Experiment: Ein Zivi in der Kulturwüste

Redaktion Von Redaktion

Was passiert, wenn man einen schwulen Abiturienten (19, aus der Nähe von Hamburg) mitten in das platteste und einsamste niedersächsische Tiefland verfrachtet - ohne Internet oder Fernseher -, damit er dort fern von Heim und Herd seinen Zivildienst ableistet? Lest selbst....

Montag, 3. Juli 2006, 1. Tag meiner Verbannung, 12 Uhr

Etwas nördlich von Osnabrück liegt er: der Dümmer-See. Um ihn herum sind verschiedene Niedermoore angeordnet, die vollgestopft sind mit seltenen Vögeln. Mitten drin steht ein altes, großes Bauernhaus, welches die Naturschutzstation und die Dienstwohnung beherbergt, die in den nächsten neun Monaten mein Zuhause sein wird. Bis zum nächsten Supermarkt ist es nur eine dreiviertel Stunde zu Fuß wie schlimm kann das schon sein?
In mitten von Wiesen und Feldern stehe ich also mit Sack und Pack vor dem Haus. Rein äußerlich sehr idyllisch mit einem verwilderten Blumengarten. Man sehe sich nur die Türschwelle an: Ich habe noch nie so viel Vogelscheiße auf einem Haufen gesehen, bemerkenswert. Unter dem Reetdach kann ich die Übeltäter erkennen: Ich habe auch noch nie so viele Schwalbennester gesehen. Meine linke Augenbraue rückt ein Stück nach oben - ich merke schon, meine neun Monate Frondienst, wie ich ihn liebevoll nenne, könnten recht interessant werden.
Ich trete ein und stelle mich dem Leiter der Station vor. Stolz kriege ich gleich einen Rundgang verpasst, der in meiner Dienstwohnung endet: ein kleines Zimmer, große Küche, großes Bad mit Riesendusche. Die Verhältnisse irritieren mich ein wenig, aber noch schaffe ich es, meine Ironiezunge hinter meinen Zähnen zu behalten. Das erste Fettnäpfchen, in das ich trete, soll sich ja schließlich auch lohnen.

Nachdem wir fertig sind, entscheide ich mich frohen Mutes dazu, einkaufen zu gehen zu Fuß, denn mein Dienstfahrrad, welches ich freundlicherweise gestellt bekomme, hat leider noch kein Schloss. Ach egal, denke ich mir, diese fünf Kilometer schafft man sicher gut zu Fuß.  Es ist fünf Uhr: Rucksack, Karte - und los gehts.
Nach der ersten Viertelstunde ich laufe gerade an einem endlos scheinenden Weizen-oder-was-auch-immer-Feld lang, kommen mir erste Bedenken. Ein Blick auf die Karte verrät mir, dass ich erst einen Bruchteil des Weges geschafft habe. Leichte Verzweiflung macht sich in mir breit. Ich beschließe, einen Zahn zuzulegen. Die Sonne knallt mir in den Nacken, ich komme ins Schwitzen und merke, dass ich meinen Nacken nicht eingecremt habe... ach ja, ich liebe meine roten Haare.
Eine halbe Stunde und zwei Verlaufer später (Null Orientierungssinn) erreiche ich endlich eine Hauptstraße - irgendwo dahinter muss ein Ort liegen! Freudentränen. Naja, fast. Eine viertel Stunde lang tapere ich durch den Ort, aber ein Supermarkt ist noch immer nicht in Sicht. WAS HAT MAN MIR ANGETAN??? Der erste Laden, den ich finde, hat schon zu, es ist ja immerhin auch schon sechs, da sind die meisten hier wohl schon im Bett. Endlich erreiche ich einen Schlecker, in dem eine gelangweilte Verkäuferin mich feindselig anstarrt - sie wollte die Filiale wohl gerade schließen. Ha, Pech gehabt! Müde grabsche ich mir aus den Regalen, was ich brauche. Leider passt nur die Hälfte davon in meinen Rucksack. Meine Hände tragen gerne den Rest. Es ist ja auch nur eine dreiviertel Stunde zurück.

Dienstag, 4. Juli 2006, 2. Tag meiner Verbannung, 19 Uhr

Meine erste Nacht und mein erster Arbeitstag liegen hinter mir. Erstere war überraschend ruhig. Mein Fernseher funktioniert natürlich nicht. Keine Ahnung warum. Und nach Internet muss man hier auch gar nicht erst suchen, da verbringt man doch lieber den Rest des Abends mit Lesen, immerhin ist die Wohnung schön kühl. Ein Schloss für das Fahrrad habe ich immer noch nicht, aber man hat sich fest vorgenommen zu suchen! Ich fühle mich ein wenig an meine Behausung gefesselt.

Aber mein Arbeitstag als Zivi, der muss doch wohl spannend werden! Sicherlich verarzte ich gleich am ersten Tag ein süßes kleines Storchenbaby oder ich rette den Dümmer vor einer gefährlichen Umweltsünder-Bande!
Naja, was soll ich sagen? Es kommt nicht ganz so: Ich habe erst mal Telefondienst. Etwas lustlos sitze ich also in meinem Büro - Computerzugang habe ich leider auch hier noch nicht, aber man will an ein neues Passwort denken - und starre das Telefon an. Vor mir ein weißer Zettel, auf den ich die eingehenden Anrufe schreibe. Mein Arbeitstag dauert acht Stunden mit einer halben Stunde Pause. Nebenan läuft eine Besprechung, die den ganzen Tag dauern soll.
Nach drei Stunden verliere ich ein wenig die Lust, ich habe leider auch nichts mehr zu lesen und das Kreuzworträtsel in der Zivi-Zeitung ist auch schon gemacht. Während nebenan die Stimmen höher schlagen, habe ich immerhin schon vier Anrufe aufgeschrieben sowie ein Fax ankommen sehen. Naja, immerhin muss ich keinen alten Leuten die Hintern abputzen, aber irgendwie habe ich mir den Naturschutz doch etwas anders vorgestellt. Aber es ist ja auch erst der erste Tag, 274 bleiben noch.
Den Rest der der Zeit schreibe ich ein kleines Gedicht über den Zivildienst:

Wehrpflicht und Zivildienst, von Christoph Berger (Auszug)

Es war einst ein stolzer König
Der hielt es allemal für nötig
Seinen treudummen jungen Untertanen
Neun Monate Frondienst aufzuladen

Für die Leut war das eine Qual
Doch immerhin hatten sie die Wahl
Entweder lernen Mordmaschinen zu verschieben
Oder dem Staat auf andere Art zu dienen

Und da Mord damals noch was Böses war
Da dachten die Leute: Wunderbar
Natürlich wähle ich das Zweite
Aber irgendwie war das ne Pleite

Denn viele vakante Stellen gab es nicht zu nutzen
Und so mussten die meisten Männer Popos putzen
Das genierte diese häufig sehr
Dachten: Besser doch das Militär?

Ich war also etwas frustriert, wie mein unschönes Gedicht belegt. Aber dann fand ich am Abend doch noch Hoffnung in mir. Meine Zeit am Dümmer sollte schließlich eine schöne Zeit werden. Und vielleicht würde ich ja sogar bald ein Fahrradschloss bekommen?

dbna.newsletter
Bleibe immer up-to-date.
Abonniere unseren wöchentlichen Newsletter!