Erdbeersaft

Redaktion Von Redaktion

Christoph sitzt in einem Augsburger Cafè und trinkt Erdbeersaft.Eigentlich war alles anders geplant. Würde man in Augsburg momentannicht an allen Ecken streiken, dann würde er jetzt Cappuccino mitSojamilch trinken und Bagles essen.

Hallo Matthias.

"Wir werden bestreikt" so die Laufschrift vor kurzem an denAugsburger Bushaltestellen. Nichts geht mehr, rien ne va plus. Es fährtkein Bus, es fährt keine Straßenbahn. Irgendwie gespenstisch.

Und dabei bin ich doch in der Stadt mit Alex verabredet. Aber derStreik kommt natürlich nicht aus heiterem Himmel.Tarifverschlechterungen bis zu 30 Prozent, das lässt ver.di nicht mitsich machen. Da bleibt der Augsburger ÖPNV eben mal 24 Stunden außerBetrieb.
Oh, ich merke gerade, dass ich das von dir behandelte Thema im letztenBrief ganz außer Acht gelassen habe. Das geht natürlich nicht.

Wohnungssuche, oh ja, auch für mich ein leidiges Thema. Vor fast genau3 Jahren habe ich das heimische "Kinderzimmer" verlassen und musste mireine neue Bleibe in Augsburg suchen. So manche Wohnung habe ich dabesichtigt. Und auf so manche Liste habe ich mich setzen lassen. "Wirrufen Sie an." Großartig. Und dann wohnte ich 12 Monate lang zurUntermiete bei Herrn Fischer. In der Zeit habe ich mehr aus Neugier einige WGs angeschaut. Ganz edle mit toller Küche, ganz siffige mitdreckiger Küche, das komplette Spektrum eben. Und jetzt beheimatet michseit 2 Jahren das neu gebaute Studierendenwohnheim (so umgehe ich denAusdruck StudentInnen-Wohnheim) und ja, ich fühle mich doch ganz wohlhier. Gut, eine Garderobe habe ich nicht. Und keinen Backofen. Aber mankann nicht alles haben. Wenigstens habe ich meine Ruhe.

A propos Ruhe. Der öffentliche Personennahverkehr der Stadt Augsburgruhte also und damit wären wir wieder bei unserem eigentlichen Thema.Ich mache mich also per pedes auf zum Treffpunkt, wo ich mit AlexBagles essen und Cappuccino mit Sojamilch trinken will. Es regnetnicht. Was gut ist. [Microsoft Word erkennt das Wort Bagles nicht undwill, dass wir stattdessen Beagles essen. Ich werde Greenpeaceinformieren.]

Je mehr ich mich der Innenstadt nähere, desto größer wird dasVerkehrsaufkommen. Jeder und jede, der/die sonst brav mit Bus &Tram fährt, um Besorgungen in der Stadt zu machen oder denFriseurtermin wahrzunehmen, hat sich heute hinter das eigene Lenkradgeklemmt. Ein Auto reiht sich an das nächste. Die Parkplatzsuche wirdzu einer Geduldsprobe. Aber nicht für mich. Ich setze fröhlich einenFuß vor den anderen, marschiere vorbei an leeren Haltestellen, anhupenden Autos, an "Streik!"-Warnschildern.  Hier und da bekommeich ein paar Wortfetzen von Passanten mit, die sich über diestreikenden Arbeitnehmer aufregen. Ja, schlägt denn deren Herz nichtlinks? Haben die kein Verständnis für Gewerkschaften?

Ich überquere die Ampel, um mich herum immer mehr Autos. Und immerwieder ertappe ich mich dabei, wie ich mich umschaue, wenn ichStraßenbahnschienen übertrete. Dabei kommt heute keine Tram, ganzsicher nicht, Christoph!

Als ich endlich nach einem guten Fußmarsch am Café ankomme (es handeltsich um ein ganz merkwürdiges Café: hier hängen Bilder von einemdalailamaähnlichen Mann an den Wänden, man hört statt Musik nur eineArt Klangteppich, es stehen Bilder mit Farbklecksen in den Regalen und irgendwie sind alle so fröhlich-freundlich-entspannt), muss ich zumeiner Bestürzung feststellen, dass es wie mir der selbstgeschriebene Zettel an der Glastür verrät "ein kleines Päuslein"macht und erst kommende Woche wieder für uns da ist. Toll, jetztstreiken sogar schon die Kaffeemaschinenbedienerinnen. Alex und ichsuchen uns also ein anderes Café. Hier gibt es keine Sojamilch. Alsotrinke ich einen Erdbeersaft, der viel zu kalt ist.

Auf dein Wohl!

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