Gaydar: Was ist dran?

Patrick Fina Von Patrick Fina

Kann man andere Schwule erkennen? Gaydar nennt sich dieses angeblichePhänomen, auf das viele Schwule zählen. Alles Hokuspokus, oder ist dochwas Wahres dran? In Köln sind wir der Sache durch einen Test auf die Schliche gegangen!

Wenn ich über den Gaydar schreibe, meine ich nicht das Internetportalaus UK, sondern über die angebliche Fähigkeit schwule Menschen zuerkennen. Das Wort Gaydar besteht aus den beiden Wörtern "gay" und"radar", und erklärt sich somit eigentlich selbst. Einige Schwuleschwören drauf, andere stempeln ihn als Schwachsinn ab und verdrehendie Augen sobald man ihn erwähnt. Ich stand der ganzen Sache auch eherskeptisch entgegen, und wollte genau wissen, was Sache ist.  

Ein regnerischer Nachmittag in Köln. Zusammen mit meiner CousineClaudia hab ich mich auf den Weg in die Metropole gemacht, um demMythos Gaydar mit einem etwas außergewöhnlichen Test auf die Schlichezu kommen. Claudia musste mitkommen, um den Test neutral zu gestalten.Der Plan war folgender: Mitten in der Kölner Innenstadt wollten wir unspositionieren. Claudia hatte die Aufgabe einen Mann aus der Mengeherauszusuchen, der sich nicht "typisch schwul" verhielt. Ich solltedann sagen, ob dieser Mann schwul oder nicht schwul ist. Zusammenwürden wir den Mann dann ansprechen und ihn gerade heraus fragen, ob erschwul oder heterosexuell sei. So wollten wir meinen Gaydar testen. Ichstand der ganzen Sache immer noch skeptisch entgegen, sollte aber baldeines Besseren belehrt werden.

Weil Pläne dazu da sind umgeworfen zu werden, sah die Praxis etwasanders als die Theorie aus. Gerade als wir anfangen wollten, fing esheftig an zu regnen. Deshalb mussten wir den ganzen Test in den KölnerHauptbahnhof verlegen. An unserem Prinzip änderten wir allerdingsnichts. Also machten wir uns auf den Weg zum Hauptbahnhof, und kaum alswir im Trockenen waren, wurde ich direkt auf die Probe gestellt. "Dadrüben der mit der Jeansjacke, der Brille und den etwas längerenHaaren", meinte Claudia. Und stellte mich damit vor eine harte Probe.Der Kerl sah halt aus wie ein Mann, egal ob nun schwul oder hetero."Schwul", sagte ich einfach heraus, und bereute meine Wahl schon fastwieder. Dann kam das Schwerste. Wir gingen auf den jungen Mann zu undfragten ihn nach seiner Sexualität. "Ich bin natürlich hetero", sagteer. Na toll, der Test fängt ja schon gut an.

Etwas demotiviert ging es dann weiter ans Werk. Beim Bäcker stand unsernächstes Opfer. Dieser Mann war anders als der zuvor. Hier fiel es mirschon viel leichter "schwul" zu sagen. Und nachdem der Mann seinBaguette bezahlt hat, läuft er uns direkt ins Netz. Wir konfrontierenihn mit der Situation und auf die Frage ob er schwul oder hetero seiantwortete er etwas schüchtern: "Na, wenn ich das selber wüsste".Treffer! Obwohl es eigentlich nur ein halber ist. Aber immerhin ist erscheinbar nicht ganz heterosexuell, und zählt bei unseren Kriteriendaher als schwul. 1:1 stand es also schon auf unserer Liste, undneugierig fragten wir weiter. Nach etwa einer halben Stunde und dreiweiteren Opfern hatte ich eine Trefferquote von 80%, was mich ehrlichgesagt doch ziemlich baff gemacht hat. Ist doch was dran, amsogenannten Gaydar?

Eine Stunde später: Wir ziehen Bilanz. Zehn Personen haben wir befragt.Vier Kandidaten habe ich als schwul eingeschätzt. Davon waren zweiStück wirklich schwul. Sechs Kandidaten schätzte ich für hetero, dabeiwar einer von ihnen schwul. Eine Trefferquote von 70%, die ich andiesem regnerischen Nachmittag in Köln ablieferte. Ein Ergebnis, mitdem ich niemals gerechnet hätte. Aber ob ich deshalb nur wirklich anden Gaydar glauben soll? Vielleicht war es auch nur Zufall? Wobei eineTrefferquote von 70% schon recht hoch ist, und ob so was wirklichZufall sein kann?

Als ich gerade darüber nachdachte, stach mir ein kleines Grüppchenpubertierender Mädchen ins Auge. Stimmt es wirklich, dass die jungeGeneration toleranter ist, als die ältere? Und wo wir nun schon in Kölnwaren und irgendwelche Dinge testeten, machten wir uns auf zurMädchengruppe und stellten sie ganz offen vor die Frage: "Was haltetihr von Homosexualität?" Im linken Flügel bricht ein Lachen aus, unddrei der insgesamt sieben Mädchen dreht sich prustend weg. Die anderenMädels bleiben allerdings erst, und eine erzählt mir sogar, dass sieeine lesbische Freundin hat. Auf einmal wird es still im linken Flügel,und alle schauen verwundert auf das Mädchen mit der lesbischenFreundin. "Ich find nichts Schlimmes dran, und habe kein Problem damit.Ich war sogar mit ihr auf dem CSD in Köln, und es war ein toller Tag".Verwunderung in den Augen des linken Flügels, bis sich die erste traut:"Wie jetzt!" Mit ihrer Diskussion wollte ich die Mädels alleinelassen, denn ich hatte genau das, was ich gesucht habe. Toleranz.Zumindest im überwiegenden Teil der Gruppe.

Jetzt fehlte uns nur noch der direkte Vergleich, und den fanden wir inForm einer kleinen Gruppe Rentnerinnen aus Mohnheim, die tratschend aufdem Vorplatz des Bahnhofes stand. Mit gemischten Gefühlen stellte ichmeine Frage, schließlich wusste ich nicht, wie locker die Damen aufmeine Frage reagieren würden. Zuerst wies man mich drauf hin, dass mangar nicht aus Köln, sonder aus Monheim komme. Als ich sie dann daraufhingewiesen habe, dass es auch in Monheim Homosexualität gibt, bekamenwir die Antwort, die wir hören wollten: "Nun ja, schließlich hat sichniemand selbst geschaffen! Wenn die Gene nun mal da sind, sind sie haltda! Ändern kann und sollte sowas man auf gar keinen Fall!" Strike! Danndiskutierte man noch ein bisschen über Westerwelle, der ja "immer nochder Gleiche" ist und über Medien, die nach Meinung der Damen einfalsches Bild von Homosexualität wiedergeben. Eine Bitte haben dieRentnerinnen aus Monheim allerdings doch: Schwul hin oder her, in derÖffentlichkeit sollte man sich dennoch anpassen und nicht allzu sehrauffallen. Auch hier fanden wir Toleranz. Wir wünschten eine guteHeimreise und machten uns selber auf den Weg nachHause.       

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