Eine Bar hält durch

Redaktion Von Redaktion
Eine Bar hält durch
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In der Bar Noar, Tel Avivs Treffpunkt für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Freunde wurde im Sommer zum Tatort eines Attentats. Zwei Jugendliche verloren ihr Leben und einige weitere wurden verletzt. Doch welche Geschichte steckt eigentlich hinter diesem Treffpunkt, wer zählt zu den Besuchern und wie fühlen sie sich heute? dbna hat mit Shaul Ganon, einen Streetworker und geistigen Vater der Bar, einen Blick hinter die Kulissen geworfen.

Sehr viele von euch erinnern sich sicherlich an den schlimmen Amoklauf in Tel Aviv, der im August letzten Jahres stattfand. An dem Ort, an dem man seit Jahren jungen Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender und auch all deren Freunden einen sicheren Platz bieten wollte, verloren zwei Jugendliche ihr Leben und einige weitere wurden verletzt.

Die Bar Noar  so heißt der Ort auf Hebräisch bekam so auf einem Mal traurige, weltweite Aufmerksamkeit. Doch welche Geschichte steckt eigentlich hinter diesem Treffpunkt, wer zählt zu den Besuchern und wie fühlen sie sich heute? dbna hat mit Shaul Ganon, einen Streetworker und geistigen Vater, einen Blick hinter die Kulissen geworfen.

The Aguda
Die Aguda (dt. "Organisation") ist die GLBT-Lobbyorganisation in Isreal

Die Aguda (dt. "Organisation") ist die GLBT-Lobbyorganisation in Isreal

Eine Flagge und ihre Geschichte

In einer idyllischen Seitenstraße der Sderot Rothschild, der zentralen Ausgehmeile der Mittelmeermetropole ist der Ort sehr verkehrsgünstig gelegen. Hinter den hellen, freundlichen Zimmern kann man den kleinen Garten des Gebäudes betreten. Hier ist an den Samstagabenden Hochbetrieb mit vielen jugendlichen Gästen die inzwischen wieder ausgelassen und fröhlich den neusten Tratsch austauschen, lachen oder auch flirten, bis Alle am späten Abend aus Rücksicht für die Anwohner in die Innenräume ausweichen.

An diesem Donnerstagnachmittag hat das Wochenende in dem jüdisch geprägten Land gerade erst begonnen, Bar und Garten sind ruhig und nur Flagge der Aguda am Gartenzäun fällt mir ins Auge.

Die Aguda (dt. "Organisation") ist die GLBT-Lobbyorganisation des Landes und wurde 1975 von zwei Israelis britischer Abstammung ins Leben gerufen. Damit ist die sie viel älter als ihre Pendants in den Vereinigten Staaten (die Human Rights Campaign, gegründet 1980) und in Deutschland (LSVD, seit 1990). Neben ihrem politischen Engagement setzte die Aguda von Anfang an auf vielfältige soziale Aktivitäten, um Homosexuellen in allen Bevölkerungsgruppen Israels, den jüdischen und  den arabischen, gerecht zu werden.

Das schließt Bewohner der palästinensischen Gebiete mit ein. Nach Meinungsverschiedenheiten spaltete sich der Jugendverband Israeli Gay Youth 2002 ab und erhält ein Netz von Jugendgruppen, hauptsächlich im Zentrum des Landes (dbna brichtete). Die Bar verblieb bei der Aguda.

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Tel Aviv

Tel Aviv

Junge Schwule und Lesben finden keinen Platz in der Stadt

So hoher Beliebtheit sich Tel Aviv heute als einzige schwulenfreundliche Stadt des Nahen Ostens rühmen kann, Mitte der 90er Jahre bot sie jungen Schwulen und Lesben kaum Möglichkeiten, eine sichere Umgebung und Freunde zu finden. Die Gay-Clubs der Stadt waren weder für Minderjährige zugänglich, noch ein geeigneter Platz für ungeoutete Jugendliche. Teilweise gepaart mit riesigen Problemen im Elternhaus bis hin zum Rauswurf trieb das viele von Ihnen nachts auf die Straßen von Tel Aviv.

Da es für sie dort keine koordinierte Aufsicht und keine vertrauensvollen Ansprechpartner, ließen schlimme Folgen nicht auf sich warten. Drogen, exzessiver Alkoholkunsum, Misshandlungen und Prostitution brachten nicht Wenige in aussichtslose Situationen. Shaul erinnert sich an 12 misshandelte junge Menschen während eines einzigen Monats Anfang der 90er Jahre. Zuvor noch mit einem Hilfsprojekt für homosexuelle Palästinenser beschäftigt, bekommt der Streetworker eine Idee...

dbna
Blick in die "Bar Noar"

Blick in die "Bar Noar"

Seit 2005 endlich ein Ort zum Wohlfühlen

Zuvor hatte sich die Situation in Israel durch die pädagogisch geführten Jugendgruppen von IGY bemerkenswert gebessert, das Projekt "Jugendbar" verfolgte aber das schlichte Konzept eines "Freiraumes" ohne vorgegebenen Tagesablauf, ein Platz zum "Chillen".

Nachdem sich weitere Verantwortliche der Aguda zur Unterstützung bereit erklärt hatten, wurden die Räumlichkeiten der Organisation jugendfreundlich umgestaltet, das benötigte Startkapital von mehreren Tausend Euro kam verzögert und nur durch großzügige Unterstützung der Beteiligten aus eigener Tasche zustande. Zum Eröffnungstag kamen nur acht Gäste, aber am darauffolgenden Samstag waren es schon um die 35.

Als Erfolgskonzept kann sich das Projekt seine Basisdemokratie ansehen: Über Einrichtung (Keyboard, Gitarre, Billard, Spiele) haben stets die jungen Gäste selbst entschieden. In dieser schönen Umgebung merken viele von ihnen erst, dass sie alles andere als "Freaks" sind.

Das Angebot wurde in Form von Parties ausgebaut, die junge Gays und Lesben aus ganz Israel anziehen. Nicht wenige von ihnen wohnen in den entlegenen Orten im Norden, oder der Wüste Negev, wo sie am Wochenende ohne Führerschein von solchen Events sonst ausgeschlossen sind. An diesen Abenden tummeln sich bis zu 300 Leute in den Räumen, und feiern zu den Beats des DJs bisweilen bis fünf Uhr morgens.

Trotz den politischen Fortschritten der letzten Jahre ist Homphobie weiterhin in der israelischen Gesellschaft verankert, auch auf den dortigen Schulhöfen ist "schwule Sau" eine der häufigsten Beleidigungen. Die Bar Noar gibt strikte Anweisungen, dass niemand on- oder offline geoutet wird. Ein ungewolltes Outing durch die eigene Ex-Freundin brachte einst eine junge Lesbe in schwere Bedrängnis. Wer also über Gäste ohne deren Einverständnis gegenüber Freunden oder auf Onlineplattformen wie Facebook berichtet, muss mit einem zunächst befristeten Hausverbot rechnen.

GettyImages/JONATHAN NACKSTRAND/AFP
Am 1. August 2009 tötete ein bis heute unbekannter Täter zwei Jugendliche mit einem Maschinengewehr.

Am 1. August 2009 tötete ein bis heute unbekannter Täter zwei Jugendliche mit einem Maschinengewehr.

Ein schwarzer Tag

Wie ein blutiger, roter Faden ziehen sich Anschläge durch die Geschichte Israels. Durch umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen wurden es in den letzten Jahren weniger. Israels GLBT Szene erlebte ihren schwarzen Tag am 1. August 2009, als ein bis heute unbekannter Täter in die Bar Noar eindrang und zwei Jugendliche mit einem Maschinengewehr tötete und weitere Gäste teils schwer verletzte. Das Team der Aguda zweifelt nicht an der Professionalität der Polizei, die trotz einer Sonderkommission auf der Suche nach dem Täter bis heute im Dunkeln tappt. Schon eine Woche später fand in Tel Aviv eine zentrale Gedenkveranstaltung mit zehntausenden Gästen statt, und Präsident Schimon Peres machte sich an diesem Abend ein eigenes Bild vom Ort des Anschlags. Auch in Deutschland wurde unter Anderem in Berlin den Opfern gedacht.

Als wäre es nicht schon schlimm genug die Todesopfer beklagen zu müssen, so benötigten auch die Verletzen und die weiteren Gäste Hilfe. Von den 15 (teilweise Schwer-) Verletzten sind derzeit zwei fest an ihre Rollstühle gefesselt, aber auch andere werden viele Jahre für ihre körperliche Genesung in Kauf nehmen müssen. 80-90 weitere Personen, die sich zum Zeitpunkt der Schießerei in der Bar befanden, bekommen weiterhin psychologische Hilfe. In einem Interview mit der israelischen Zeitung Ha'aretz zeigte sich ein 16-jähriges Opfer über die Tatsache verängstigt, das möglicherweise einige Leute so auf fürchterliche Weise vor ihren Eltern geoutet wurden.

Das ist natürlich alles eine riesige finanzielle die Gesamtkosten werden auf etwa 250.000 geschätzt und organisatorische Herausforderung. Und während staatliche Hilfen noch auf sich warten lassen, kann die Aguda nur auf rege Spenden hoffen.

dbna
Blick in die "Bar Noar"

Blick in die "Bar Noar"

Aber es geht weiter!

Nicht allein die jüdische Religion sieht 30 Tage Trauerzeit vor, auch Psychologen sahen eine Pause von etwa vier Wochen als angemessen an. Im September 2009 öffnete die Bar wieder die Türen für ihre Gäste, nicht wissend, ob sich nach dem tragischen Vorfall schon wieder Besucher blicken lassen. Dieser Zweifel war wohl unbegründet - an den folgenden Abenden war die Bar Noar teilweise doppelt so gut besucht wie vor dem Anschlag.

Die ältesten Leiter des jeweiligen Abends sind nun zur Sicherheit mit Handfeuerwaffen ausgestattet, sie stellen auch einen Wachmann, der die Stammgäste stets freundlich mit einem "Shalom!" und dem obligatorischen "Ma nishma?" (dt. "Wie geht's?") begrüßt.

Aber auch draußen waren Veränderungen zu spüren. Agudas telefonische Beratungshotline stellte eine Verdopplung der Anrufe fest und ebenso die Jugendgruppen der Organisation IGY sahen ebenfalls plötzlich viele neue Besucher bei ihren Treffen.

Das fürchterliche Verbrechen scheint nun auf pikante Art eine gewaltige Aufmerksamkeit auf die Einrichtung gelenkt haben. Aus den Medien informiert, trauten sich jetzt noch viel mehr Jugendliche hierher. Aufgeschreckt über diesen unerwarteten Grad an Homophobie, bekam der Ort auf einmal eine Welle von Solidarität aus weiten Kreisen der israelischen Gesellschaft.

So mancher Bewohner, der sich noch nie mit den Belangen von Homo-, Bisexuellen oder Transgender auseinandergesetzt hatte, nimmt sich vielleicht heute zumindest vor pauschalen Urteilen zurück. Tel Avivs Gay Pride, der in diesem Frühling stattfindet, wird eine ganz neue politische Attitüde bekommen.

Bis zu diesem Tag wird die Bar Noar wieder jeden Samstag geöffnet sein. Und wenn in der Stadt nach Sonnenuntergang die Sabbatruhe zuende geht und alles wieder zu Leben erwacht, steht der Ort wieder allen Besuchern offen. Egal welcher Sexualität, egal ob sie jüdisch, arabisch oder ausländisch sind, egal ob sie im Rollstuhl sitzen. Der Ort ist zu neuem Leben erwacht.

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