Experiment: gescheitert!

Patrick Fina Von Patrick Fina

Es gibt Leute, die sind ganz stolz darauf, in einer WG zu leben. Patrick kann sie nicht verstehen. Er hat irgendwie elf Monate WG-Leben überlebt. Jetzt muss er nur noch sein eigenes Geschirr spülen. Gott sei Dank!

Lieber Christoph,

ich sitze gerade in meiner neuen Wohnung an meinem neuen Schreibtisch und schreibe dir auf meinem nicht ganz neuen Notebook diesen Text, während ich auf meinem sehr bequemen, neuen Bürostuhl sitze. Irgendwie ist gerade ziemlich viel neu in meinem Leben. Kennst du  das? Wenn man etwas Neues bekommt, ist das immer erstmal eine ganze Weile lang ziemlich cool. Toll, eine neue Küche. Mit neuem Besteck in den Schubladen. Ganz egal, dass man jetzt pleite ist, wegen dieser neuen Küche. Sie ist cool. Neu eben.

Irgendwie wurde es auch dringend Zeit, dass mal alles neu wird. Du 
hast mich ja nie in meiner alten Wohnung in Köln besucht. Hättest du 
es getan, würdest du dir vermutlich vor vehementem Zustimmungsnicken gerade das Genick brechen. In der alten Wohnung war alles etwas seltsam, vor allem mein Mitbewohner. Nennen wir ihn Sebastian, weil es etwas zu ehrlich wäre, ihn Hans-Gerd zu nennen. Sebastian studiert Philosophie, Anglistik und irgendwas. Er weiß vermutlich selbst nicht genau, was er eigentlich noch studiert, denn Sebastian ist wie gesagt etwas komisch.

Hast du schon einmal einen Menschen kennen gelernt, der den ganzen 
Tag lang schläft und dann die komplette Nacht bekifft vor seinem 
Computer sitzt? Sebastian ist so jemand. Wenn ich aus der Universität 
nach Hause kam, so am späten Nachmittag, klingelte bei ihm meist 
erst der Wecker. Etwa eine Stunde lang - ich träume manchmal heute 
noch von diesem penetranten Geräusch. Erst dann regte sich etwas, die Tür zu seinem Zimmer ging dann auf und - babäm - die Badezimmertür wurde zugeknallt. Wenn es Dienstag, Donnerstag oder Sonntag war, ging er dann duschen. Wenn nicht, parfümierte er sich etwa zehn Minuten lang ein, damit bloß niemand merkt, dass eben nicht Dienstag, Donnerstag oder Sonntag ist.

Die ganze Wohnung roch dann also nach Puff, wenn Sebastian sich 
"gewaschen" hatte. Daran konnte ich auch immer erkennen, ob er schon wach war, wenn ich mal etwas später nach Hause kam.

Blöd war auch, dass Sebastian scheinbar nie gelernt hatte, wie man 
eigentlich Geschirr spült oder den Boden wischt. Wenn ich nach Hause 
kam, war ich immer erst einmal beschäftigt, sein Geschirr zu spülen. 
Vor allem die Tassen, denn die sammelte er immer in seinem Zimmer, 
bis keine mehr im Schrank waren. Dann stellte er die dreckigen Tassen 
einfach an die Spüle, damit ich sie spülen konnte. Irgendwie muss ich 
ja auch meinen Kaffee trinken können - da hatte er schon Recht. So 
ähnlich war das auch mit den Töpfen, den Tellern, den Löffeln... 
eigentlich mit allem.

Sebastian war auch immer sehr vergesslich. Einmal hat er die Pizza im 
Ofen vergessen und als ich nachts nach Hause kam, lag er schlafend 
vor seinem Fernseher. Ich weiß nur deshalb, dass es eine Pizza war, 
weil der Karton auf dem Küchentisch stand. Das Etwas im Ofen 
erinnerte eher an Steinkohle. Es dauerte fast eine Woche, bis ich 
durch exzessives Lüften den Geruch aus der Küche raus hatte.

Er hatte es sogar einmal so eilig, dass er keine Zeit mehr hatte, die 
Wohnungstür hinter sich zu schließen, als er an einem Freitagmorgen 
(ja, manchmal klappte das mit dem normalen Tagesrhythmus) seine 
Eltern besuchen fuhr. Als ich am Mittag nach Hause kam, habe ich 
nicht schlecht gestaunt, dass noch alles in der Wohnung war. Ich habe 
erstmal die Tür zugemacht und ihn angerufen und er versicherte mir am Telefon, dass sowas halt hin und wieder mal passiere.

Hin und wieder passierte aber auch anderes. Einmal im Monat vergaß er mindestens seinen Schlüssel, die Dame am Telefon des Schlüsseldienstes kannte ihn vermutlich schon beim Vornamen. Oder es passierte, dass er nach dem Kochen (natürlich immer nachts) die  Herdplatten an ließ. Ein Wunder, dass die das überlebt haben.

Ach, ich könnte jetzt noch so viele Dinge erzählen. Beispielsweise, 
wie es ist, wenn man nach zwei Wochen Ausland wieder nach Köln kommt und erst einmal den Müll wegbringen muss, weil Sebastian auch das vergessen hatte. Der Mülleimer war zwar bereits randvoll, aber man stapelte einfach. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich vor lauter Ekel kotzen musste.

Nie wieder Wohngemeinschaft, mein Lieber, das verspreche ich dir 
hiermit ganz feierlich und hoch und heilig und so. Es war ein 
Experiment, das mal ganz gehörig daneben ging. Es ist eben doch viel 
angenehmer, nur das eigene Geschirr zu spülen und die eigenen Haare aus der Badewanne zu puhlen.

Geduld zahlt sich eben doch aus!

Grüß mir Augsburg!
Patrick

dbna.newsletter
Bleibe immer up-to-date.
Abonniere unseren wöchentlichen Newsletter!
Weitere Quellen: Bilder: photocase.com