Fremdeinschätzung

Redaktion Von Redaktion

Die Zeit vor dem Absturz ist die Schönste. Man sorgt sich nicht und lebt. Dass das auf Dauer nicht funktioniert ist klar. Es bedarf einer Fremdeinschätzung, um es heraus zu finden. Von einem netten Menschen, so wie ich immer einer gewesen bin.

Lieber Gott, ich bin immer ein netter Mensch gewesen. Ich bin früher in die Kirche gegangen, habe immer meinen Teller leer gegessen und das ungenießbare Gemüse an den Hund verfüttert. Ich habe immer meine Hausaufgaben gemacht und geholfen, wo ich konnte. Ich besitze einen iPod und verdiene mein eigenes Geld. Okay ich schreibe hin und wieder über Tod und über Leichen an alten Eichen, aber danach habe ich immer sofort ein schlechtes Gewissen wirklich! Ich bin nicht der Typ Mensch, der sich mit fünfzehn so richtig prima fand und sich seitdem nicht verändert hat.

Nein ich habe mich verändert. Ich bin vernünftig geworden. Anders geworden. Ich selbst geworden. Inspirationsmarathon. Ziel erreicht. Erster. Oder so ähnlich. Ein bisschen Dada vielleicht, aber so gefalle ich mir und so gefalle ich den anderen.

Der Tag war denkwürdig in jeder Hinsicht. Der Friseurtermin, die AutoBILD. Das Wetter, das nur besser werden kann. Und dann das Telefon. Dieses Telefon, das ständig klingelt. Menschen, die mir etwas erzählen wollen. Erzählen müssen und froh sind, überhaupt erzählen zu können. Diese Menschen erzählen mir dann von meiner Arroganz. Meiner. Arroganz. Ich bleibe ruhig und frage mich wie arrogant es ist, mich als arrogant zu bezeichnen. Ich hole tief Luft. "Ich kann dir nicht folgen", sage ich angriffslustig. "Na, deine Arroganz. Deine feindselige Haltung und wie du sie äußerst.", sagt das Telefon. Ich komme mir vor wie in Berlin. Wie in einer Sackgasse. Wie ein Zuckerstreuer, der in der Kanalisation von Ratten zugekotet wird. Es dauerte fünf Minuten, da war ich wirklich arrogant.

Was nach dieser Beschuldigung folgte war inhaltslos. Wie so vieles in der schwulen Welt. Ohne Inhalt lebt sich besser, sorgenfreier. Lässt sich besser ficken und ich frage mich sowieso schon seit geraumer Zeit, was all die ganzen Inhalte sollen. Ein bisschen Inhaltslosigkeit auf die Wangen pudern, die gewisse Ist-mir-doch-egal-Einstellung in die Augen projizieren und los gehts. Auf die nächster inhaltslose Party, oder in das nächstgelegenste Bett, das zwar nicht inhaltslos ist aber ohne Inhalt auch gut wäre, denn dann hätte man mehr Platz und das ist gut, weil alles andere ist sowieso doof und inhaltsloser als man selbst.

Ich bleibe stehen und sehe mich um: wir stehen am Abgrund. Würden uns selbst einen Gefallen tun, wenn wir einen Schritt vorwärts wagten. Aber das tun wir nicht, denn wir sind feige. Zu inhaltslos, um diesen Schritt zu wagen. Man sagt seine Meinung und ist arrogant. Man bewirkt Veränderungen im Leben und gilt als Besserwisser, arroganter Besserwisser. Da stehen wir also, irgendwo im Jahre 2006 und haben verlernt über uns selbst nachzudenken. Sind zu sehr mit inhaltslosen Partys, inhaltslosem Sex und inhaltslosen Inhalten beschäftigt um die Kurve zu kratzen. Sehen nur die anderen, die alles schlecht machen und doof sind und herrje total inhaltslos, weil wir sind doch sowieso besser und vergessen dabei ständig, selbst einmal einen Blick in den Spiegel zu wagen. Vermutlich aus Angst, in die absolute Leere zu blicken. 

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Weitere Quellen: photocase