-Wissenschaftler  Maulana Hoose: "Homosexualität ist ein Verbrechen und kann mit dem Tode bestraft werden.  Die einzige Frage der Juristen ist dabei, wie diese Person getötet werden soll."  Auch wenn in Deutschland Homosexualität nicht unter Strafe steht aus Sicht einiger Muslime ist Homosexualität mehr als verwerflich, auch in Deutschland.

Ein Outing wagen die wenigsten

Außerdem steht im Islam die Gemeinschaft sehr viel stärker im Vordergrund als im Christentum.  Ein Moslem schaut zuerst auf das Wohl der Familie ehe er sich um sein eigenes kümmert. Viele schwule Jugendliche mit Einwanderungshintergrund fragen deshalb an erster Stelle: Was bedeutet mein Schwulsein für meine Familie? Welche Probleme könnten meinen Geschwistern entstehen? Wie würde der Ruf der Familie leiden, wenn ich mich oute? Die Frage, was für den schwulen Jugendlichen selbst wichtig ist, damit er glücklich wird, steht ganz hinten an.

Viele schwule Migranten verstecken sich deshalb, leben ihr Schwulsein gar nicht oder nur im Verborgenen aus. Ein Coming-Out wagen hingegen  nur die wenigsten.  "Diejenigen unter euch, die sich bereits geoutet haben und immer noch von ihren Familien geliebt werden, gehören zu den Glücklichen unter uns. Nur was ist mit denen, die es nicht schaffen und gezwungen sind, ein Doppelleben zu führen....", fragt selbiger User in dem Internetforum für schwule Türken.

Es fehlt an Vorbildern

Auf die Probleme und Not von schwulen Einwanderern ist in den letzten Jahren auch die Schwulen- und Lesbenhilfe aufmerksam geworden.  So sind etwa Deutsch-Türken als größte Einwanderergruppe unter dem Namen Türk Gays & Lesbians im Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD) vertreten.  Außerdem gibt es mit Ermis eine Community für schwule Deutsch-Griechen. Aber dennoch sind die Angebot für schwule Jugendliche mit Einwanderungshintergrund insgesamt eher selten. An  Positiv-Beispielen und Vorbildern für schwule und lesbische Jugendliche  aus dem Ausland fehlt es. Eine Ausnahme ist da Deniz Yücel, Gewinner der schwul-lesbischen Kompassnadel NRW (siehe Video).

Video-Portrait über Deniz Yücel»

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Weitere Quellen: jean-bernard MICHEL, Xiongmao, Klaus Eppele,Westa Zikas - Fotolia.com