Ein Abend unter "Heten"

Redaktion Von Redaktion

Wir treffen beim Mexikaner ein, einem großen, lärmigen Lokal, und die Jungs stellen sich als bekannte Gesichter von der Arbeit raus. Sie alle wissen nicht, dass ich schwul bin. Der Moment dazu wurde irgendwie verpasst und damit habe ich mich abgefunden.

Manchmal sind Klischees auch was Schönes. Ja wirklich. Bei genauerer Betrachtung erfüllen sie viele verborgene Zwecke in unserer Kultur. Sie helfen uns im täglichen Leben, uns besser zurecht zu finden ("Niederländische Tomaten schmecken doch scheiße, ich nehme doch lieber die Aubergine"), Personen beim ersten Eindruck besser einordnen zu können ("Der röchelt wie ein Walross... elender Kettenraucher!") und uns zu profilieren und abzugrenzen ("Sind wir schon in Bremen? Ein Fischbrötchen, bitte!"). Ohne Vorurteile - wäre die Welt dann eine bessere? Bestimmt! Aber manchmal wäre sie auch ein klitzekleinesbisschen ärmer und uns würde eine außergewöhnliche Komik entgehen. Eine Komik, die eigentlich nur spontan entsteht und nur von einer Person wahrgenommen wird. Klischees machen am meisten Spaß, wenn sie sich für kurze Zeit in Realität verwandeln. Aber fangen wir vorne an.

19:30
Mittwochabende sind nicht die Abende, an denen ich für gewöhnlich auszugehen pflege (ja gut, ich gebe es zu, so oft gehe ich gar nicht aus, aber das ist auch nicht so wichtig). Da sitze ich lieber zuhause und töte 20 Distelbären (am PC) oder mache sonst was. So war es auch neulich, als ein gewisser Arbeitskollege bei mir klopfte und mich ganz unschuldig fragte, ob ich mit ihm und "den Jungs" was essen gehen wollte.


Seine ungebetene Offerte kam natürlich zur Unzeit. Es war Mittwoch! Aber das Wort "Essen" ließ mich aufhorchen. Und irgendwo in mir schlummerte sogar der Wunsch nach Gesellschaft. Ich hatte am Tag vielleicht 200 Worte gesagt die Hälfte davon zu mir selbst. Auch wenn ich "die Jungs" nicht kannte. Können ein wenig Geplauder und ein warmes Essen so verkehrt sein? Die Stimme in meinem Kopf wollte ja sagen. Und ich sagte: Ja.

19:40
Wir treffen beim Mexikaner ein, einem großen, lärmigen Lokal, und die Jungs stellen sich als bekannte Gesichter von der Arbeit raus. Sie alle wissen nicht, dass ich schwul bin. Der Moment dazu wurde irgendwie verpasst und damit habe ich mich abgefunden. Man begrüßt sich mit Handschlag natürlich. Schon bei dieser Übung stoße ich an die Grenzen meiner sozialen und motorischen Fähigkeiten. So was mache ich nie. Aus irgendeinem Grund teile ich nur Umarmungen aus. So kommt es, dass ich unbeholfen die dargebotenen Hände nur streife, um mich dann mit einen verlegenen Blick nach dem Kellner aus der Affäre zu ziehen. Ein einvernehmliches Lachen bestätigt: Ja, der Depp des Abends ist gefunden.

Was trinkt man denn bei so einem Abend? Was für eine Frage! Bier natürlich. Die junge, blonde Kellnerin muss den Gerstensaft gleich tablettweise zu uns rüberbringen, während sie von den eindeutigen Blicken meiner Mitstreiter taxiert wird. Mittlerweile sitze ich eingekeilt auf einer Bank am Tisch und möchte schon am liebsten im Boden versinken. Dummerweise trinke ich nämlich kein Bier. Normalerweise. Das ist unter Heten fast schon anrüchig, da kann man auch gleich als weißweinglasschwenkender Baskenmützenträger auftreten. Aber meine verzweifelten Vorsätze, einen "netten Abend unter Arbeitskollegen" erleben zu wollen, lassen mich einlenken. Kalt und prickelnd fließt das erste Gebräu meine Kehle hinab. Prost-prost, meine Herren!

20:20
Das Eis ist gebrochen. Fünf Heranwachsende in der Blüte ihrer männlichen Ausdrucksstärke sitzen fröhlich schunkelnd beim Mexikaner. Die vergangenen 40 Minuten konnte ich mich an diesen leckeren Teigtaschen satt essen, deren Namen ich ständig vergesse. Jetzt sind alle mit Essen fertig und auch die herkömmlichen Themen über die Arbeit und die Frotzeleien über die abwesenden Kollegen erschöpfen sich zusehends. Nun wird es ernst, denn jetzt wird Whiskey bestellt! "Jim Beam", ein kerniger Name für ein kerniges Getränk für kernige Männer.

Während ich sorgenvoll an mein knappes Budget denke, erreichen die ersten jenen redseligen Status der Trunkenheit, der dazu verleitet, jeder Person, die nicht rechtzeitig fliehen kann, die persönliche Lebensphilosophie aufs Auge zu drücken. Das klingt dann in etwa so: "Weißu.... hicks im Leben muss man nur eines wischen ... nämlich, was..." knack - und ab da schaltet mein Gehirn dann gewöhnlich auf Durchzug. An diesem Abend muss ich nur einen dieser Vorträge erdulden. Zehn Minuten lang wird ununterbrochen in einem wilden, beherzten Appell auf mich eingequasselt, da erlöst mich ein klingelndes Handy.

21:40
Frauen! Was kann ich dazu schon sagen? Der Anruf einer heißen Affäre hat den Stein ins Rollen gebracht. Da es nun um Intimes geht, wird die Stimmung zusehends angespanner und nervöser und auch in mir macht sich ein ungutes Gefühl breit. Quasi reihum erzählt jeder von seiner Verflossenen, vor allem, um ihre körperlichen Vorzüge zu preisen. Gerade wird neben mir losgepoltert, welche Schönheit ihm das Herz geraubt hätte. Hektisch wird in der Jackentasche rumgewühlt und kurze Zeit später wird mir anklagend ein Handydisplay unter die Nase gehalten, auf dem mir ein pixeliges Frauengesicht entgegen grinst.

"Isse nicht schön? Wie findest du sie?" Das will man von mir wissen und ich kriege keinen Ton raus. Natürlich wieder eine Gelegenheit, um reinen Tisch zu machen, aber das erregte Glitzern in den Augen meines Gegenübers lässt mich verstummen. Was soll man da sagen? Etwas ratlos schaue ich auf das kleine Bildchen und suche fieberhaft nach einer nichtssagenden Banalität, die nicht allzu schwul klingt. Geile Lippen? Echt dicke Titten? Was für Augen!? Ich bin mir nicht sicher. Mehr als ein kümmerliches "Äääh, wow..." bring ich nicht zustande. Glücklicherweise gibt man sich damit zufrieden.

22:30
Entspannt lehne ich mich zurück und nippe an dem Whiskey. Das heikle Thema ist beendet und ich versuche mich mehr ins Geschehen einzumischen (Alkohol sei Dank). Ich habe nur mäßigen Erfolg. Das liegt daran, dass sich alle gegenseitig ins Wort fallen, da alle ekstatisch von ihrem Lieblingsfilm berichten wollen. Einige fangen regelrecht an zu schmollen, als ihnen mit Phrasen wie "Entschuldige, behalt deinen Gedanken, aber kennst du vielleicht..." das Wort entrissen wird. Wo soll man in einem solchen Chaos ansetzen? Ständig werde ich nach Titeln gefragt, die ich noch nie zuvor im Leben gehört habe.

Kurzerhand wird mir die Handlung erklärt und der Redeschwall beginnt von Neuem. Nach nur zwei Minuten wimmelt es in meinen Kopf voller verzweifelter Helden, die, da sie alles verloren haben, sich selbstmörderisch durch Gegnerhorden ballern und dabei einen coolen Spruch nach dem anderen raushauen. Jeder Spruch wird effektvoll und gestenreich von den Erzählern in Szene gesetzt. Häääääh? Ich versuche, mein gelangweiltes Stieren in ein ehrfurchtsvoles Staunen umzumünzen, aber nur mit bescheidenem Erfolg. "Jaaa, Gewalt ist schon toll", sinniere ich und handle mir prompt ein paar missverstandene und verletzte Blicke ein. Irgendwie habe ich mir das alles sehr anders vorgestellt.

23:30
Autos. Ich kapituliere. Schon seit Minuten werden begeisterte Beschreibungen irgendwelcher Seriennummern kreuz und quer durch den Raum geschrien. Bis auf die Anmerkung, dass ich gerne ein mal ein oranges Auto hätte, konnte ich nichts zur Debatte beitragen und wurde dann wohl für schlicht geisteskrank erklärt. Durch den Dschungel von Hubräumen, PS und Zylinder finde ich nicht mehr durch, was ist überhaupt das genau Thema?? Wumms! Da legt sich mir eine Hand über die Schulter und eine Stimmte beginnt zu lallen: "Maaan, Christoph, weissu, was fürn toller Typ du bischt?..."

23.45
Ich will weg und das schnell. Eine angepisste Kellnerin, die meine Zeche berechnet, und ein verabschiedendes Gegröle meiner Kollegen begleiten meinen Abgang.

Keine Ahnung ob ich lachen oder weinen soll. Mit schwulen Freunden wäre der Abend anders gelaufen, so viel ist sicher, aber es wäre wohl niemals so interessant gewesen. Ein Einblick in eine fremde Welt, was für eine Gelegenheit! Man könnte eine anthropologische Arbeit darüber verassen, aber dazu sitzt mir der Kulturschock einfach zu sehr in den Knochen. Ein Männerabend! Ein richtiger Männerabend!

So sehen Klischees also von der anderen Seite aus...

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Weitere Quellen: Bilder: fotolia.de