Freaks oder Fans?

Redaktion Von Redaktion

Im Zuge der Globalisierung schwappen moderne Kulturerscheinungen rund um den ganzen Globus. So hat sich vor allem im Westen eine Gemeinde gebildet, die der heutigen japanischen Kultur sehr zugetan ist. dbna stellt diese vor.

"Der Otaku ist ein zurückgezogenes, scheues Wesen, das monomanisch [d.h. zwanghaft] einem Interessengebiet nachgeht, in dem Bestreben, dieses vollkommen zu beherrschen, darin Meisterschaft zu erlangen und dafür nur zu bereitwillig den Preis zu zahlen, alles andere völlig auszublenden." Das schrieb Volker Grassmuck 1999 in einem Aufsatz über das Phänomen des "grassierenden Otakismus".

Ursprünglich bedeutet Otaku im Japanischen "Ihr Haus" oder "Ihre Familie". Es wird als höfliche Anrede gebraucht und ist vergleichbar mit dem deutschen "Sie". Anfang der 80er Jahre ahmten die Fans einer sehr beliebten Anime-Serie (Superdimensional Space Fortress Macross) einen Sprachtick der Serienfiguren nach und redeten sich übertrieben höflich gegenseitig mit "Otaku" an. Dieser scherzhafte Gebrauch griff allgemein bei Manga- und Anime-Fans um sich. Erst ein außenstehender Kolumnist verwendete dann schließlich Otaku als Bezeichnung für die Fans und gab ihr eine negative Konnotation, indem er den männlichen Fans die typischen Nerd-Klischees (unsportliche Stubenhocker, entweder unter- oder übergewichtig, Brillenträger und geringer Beliebtheitsgrad in der Schule) verpasste. Durch einen Serienmörder Ende der 80er Jahre, den die Medien als Otaku identifizierten, wurde Otaku zusätzlich noch zum Synonym für "potenzieller Serienkiller".

Individualismus gegen Tradition

Von dieser negativen Meinung ist auch Grassmuck geprägt. Michael (26) kann ihr so nicht zustimmen. Er bezeichnet sich selbst als Otaku. Auch hat er sich einen Spitznamen gewählt und nennt sich in Otaku-Kreisen selbst Tizumo. Er gibt zwar zu, dass die Beschreibung Grassmucks das Bild eines japanischen Otaku sehr gut treffe, aber man müsse das im Rahmen der japanischen Kultur selbst sehen. "Individualismus ist in Japan nichts Gutes - und genau das verkörpert ein Otaku bis ins Extreme", sagt er, der sich nicht nur für die modernen Kulturerscheinungen Japans wie Manga oder Anime interessiert, sondern auch für die ältere Geschichte und Kultur dieses Landes. Wenn man von sozialer Kompetenz in Japan spricht, dann könnte man das aus europäischer Sicht als Unterwerfung einstufen. "Darum", begründet Tizumo, "können sich Otaku in beiden Ländern gleichen, doch die Umwelt nimmt sie unterschiedlich wahr."

Der Begriff wurde schließlich auch in den Westen exportiert, wo er selbstbewusst von den Manga- und Anime-Fans aufgegriffen wurde. Allerdings war man sich dabei zuerst der negativen Konnotation nicht bewusst. Als diese dann doch bekannt wurde, wandten sich einige westliche Fans von dem Begriff ab, während sich umgekehrt in Japan aufgrund von Meldungen über westliche Fans, die sich selbst als Otaku bezeichneten, das Bild positiv veränderte. Dazu kam, dass man gleichzeitig in Japan das Otaku-Phänomen als moderne und positive Jugendkultur zu verstehen begann, indem man sich der Realität annäherte und sich eben nicht mehr auf die Ausnahmefälle beschränkte. Auch die weiblichen Fans wurden mehr in die Betrachtungen miteinbezogen, um so der simplen Vorstellung vom Otaku als männlicher tickender Zeitbombe zu widersprechen.

Michael stieß auf die moderne japanische Kultur in Form von Anime, die im deutschen Fernsehen der 90er Jahre liefen, wie Captain Future, Saber Rider oder Kickers. Als Sailor Moon schließlich in Deutschland ausgestrahlt wurde, begann er sich richtig intensiv mit Manga und Anime zu beschäftigen. Dazu kamen dann noch die Spielekonsolen von Nintendo und Sony. Der Energieelektroniker begann sich zu vernetzen: "Ich lernte Freunde kennen, die das selbe Interesse hatten wie ich, und dann lernte ich auf einer Comic-Messe das Wort Otaku kennen." Ihm war die negative Bedeutung bewusst. "Damals war man als Otaku ein Freak, aber ich war das gerne", gesteht er. Die irritierten Blicke auf diese Aussage hin ist er gewohnt und liefert auch gleich eine Erklärung: ein Freak müsse sich nicht anpassen, er könne machen, was ihm gefalle. Es sei schwer vorstellbar, wie befreiend es sei, alles mit einem Wort abzulegen, was die Gesellschaft von einem erwarte, meint Michael.

Keine Vorurteile!

Dabei hatten die Otaku anfangs einen eigenen Verhaltenskodex, den Michael auf drei Punkte zusammenfasst: Man versucht keine Vorurteile gegen andere zu haben. Man versucht niemanden einzuengen. Man versucht niemanden zu belästigen. "Klar sollte das eigentlich normal sein, aber man weiß, wie es wirklich ist", meint er betrübt. Besonders sieht er hier den Unterschied zu der schwulen Szene, wo er wegen seiner Bisexualität angegangen wurde.

Inzwischen hat sich die Otaku-Gemeinde aufgrund eines enormen Wachstums stark in einzelne Gruppen zersplittert: Anime-/Manga-Fans, J-Pop- und J-Rock-Fans, Konsolenspieler, Cosplayer (japanische Abkürzung für costume player), Tradingcard-Gamer und viele mehr. Dennoch löse sich der Zusammenhalt insgesamt nicht auf, wie Michael auf den großen Conventions (Fantreffen mit unterschiedlichem Hintergrund, zum Beispiel die Animagic) immer wieder feststellt, weil dort die einzelnen Gruppen aufeinandertreffen.

Randgruppe vs. Mainstream

Allerdings leidet die ältere Otaku-Gemeinde unter einem Problem: die moderne japanische Kultur wird immer mehr zum Mainstream. Die Außenseiterrolle, die man vorher bewusst einnahm, löst sich immer weiter auf, während die Jungen sehr oberflächlich seien und das Dasein als Otaku auch aus Michaels Sicht nicht mehr ernsthaft betreiben. Dennoch wolle man Randgruppe bleiben. Zeitgleich wird nun aber der Begriff Otaku auch wesentlich wertfreier verwendet, wobei immer noch oft die Otaku in Deutschland als kindisch wahrgenommen werden, solle doch Zeichentrick eben nur für Kinder sein. Aber das schweißt auch zusammen. "Gegen den Widerstand von außen oder gerade wegen des Widerstands halten wir zusammen", verkündet Michael mit Nachdruck.

Insgesamt haben sich Michaels Interessen verlagert. Während er sich früher nur mit Animes und Mangas beschäftigte, hat er heute viel mehr Interessen. Das einst zeitintensivere Hobby wurde zur Lebenseinstellung. "Ich bin nicht mehr Otaku, weil ich mich für Japan interessiere, sondern weil ich es gerne bin", bekennt der 26jährige freimütig. So ist für ihn das Otaku-sein eben nicht nur Interesse für moderne japanische Kultur und Toleranzdenken. Michael definiert es als den Willen dazu gegen den Strom zu schwimmen, etwas Besonderes sein zu wollen, gepaart mit ein wenig mehr Egoismus als normal. Auch ein wenig Kindsein gehöre dazu. Und wer will schon wirklich erwachsen werden?

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