Eis und Schnee

Redaktion Von Redaktion

Obwohl der Winder nicht weichen will, zieht es Christoph mal wieder aufdie Autobahn nach Norden zu seinem Freund und seiner Familie. EinZwischenstopp auf einer Raststätte lässt ihn über vieles sinnieren.

Lieber Matthias!

Die Tropfen von schmelzendem Eis und Schnee sausen an meinem Fenstervorbei, während ich hier am Schreibtisch sitze und dir ein paar Zeilenschreibe. Langsam reicht es mir mit dem blöden Winter. Besonders fürdie Autofahrer unter uns ist die kalte Jahreszeit mit schlechter Sichtund Glättegefahr ein Graus.

Letzte Woche stand wieder einmal die Fahrt gen frühere Heimat an, ummeine Eltern, meinen Hund und meinen Freund nach fünf Wochen wieder zusehen. Und siehe da, Petrus war mir freundlich gesinnt und ließ esnicht schneien und nicht frieren. Ich setze mich also in mein Auto,lege eine CD ein, stelle die Heizung auf eine erträgliche Temperaturund brause so durch die bayrischen Gefilde.
Etwa zwei Stunden nach Fahrtantritt ist es dann so weit. Ich muss mal.Tanken. Also halte ich an der nächstbesten Raststätte, hake denZapfhahn in den Benzinschlund meines Autos und warte. Was essen könnteauch nicht schaden, denke ich mir. Klack sagt es, der Tank ist voll.Ich gönne mir noch einen Donut und eine Frikadellensemmel.
Da stutze ich das erste Mal. Ich weiß, wir hatten uns schon einmal überdie Auswüchse der bayrischen Sprache unterhalten und, ja, ich weißauch, dass man in Bayern eben keine Brötchen bestellt, sondern Semmeln.Aber was bin ich doch ein braver Staatsbürger ich habe mir auchsagen lassen, dass man in Bayern nicht von Frikadellen spricht, sondernvon Fleischpflanzerln (das Wort ist mir irgendwie unsympathisch,außerdem kennt die Rechtschreibprüfung meinesTextverarbeitungsprogramms es auch nicht).

 Wie inkonsequent also ist es eigentlich, sein Backwerk mit Fleisch zubelegen und es dann Frikadellensemmel zu nennen? Noch schlimmer wäre jaFleischpflanzerlbrötchen. Egal. Ich esse es trotzdem, der Hungertreibts rein. An den Tomatenscheiben haben sich einige Eiskristallegebildet. Und natürlich fällt schon beim ersten Biss die Hälfte desGemüsegartens zwischen den Semmelhälften hinaus und in meinen Schritt.

Wo wir gerade dabei sind, ich könnte der Toilette noch einen Besuchabstatten. Ich wische mir also etwas Remoulade aus den Mundwinkeln undgehe dann schnurstracks in Richtung WC. Da sitzt ein ausländischaussehender Mann in einem weißen Kittel, eine Untertasse auf demTischchen neben sich. Jetzt folgt dieser unendlich scheinendeAugenblick, in dem man sich umsieht und nach der richtigen Toiletteforscht. Irgendwo muss doch hier ein "H" sein. Oder "Herren". Oder ach da, eine Art schwarzes Ampelmännchen. Da bin ich richtig.
Ich lasse die Waschbecken hinter mir und betrete den Toilettenraum mitseinem ganz eigenen Geruch. Rechts die Pissoirs, links die Kabinen. EinMann um die 50 steht rechts vor der Wand, schaut mich kurz an, als ichreinkomme.
Ich habe man nennt das echt so eine schüchterne Blase. Ich kannnicht, wenn andere dabei sind. Ist ein recht verbreitetes Phänomen.Also bin ich - schwupps - in einer der Kabinen verschwunden. Um demReinigungsfachmann so wenig Arbeit wie möglich zu machen, setze ichmich sogar hin. Als Schwuler darf man das ohne uncool zu wirken. Vonirgendwo neben mir höre ich ein Geräusch, das meine Aufmerksamkeit aufsich zieht. Da hat wohl jemand Verdauungsprobleme. Na, Mahlzeit.
Und während ich da so sitze und mache, was man halt auf der Toilette somacht, fällt mein Blick auf die Kabinentür. Toilettensprüche? Abernein. Keine Telefonnummern, keine Zeichnungen, keine sexistischen Gags.Die Werbeindustrie hat wieder zugeschlagen. Hier ist man der Reklamebeinahe wehrlos ausgeliefert, wo soll man schon groß anders hinschauenals geradeaus?

Das Plakat, das hinter einer abwaschbaren Plastikscheibe angebrachtist, preist vier verschiedene Kaminöfen an. Modell Florenz, ModellGöteborg, Modell Paris und man höre und staune! Modell Gera. Einekurze Google-Recherche klärt mich auf: Gera ist eine "liebenswerte undgastfreundliche Metropole Ostthüringens". Aber muss man deshalb gleicheinen Ofen nach ihr benennen?
Über die Werbewirksamkeit von Kaminen auf einer öffentlichen Toilettean einer Raststätte mag ich mich jetzt nicht auslassen, der Text ist ehschon lang genug. Und du hast ja noch anderes zu tun als meine Briefezu lesen.

Ich bin fertig. Hose hoch. Ich werfe dem freundlichen Mann draußen 45klingende Cent auf seine Untertasse, verabschiede mich und nehme imRausgehen noch einen Katalog mit, in dem die Kaminöfen detaillierterbeschrieben sind. Beim nächsten Mal lasse ich Frikadelle Frikadellesein und spare das Geld lieber für den Ofen "Gera", der sich sicherganz toll in meiner 16 Quadratmeter großen Bude macht.

Davor machen wir es uns dann bald mal bequem, nicht wahr? Ich freue mich darauf.

Und spülen.


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