Fortbildung und Kooperation

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In Hamburg wird verstärkt an Konzepten gearbeitet, das Thema Homosexualität besser in den Unterricht zu integrieren, um den betroffenen Schülern ein Coming-out zu erleichtern. dbna sprach darüber mit Beate Proll vom  Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung.

Beate Prolls Arbeitsplatz ist ein Büro mit zwei Wandregalen, gefüllt mit Unterrichtsmaterialien und Akten. Sie arbeitet für das Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung ("LI") und ist für den Arbeitsbereich Gesundheitsförderung, Sexualerziehung und Gender zuständig. Für dbna nimmt sie sich Zeit, Fragen rund um ihre Arbeit und die neuen Angebote zum Thema Homosexualität zu beantworten.

Wie sah die Arbeit zu dem Thema Homosexualität vor den Neuerungen aus, die nun anstehen?

Bisher wurde das Thema Homosexualität an einigen Schulen aufgegriffen und auch meiner Meinung nach richtig gut bearbeitet, an anderen Schulen weniger.

Fakt ist, dass unabhängig von der Schulform die wenigsten Schülerinnen und Schüler in ihrer Peergroup geoutet sind und zum Teil für sich konstruierte Identitäten erfinden: Teilweise treten schwule Jugendliche in Absprache mit einer festen Freundin auf.

Alles andere wollen sie sich nicht geben, ein Outing ist ihnen berechtigterweise zu anstrengend und häufig angstbesetzt. Dies ist auch immer noch bei Lehrerinnen und Lehrern zum Teil der Fall. Das Outing überlegen sie sich dreimal. Häufig gibt es ein halbes Outing, das Kollegium weiß Bescheid, die Eltern nicht.

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Wie möchte das LI die Akzeptanz von Homosexualität in Schulen in Zukunft verbessern?

Uns ist ein großes Anliegen, und das entspricht auch der aktuellen Sichtweise von Sexualpädagogik, dass Homosexualität nicht als Sonderthema behandelt wird. Der Klassiker ist, dass die Lehrkraft bei dem Thema HIV/Aids und sexuell übertragbare Krankheiten in der 8. oder 9. Klasse in Zusammenhang mit den Risikogruppen etwas zu Schwulen sagt. Lesben fallen da meistens heraus. Dies ist oft der erste Berührungspunkt als Unterrichtsinhalt.

Wir wollen in unserem geplanten Unterstützungsangebot für Lehrerinnen und Lehrer deutlich machen, wie man das Thema in ganz viele unterschiedliche Unterrichtsinhalte integrieren kann. Außerdem haben wir seit Februar eine neue Kollegin mit der Aufgabe, Fortbildungen durchzuführen, Schulen und einzelne Lehrerinnen und Lehrer zu beraten und zu gucken, was man Schulen an gelungenen Methoden und Materialien anbieten kann.

Von einer versierten Sexualpädagogin haben wir ein aktuelles Methoden-Materialtool zum Thema gleichgeschlechtliche Lebensweisen entwickeln lassen. Das soll in dem Schuljahr 2010/2011 von Lehrerinnen und Lehrern in einer Erprobungsphase genutzt werden.

Ein weiteres Standbein wird ein Internetangebot für alle Zielgruppen, also für Jugendliche selbst, Eltern und für Pädagoginnen und Pädagogen sein.

Weiterhin werden wir einen Kooperationsvertrag mit dem Peerprojekt Soorum am MHC schließen. Dabei geht es um die Weiterentwicklung des Konzeptes und die Zusammenarbeit mit Schwerpunktschulen.

Dann überlegen wir, wie man Eltern verstärkt mit ins Boot holen kann. Die Erfahrung zeigte, dass Elternveranstaltungen direkt zu dem Thema nicht gerade großartig besucht werden.

Wird jemand vom LI in die Klassen gehen?

Nein, wir vom LI aus, bis auf ganz wenige Ausnahmen, arbeiten grundsätzlich nicht mit Schülerinnen und Schülern.

Wir würden gern stärker regelhaft Beratungseinrichtungen mit einbinden. Dazu gehört die schon erwähnte Zusammenarbeit mit Soorum. Dieses Angebot sollte von Schulen sortiert genutzt werden: Nicht, dass so ein Peerprojekt nur angefragt wird, um das Thema danach abzuschließen.

Die Schulen sollen sich genau überlegen, wie sie in dem Bereich weiterarbeiten können. Dabei unterstützen wir sie.

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Ist es geplant, die Unterstützung zur Entwicklung der sexuellen Identität in den Bildungsplänen zu verankern?

Ja, in den Rahmenplänen und in den Richtlinien zur Sexualerziehung wird das Thema aufgegriffen.

Es gibt zukünftig eine Weiterbildung für Referendare. Warum nur für Referendare?

Nein, die Weiterbildung für Referendare gibt es auch für Lehrerinnen und Lehrer. Bei der Ausbildung wird die Thematik "sexuelle Identität" im Wahlmodul zur Pubertät aufgegriffen. Und genauso verhält sich das auch bei den Lehrerinnen und Lehrer, die sich selbst aussuchen, welche Fortbildungen sie nutzen.

Was können Schülerinnen und Schüler tun, die von Homophobie betroffen sind?

Wir beraten in diesem Arbeitsbereich des Landesinstituts keine Schülerinnen oder Schüler. Wenn eine Schülerin oder ein Schüler hier anruft, leiten wir sie an eine entsprechende Beratungseinrichtung weiter.

Es gibt bereits Unterstützungsangebote für Schulen im Bereich Mobbing. Hier werden wir uns mit den zuständigen Kolleginnen und Kollegen darüber austauschen, inwiefern die Facette Homophobie eine Rolle spielt und wie man die Thematik entsprechend, ohne dass man dann etwas völlig Neues machen muss, in bestehende Unterstützungsangebote integrieren kann.

Gibt es noch etwas, was Sie an dieser Stelle loswerden möchten?

Ein weiteres Entwicklungsfeld wird der Bereich Transsexualität / Intersexualität sein. Es ist für Bildungseinrichtung eine ganz große Schwierigkeit, mit transsexuellen Kindern und Jugendlichen umzugehen. Ist er sie, ist sie er?

Hier eine Offenheit zu erzeugen, ist dann wohl noch mal ein weites Entwicklungsfeld. Aus Sicht der Schule ist mit dem Thema sexuelle Identität ein Anfang gemacht. Ein Ziel ist es, das schrittweise auszubauen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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