Ex Gay – Die Heilung der Gesunden

Redaktion Von Redaktion

Ex-Gay. Der Name hat etwas: einfach, einprägsam und auch als Schlagwort geeignet. Hoffnung verheißend suggeriert er verzweifelten Schwulen, die mit sich selbst nicht klar kommen, das, was sie hören wollen.

Ex-Gay. Der Name hat etwas: schön einfach, einprägsam und auch als Schlagwort sehr geeignet. Hoffnung verheißend suggeriert er vielen verzweifelten (ungeouteten) Schwulen, die mit sich selbst und ihrer Sexualität nicht klar kommen, genau das, was sie hören wollen. "Es gibt Hilfe!", "Es gibt Hoffnung!", "Du bist krank und kannst geheilt werden!" all dies wird von den Mitgliedern der Ex-Gay-Bewegung versprochen. Wenn der Mensch zum Mond fliegen kann, dann kann er wohl auch einen pervertierten Geschlechtstrieb umkehren, oder nicht? Es klingt so leicht, wenn man den Vorträgen dieser Menschen nur lange genug zuhört. Die Menschen, die wöchentlich die Seminare besuchen, die richtige Lektüre lesen und vor allem immer wieder gegen die eigenen abnormen Gefühle vorgehen. So nämlich lautet das Patentrezept zur Heterosexualität, das seit einiger Zeit  auch in Deutschland von dem Verein "Wüstenstrom" verordnet wird. In einer Gesellschaft, in der Homosexualität noch in vielen Bereichen ein Tabuthema ist und viele verdeckt und einsam lebende Schwule nicht wissen, wohin sie mit ihren vermeintlich perversen Gefühlen sollen, haben diese Leute leichtes Spiel. Denn wer in dieser Lage würde nicht ein sorgenfreies, heterosexuelles Leben mit Frau und Kindern seinem schattenhaften Randgruppendasein vorziehen?

Der Ursprung dieser Idee stammt allerdings aus den USA. Schon in den Sechzigern glaubten einige Wissenschaftler, mit Elektroschocks und Psychopharmaka müsste so etwas wie Homosexualität doch heilbar sein. Denn unter den Gesichtspunkten der damaligen Auslegung der Bibel war alles Nichtheterosexuelle nicht normal und eine krankhafte Abweichung. Geistig verkrüppelte Opfer dieser Methoden, die zu keinerlei Geschlechtstrieb mehr fähig waren und sich nicht selten aus Verzweiflung umbrachten, zwangen die Verantwortlichen, diese Methoden aufzugeben. Und eine Zeit lang schien sich das Bild von Homosexualität auch in den USA zu rehabilitieren. Schwul zu sein galt nach und nach nicht mehr als krankhaft, die WHO strich Homosexualität von der Liste der bekannten Geisteskrankheiten und einige Staaten erlaubten sogar gesetzliche Partnerschaften von Homosexuellen. Doch unter Präsident George W. Bush erfuhr diese Entwicklung eine Kehrtwende. Bush förderte den Einfluss christlicher Fundamentalisten, die Homosexualität immer noch als Krankheit betrachten und von einer Möglichkeit der Heilung ausgehen. Mit pseudowissenschaftlichen Studien, die von der internationalen Fachwelt schon bald einhellig als Humbug entlarvt worden waren, versuchte man die Öffentlichkeit zu überzeugen, dass Homosexualität nichts mit den Genen zu tun habe und sich lediglich im Kopf abspiele und somit therapierbar sei.

Die Mittel, mit denen die Heilung erzielt werden sollen, sind je nach Radikalität der Organisation unterschiedlich. Von Seminaren über Selbsthilfegruppen und Therapiesitzungen bis hin zu Beten und Bibellesen scheint alles dabei zu sein. Das Ziel ist es, dass Schwule ihre Sexualität als etwas Krankhaftes ansehen und sich mit allen Mitteln auf das weibliche Geschlecht fixieren. Jegliche homoerotischen Gedanken sollen dabei ausgemerzt werden. 

Schwul zu sein bedeute "krankhaft einen Mangel an Männlichkeit ausgleichen zu wollen. "So und so ähnlich ist es immer wieder von solchen Organisationen zu hören, die seriöse wissenschaftliche Erkenntnisse einfach ignorieren, auf die Bibel pochen und vermeintliche "Erfolge" präsentieren. Und die von den Organisationen veröffentlichten Zahlen sehen in der Tat gut aus: "Jeder dritte Schwule sei heilbar", heißt es. Stolz werden strahlende "Ex-Schwule" präsentiert, die nun glücklich mit Ehefrau und Kindern ein gutbürgerliches Leben führen. Viele von ihnen finden sich in den Vorständen der Vereine wieder und pikanterweise auch immer wieder in diversen schwulen Lokalitäten, wo sie allerdings "nur auf Toilette" wollen.

Ja, es wird viel verschwiegen. Traurig sieht nämlich die Bilanz der überzeugten Christen aus, wenn man über die geschönten Zahlen hinwegsieht, denn die Rückfallquote ihrer Patienten ist groß. Selbst nach Jahren krampfhaft geführten heterosexuellen Lebens wachen immer wieder einige Männer auf und stellen resigniert fest, dass sie eine Lüge leben. Wenn man mit sich selbst nicht im Reinen ist, kann die Verzweiflung einen zu vielen Dingen treiben. Unter anderem auch in den Freitod, denn viele der Probanden schaffen es gar nicht erst in den Ehestand und bleiben auf der Strecke, wo sie dann mit dem eingeimpften Selbsthass im Kopf und schweren psychischen Störungen sitzengelassen werden. Selbstmord oder lebenslange Therapien, in der sie mühsam erneut lernen müssen, sich selbst und ihre Sexualität anzunehmen, sind die Folgen. Unbeeindruckt dessen schreiten die Ex-Gayler weiter mit religiösem Eifer voran und verteilen in den schwulen Lokalitäten ihren Flyer und Prospekte.

Und auch in Deutschland sind diese Gedanken vertreten durch Wüstenstrom mit Sitz in Baden-Württemberg angekommen. Da die amerikanischen radikalen Ansätze hier eher wenig auf Gegenliebe stoßen, versucht man es mit sanfteren Tönen. Worte wie "Heilung" und "Krankheit" werden vermieden und überhaupt wird man eh nicht so gerne mit den amerikanischen Ex-Gaylern verglichen. Aber letzten Endes ist man auch hier von den exakt gleichen Thesen überzeugt. Allen voran der einen, dass man Homosexualität irgendwie umkehren, heilen kann. Und auf Wissenschaft und moderne Erkenntnisse gibt man auch hier nicht viel. Die Auswirkungen der Wüstenstromarbeit sind schon spürbar, denn auch hier häufen sich bei diversen schwulen Vereinen die Hilferufe von Schwulen, die sich mit den vermeintlichen Hilfeleistenden eingelassen haben und nun nicht mehr weiterwissen. Selbst die Kirchen wachen langsam auf und beginnen, über ihre Partnerschaften mit dem besagten Verein nachzudenken.
 
Noch schläft die Politik und lässt die Leute unter den Deckmantel der freien Meinungsäußerung gewähren. Doch auch hier wird immer offensichtlicher, dass es sich um eine zutiefst fehlgeleitete Organisation handelt, die keine "Geheilten" sondern Opfer produziert.

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Weitere Quellen: Bilder: photocase.com