Erster schwuler Aktivist

Redaktion Von Redaktion

"Homosexualität ist keine Krankheit." Ein heute selbstver-ständlicher Satz brachte Magnus Hirschfeld vor 90 Jahren Anfeindungen, Spott und einen Mordanschlag ein. Der Sexual-wissenschaftler war der erste bedeutende Schwulenaktivist.

"Homosexualität ist keine Krankheit" ein heute selbstverständlicher Satz brachte Magnus Hirschfeld vor 90 Jahren Anfeindungen, Spott und einen Mordanschlag ein. Der Sexualwissenschaftler war der erste bedeutende Schwulenaktivist.

Gefängnis für eine Spielart der Natur

1897, zu einer Zeit, in der Deutschland noch einen Kaiser hatte und auf schwulen Sex bis zu fünf Jahre Gefängnis standen, gründete der Arzt Hirschfeld in Berlin das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee. Hinter dem sperrigen Namen verbarg sich die erste Schwulenorganisation der Welt. Ziel war die Abschaffung des Paragrafen 175 des Reichsstrafgesetzbuches, der sich gegen "die widernatürliche Unzucht, [] zwischen Personen männlichen Geschlechts" richtete.

Magnus Hirschfeld und seine Mitstreiter versuchten wissenschaftlich zu beweisen, dass Homosexualität angeboren sei und deshalb nicht bestraft werden dürfe. Sie verfassten eine Petition an den Reichstag, die vom SPD-Vorsitzenden August Bebel unterstützt wurde. Trotz vieler Unterschriften von bekannten Persönlichkeiten scheiterte der Antrag immer wieder.

Schwule galten damals als Fälle für den Irrenarzt, als Perverse oder Sittenstrolche, manch einer sah in der femininen Ader, die allen Schwulen angedichtet wurde, eine Gefahr für den Staat. Schwule würden die Armee schwächen oder - wie der Journalist Maximilian Harden 1906 behauptete - sogar an der verfehlten Außenpolitik des Deutschen Reichs schuld sein.

Er outete einen engen kaiserlichen Berater, Philipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld, als schwul. Das zog eine Reihe von Prozessen nach sich, in denen Magnus Hirschfeld als Gutachter auftrat. Er attestierte dem Berliner Stadtkommandanten Kuno von Moltke "unbewusste Homosexualität". Als der Staatsanwalt drohte, Hirschfelds Privatleben zu durchleuchten, zog er die Diagnose zurück. Er musste fürchten, sein eigenes Schwulsein käme zur Sprache.

Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit

Manch schwuler Zeitgenosse hätte lieber alle homosexuellen Promis der Kaiserzeit geoutet, um für die gesellschaftliche Akzeptanz zu kämpfen. Aber Hirschfeld folgte seinem Leitsatz "Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit". Er versprach sich mehr davon, geduldig auseinanderzusetzen, dass Homosexualität keine Krankheit ist, sondern eine häufig vorkommende Spielart der Natur. Er erklärte, dass schwule Patienten, die er als Arzt behandelte, nicht wegen ihres Schwulseins krank seien. Krank wurden sie wegen der ungesunden Unterdrückung und Verheimlichung ihres Geschlechtstriebes.

Auf dem Gebiet der Sexualforschung leisteten Hirschfeld und das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee Pionierarbeit. Für Hirschfeld gehörten Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender zu einem dritten Geschlecht neben Mann und Frau: den sexuellen Zwischenstufen. In einem eigenen "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" untersuchten Wissenschaftler verschiedener Fachgebiete medizinische, gesellschaftliche und historische Fragen nicht-heterosexuellen Lebens.

Durch Befragungen von Studenten und Metallarbeitern stellte Hirschfeld einen Schwulenanteil von 1,5 Prozent der Bevölkerung fest. 1910 führte er den Begriff "Transvestit" für Menschen ein, die Kleidung des anderen Geschlechts tragen. 1919 eröffnete er das Institut für Sexualforschung in Berlin.

Trotz dieser Anstrengungen konnte Hirschfeld den Zeitgeist am Anfang des letzten Jahrhunderts nur bedingt verändern. Immer wieder erhielt er Zuspruch und Unterstützung auch heterosexueller Persönlichkeiten. Aber die Mehrheit lachte nur über das sonderbare Anliegen des Doktor Hirschfeld, so wie Otto Reutter im "Hirschfeldlied" von 1908: "Er wittert überall Skandal. Er hält fast keinen für normal."

Der undeutsche Schund

Doch es blieb nicht beim Spott: Im Oktober 1920 wird Magnus Hirschfeld von Nazis in München auf offener Straße bewusstlos geschlagen. Er überlebt den Anschlag schwer verletzt. Obwohl das Kaiserreich mit dem Ende des 1. Weltkriegs 1918 überwunden war, haben sich die politischen Verhältnisse nicht zu Gunsten der Schwulenbewegung verändert.

Die SPD, die die Abschaffung des Paragrafen 175 unterstützte, hatte keine Mehrheit im Reichstag. Von Seiten der konservativen Kräfte wurde sogar ein Versuch unternommen, den Paragrafen noch zu verschärfen. Die Nazibewegung formierte sich und störte immer wieder Hirschfelds Vorträge.

1930 brach Magnus Hirschfeld zu einer Vortragsreise in die USA auf, die sich zu einer Weltreise entwickelte. Am 2. April 1932 kam er in Wien an. In Deutschland war es inzwischen zu gefährlich geworden. Zu bekannt war Hirschfeld und zu präsent war die Nazibewegung, die den Kämpfer für schwule Rechte am liebsten tot sähe.

Er kehrte nicht mehr nach Deutschland zurück und ließ sich zuerst in der Schweiz, später in Paris nieder. Das Institut für Sexualforschung in Berlin wurde am 6. Mai 1933 nach der Machtergreifung der Nazis geschlossen. In einer "Aktion zur Bekämpfung des undeutschen Schund und Schmutzes" plünderten Studenten das Institut. Bücher und eine Hirschfeld-Büste wurden bei der Bücherverbrennung am 10. Mai auf dem Berliner Opernplatz vernichtet.

Magnus Hirschfeld starb an seinem 67. Geburtstag am 14. Mai 1935 im südfranzösischen Nizza, wie sein Mitarbeiter Kurt Hiller beschreibt: "Er starb als Geächteter, arm, in der Fremde. Aber er starb schön; einen leichten, fast heiteren Tod. Morgens nahm er noch fröhlich Geburtstagsglückwünsche entgegen, dann ging er spazieren, wollte einen erkrankten Kollegen besuchen; im Vorgarten des Hauses sank er bewusstlos zusammen, um nicht wiederaufzuwachen."

Mit seinem Tod geriet Hirschfelds Arbeit schnell in Vergessenheit. Die Nazi-Herrschaft tilgte fast jede Erinnerung an den schwulen Aktivisten. Auf wissenschaftlicher Ebene hatte der Fortschritt Hirschfelds Erkenntnisse überholt. Erst die Schwulenbewegung der 70er Jahre entdeckte in Magnus Hirschfeld einen ihrer Vorkämpfer, der schon 50 Jahre vorher so banale Wahrheiten aussprach wie: "Homosexualität ist keine Krankheit."

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Weitere Quellen: wikipedia